Guten Morgen, Du Schöne
Ich hatte mir dieses Buch der blutjungen Carolin Würfel (40) zum Geburtstag gewünscht, weil mir signalisiert worden war, dass es das Beste an DDR Aufarbeitung ist, was die bundesdeutsche Literaturlandschaft zu bieten hätte und zur Genesung von einer viralen Krankheit beitrug.
Diese Genesungswünsche hätte man auch den drei Autorinnen zugedenken können, die Carolin in den Blick nimmt: Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf, alle drei verstorben und Maxi Wander und Brigitte Reimann schon in mittlerem Alter durch Krebs aus dem Leben gerissen. Schön führt uns die Autorin in die Biographien und die Herkunft dieser drei Autorinnen ein, sodass man schon glaubt, dass die Signale berechtigt waren, wenn man nicht das penetrante Gendern monieren müsste. Der Stil ist ansonsten leicht und prall von Interessantem. Christa, die Vertriebene, die als blutjunges Mädchen noch dem Nationalsozialismus anhing, Maxie die Wiener Kommunistin, die mit ihrem Mann in die DDR gekommen war, und Brigitte, die in Burg aufwuchs, die unterschiedliche Temperamente besaßen, aber auch selbst die Chancen des weiblichen Geschlechts in der neuen Gesellschaft repräsentierten.
Dann folgt der mittlere Teil: Ankunft im Alltag, der meines Erachtens die Schwierigkeiten, die das rigide System den drei Schriftstellerinnen offerierte, etwas überbetont. Immerhin wurde ihnen durch ebendieses System zu einer Berühmtheit verholfen, die sie sonst nie hätten erreichen können. Die Heerscharen, angefangen vom Politbüro über eine Schar von Lektoren, Gutachtern, Zensoren und ja, auch des MfS hatten jede Zeile gelesen, hin und hergewendet, ob sie den beabsichtigten Zielen eher dienten oder diese über Gebühr in Zweifel zogen oder eben nur Unterhaltungs-, also Ablenkungswert besaßen. Welcher Schriftsteller würde sich das heute, vielleicht mit Ausnahme von Zensoren und MfS, nicht wünschen. Über welche bedeutenden Schriftstellerinnen der letzten dreißig Jahre, nachdem doch nun alles so wohlgefällig ist, würde man in 50 Jahren schreiben können?
Doch wir wollen nicht vorgreifen. Sobald die Systemschelte wieder stärker in den Hintergrund tritt, erstaunlicherweise im dritten Teil: Träume zerplatzen, wo man sich vielleicht Nachwendeimpressionen versprochen oder gefürchtet hatte, wird Carolin Würfel wieder persönlicher und demzufolge stimmiger. Dahinein gehörten die beiden Todesfälle und auch der große Wurf von Maxie Wander: Guten Morgen, Du Schöne, ein Buch, das eigentlich die DDR Frauen geschrieben hatten, denn es waren Interviewaufzeichnungen und leider entgeht es der Würdigung durch die Autorin, dass das Projekt DDR doch Interessantes hervorgebracht hatte, bei aller Tristesse, die das arbeitsreiche Leben der DDR Frauen, eingesperrt hinter dem eisernen Vorhang, kennzeichnete. Der Titel genial und die Idee genial, die von ihrem Mann Fred stammte und Maxie ihre Kontaktfreudigkeit ausspielen konnte. Da wurde dann auch der Unterschied zur westdeutschen Emanzipation deutlich und klingt in Würfels Buch auch verschiedentlich an, dass man sich nicht gegen die Männer wandte, sondern sie zu genießen wusste. Wer wollte heute noch ein Buch mit dem sperrigen Titel, der vielleicht witzig sein sollte, lesen: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen (Alice Schwarzer). Man war nicht verklemmt in der DDR und wenn es auch angeblich nicht gelungen sei, Menschen zu formen, so bin ich dagegen der Meinung, dass die Menschen und der Zusammenhalt das beste waren, was dieser Unglücksstaat hervorgebracht hat. Und man war nicht auf Klamauk aus und hat ja schließlich die erste friedliche Revolution in der Welt dann auch zustande gebracht. Das erforderte Disziplin und Vertrauen zu den Regierenden, die es nicht zum Äußersten kommen ließen.
So weit geht das Buch nicht, aber für eine junge Autorin eine anständige Leistung.
CER 24.2.2026