Saufgelage und Systemschmerz
Ein ehemaliger Kollege und Brieffreund hatte mir eigens das Buch von Robert Schimko, seines Zeichens Physikprofessor und ehemaliger Genosse, per Post zukommen lassen. Ich erinnere mich, dass ich sogar mal mit Professor Schimko telefoniert hatte als ich vor nunmehr sechs Jahren, noch mitten in der Coronakrise, mal eine Reise nach Lwow in der Westukraine plante. Dort hatte er nämlich studiert und verfügt über ausgezeichnete Kontakte in die ehemalige Sowjetunion. Überhaupt wimmelt es in dem Buch von Personen, denen er so im Leben begegnet ist und die er auch in höherem Alter noch alle namentlich zusammenbringt.
Die Erlebnisse seines Studiums und der Promotion dann in Tiblissi lesen sich fast ausschließlich als Saufgelage, was von der draufgängerischen Lebensart der Sowjetmenschen zeugt. Nur am Rande werden mal winzige Kristallkrümel gezüchtet, was nach langen vergeblichen Versuchen dann schließlich zum Erfolg führt, der dann wieder gehörig zu begießen ist. Unvorstellbare Geschichten tragen sich da zu, wie als er trunken in Tiblissi, nicht wissend, wo er sich überhaupt befindet, von zwei Straßenbahnfahrerinnen aufgelesen wird und diese ihn dann nach Hause fahren, indem sie einfach solche Weichenstellungen vornehmen (per Hand), die zum gewünschten Ziel führen. Eine Straßenbahn als Taxi – das gibt es sonst nirgends auf der Welt – und dazu noch umsonst, versteht sich, und unter Gesangsbegleitung der beiden Damen.
Obwohl er erst 1945 geboren wurde, ist diese Phase seines Lebens in den sechziger Jahren auch dadurch gekennzeichnet, dass er Ausländer und noch dazu Deutscher ist, die die meisten dort nur noch aus Propagandafilmen kennen. Dieses Gemisch aus Ehrfurcht, Abstand und Überlegenheitsgefühl gegenüber den Besiegten ist selbst mir noch in den achtzigern begegnet. Diese Erfahrung aus dem Großen Vaterländischen Krieg reichte ja bis in den Kaukasus, wo auch ich einmal mit Heil Hitler begrüßt worden war und die Enttäuschung immer groß war, dass ich nur aus der DDR und nicht aus dem Deutschland kam, das diese Traditionen eher fortsetzte und das nicht so gründlich besiegt war, wie wir.
In die damals üblichen Parteiquerelen mischt sich etwas Zynismus, der damals weniger angebracht war, und mir das Buch erst einmal schwer werden ließ. Dann folgen die zwanzig Jahre DDR, die Schimko eine steile Karriere als Forschungsleiter beim Berliner Werk für Fernsehelektronik (WF) bescherten und ihn bis in den Forschungsrat katapultierten. Dann, in der Nachwendezeit zahlt sich die humorvolle Sicht in sichtlich etwas unbeholfener Sprache, dann doch aus und das Buch wird so packend, dass ich es an einem Tag auslas.
In der dann gegründeten WF GmbH saß er auf einem ziemlich heißen Stuhl und hat sich mindestens drei Standbeine aufgebaut, die ihn wohl zu der Selbsteinschätzung geführt haben, Kleinkapitalist geworden zu sein. So auch der Titel des Buches „Ich bin Physiker und Kleinkapitalist“. Diese Phase ist zwar auch nicht gerade Literatur zu nennen, setzt man den Maßstab der Sprache an und der Ausführlichkeit, wo diese angebracht erscheint. Aber vielleicht ist es eine ganz neue Art von Literatur, die von Erlebnisdichte zu bersten droht. Auch dort bleibt er der soziale Mensch, der von vielerlei persönlichen Begegnungen, sei es im Flugzeug oder im heimischen Amanullah Saal im WF, den er auch mit seiner Firma nutzte, zu berichten weiß.
Auch im angeschlossenen Osten gelingt es ihm, in die Geländekammern der Macht zu blicken, auch wenn er sich bescheidener Weise nur als Feigenblatt, als Vorzeigeossi versteht. Dass der Osten in haarsträubender Weise bei den Beitrittsverhandlungen und dem Ausverkauf durch die Treuhand über den Tisch gezogen wurde, belegt er gut, wenn man dem natürlich auch gegenüberstellen müsste, die erheblichen Investitionen, die seitdem in den Osten flossen, sodass wir nicht nur ein relativ gesichertes Auskommen haben, sondern auch die Städte und Gemeinden ein vorbildlicheres Aussehen gewannen. Hatten sich nicht zum Ende der DDR allerorten unmäßige Forderungen geltend gemacht?, so auch beim WF, wo noch mal rasch ein anderthalb Milliardenprojekt auf den Weg gebracht werden sollte.
In Professor Schimko begegnet uns einem eher ein Manager, nicht einer, der sein Leben lang einer konkreten Arbeit nachgegangen wäre und vielleicht zu den Millionen gezählt hätte, die als unbrauchbares Menschenmaterial gleich mal entlassen wurden und dann in ABM Maßnahmen zunächst Naturschutzgebiete einhegen sollten, aber er gibt uns eine wertvolle Skizze von diesem historischen Prozess, vor dem jeder, der konnte, sich in die Rente zu retten versuchte. Wir erfahren mehr über die vielen Menschen, die ihm begegnet waren als von seinen eignen Empfindungen und Gedanken, die es wohl gegeben haben muss. Den Blick in seine Seele gewährt dieses Buch nicht, dazu müsste man vielleicht eine Flasche Samogon mit ihm leeren.
Danke für dieses Buch. Prost auf die Gesundheit.
CER 17.2.2026