Fühmanns Prometheus
Was müssen das für Kinder gewesen sein, die aus dem sozialistischen Bildungssystem hervorzugehen gedacht waren, dem wie allem damals Franz Fühmann wohl auch kritisch gegenüberstand, aber er sich immer wieder diesen Kindern auch zuwandte, ihnen Poetisches nahebringen wollte, was vielleicht die einzige Waffe des Widerstands hatte sein können in einem System, das wohl eher einer Monarchie ähnlich wurde als es es je hatte sein wollen, denn das Kaiserreich hatten ja sogar die Sozialdemokraten ad acta gelegt und wie nun erst die Kommunisten, die sich mit ihnen aus Einsicht in die fatale Spaltung und ein wenig zwangsvereinigt hatten und doch dominierten. Das Buch Fühmanns war als geeignet für Kinder ab 11 Jahren deklariert, die dann vielleicht die Eigenschaft der Götterkinder gehabt haben müssen, dass sie von Geburt an denken und sprechen konnten, ganz wie Erwachsene.
Es ist ganz unmöglich, alle Aspekte von Fühmanns Buch Prometheus, die Titanenschlacht darzulegen, aber einiges sei hier herausgegriffen. Die Urmutter Gaia, die aus dem Chaos entstanden war, hatte mit ihrem Mann Uranos noch weitere drei Generationen hervorgebracht, Söhne, Töchter, Enkel und Urenkel, die bei Fühmann eine echte Entwicklung durchlaufen. Sie liebt alle ihre Nachfahren, ohne Unterschied, auch wenn sich diese noch solcher Verbrechen schuldig gemacht haben. Dabei stehen am Ende jeder dieser Fruchtbarkeitsketten meistens auch Missgeburten, wie die Hundertarmigen in der zweiten Generation oder Hephaistos der Schmied in der vierten. Nur Kronos, der jüngste geratene Sohn der Gaia, bleibt es in der dritten Generation erspart, denn sein jüngster Sohn ist eben Zeus – eine der psychologisch interessantesten Figuren in dem Roman. Prometheus bleibt in dem Buch eigentlich nur interessant bis zu dieser Titanenschlacht, die der Sturz des Kronos ist. Dann beginnt er zum Guttinanen zu verblassen, von denen es als Gutmenschen auch heute noch wimmelt auf der Erde.
Das stärkste Kunstprodukt in diesem Buch bezieht sich nun auch tatsächlich auf Zeus, dem ja nicht gerade sympathische Züge nachgesagt werden. Als Zeus charakterisiert war, als auch schon tyrannischer Herrscher und er dann noch mit Prometheus abrechnen will, den er von seinen Schergen gefesselt vor sich bringen lässt und es noch zur Rede zwischen den beiden kommt, gelingt Fühmann der eigentliche Höhepunkt des Buches. Er stellt dar, wie Zeus, der eigentlich ein Strafgericht halten wollte, von der eigenen Rede getragen, sich eines Besseren besinnt. Er bringt nach und nach sehr einsichtige Argumente hervor, die die Notwendigkeit seiner Machtsicherung für jeden einsichtig belegen. Ein Beispiel dafür, wie man redend denken kann, und das musste man Zeus auf jeden Fall lassen, dass er bei aller Willkür und allem Frevel der Sinnenfreudigkeit auch scharf zu denken verstand. Klug lässt er dann Prometheus wieder losbinden und verlangt zunächst dessen Schwur, dass Prometheus seine Herrschaft nicht antaste, was ja immer noch als etwas zu zwingen versuchen anzusehen war. Prometheus zögert immer noch und ist ja inzwischen eben nur noch Guttitan. Das erkennt Zeus blitzschnell und bietet Prometheus an, sich ein beliebiges Reich aussuchen zu können und schwört selbst als erster, weder ihn noch sein Reich anzutasten. Das verblüfft dann Prometheus auf der Stelle und auch er leistet einen entsprechenden Eid.
Als vorletztes Beispiel will ich das des Hephaistos anführen, der in der Tradition der späten Missgeburten als Sohn der Hera, Zeus Schwester und Gemahlin, behaart und missgestaltet auf die Welt kommt und ihn Zeus ungehalten gleich nach der Geburt davonschleudert, wodurch Hephaistos in den Machtbereich der Gaia gerät, die ihn auch zunächst nur scheinbar herzlos antreibt, mit seinem gebrochenen Bein noch zu einem Feuer zu hinken und dort noch seine Krücke aus dem Feuer zu fischen heißt. Er sollte der Gott sein, der am längsten bei seiner Urgroßmutter zubringt und sie sollte ihn die Geheimnisse der Erde lehren. So wurde er zum einzigen Gott, der beständig arbeitete und wahre Wunderdinge hervorbrachte. Menschenkenntnis, oder besser Götterkenntnis, schien sie ihm allerdings nicht nahegebracht zu haben, denn eines Tages erscheint er mit reichen Geschenken vor seines Vaters, Zeus‘ Sitz und wird nun von diesem ob seiner einmaligen Fähigkeiten so geschätzt, dass Zeus ihm sogar die schöne und als ansonsten ziemlich als faul dargestellte Aphrodite zur Frau gibt und Hephaistos sich ein Loch in den Bauch darüber freut. Dem vorausgegangen war eine chirurgische Operation an Zeus mit nicht weniger feinen Instrumenten als einem scharfen Beil. Zeus hatte sich nämlich vor Zeiten an einer der Okeaniden vergangen und als diese ihm dann auf den Geist ging, verschlungen, und diese, die nicht wieder erwähnt wird, hatte in seinem Kopf Athene entbunden, die in ihrem Wachstum Zeus heftigen Kopfschmerz bereitet hatte. Hephaistos hatte mit einem gezielten Schlag dann Zeusens Kopf gespalten und Athene befreit, die wohl die erste schöne Frau gewesen ist, die er je nackt gesehen hat. Später versieht dieser einst so verhasste Sohn seinen Vater noch mit der Wunderwaffe des Blitzes, der die unangreifbare Macht des nicht gerade beliebten Zeus dann für alle Zeit besiegelt.
Als letztes Beispiel sei das des Hermes angeführt, der dem Prometheus in der durch Zeusens Wunderwaffe erzeugten Sahara erscheint. Dieser wundersame Knabe, der ja bei Aischylos nicht besonders gut weggekommen war, erscheint hier in der totalen Einsamkeit, wie der kleine Prinz von Saint-Exupéry dem Piloten in nämlicher Wüste. Auch Hermes, naseweis und selbstbewusst, gibt die entscheidenden Ratschläge zur Erschaffung der Menschen, was dann ein bisschen in Kitsch ausartet. Da ist dann schon Prometheus der ansonsten verstoßene Titan aus dem Kreise der Götter, selbst derer, die die Herrschaft des Zeus sehr kritisch sehen. So ist die Erschaffung der Menschheit in der griechischen Sage das Werk eines Verstoßenen, eines Einsamen. Was Apollon gegenüber Zeus vage geäußert hatte, dass den Göttern etwas fehle, was wohl das Angebetetsein von Millionen ihnen ähnlicher Wesen sein mochte, das ist wohl, was dann die Griechen für sich in Anspruch nehmen konnten, dass sie dem versuchten gerecht zu werden. Eben nicht nur einem Herrn ein Wohlgefallen zu sein, sondern sich je nach Lage der Dinge ausgewählter Gottheiten in ihren Taten zu bedienen und sie anzubeten.
CER 12.4.26