Niccolo Machiavelli – Der Fürst
Ich muss vorausschicken, dass ich nicht alle Umstände dieses im frühen sechzehnten Jahrhundert entstandenen Werkes dieses Dieners der Florentiner Republik kenne, aber es scheint gesichert, dass er zu Zeiten dieser Republik sehr aktiv war und es schwer ertragen konnte, unter den Medici aufs Abstellgleis geschoben worden zu sein, nachdem er viel Leid erfahren hatte, als es mit der Demokratie zu Ende gegangen war. So eignet er dieses einzigartige und weithin umstrittenes Werk dem Lorenzo de Medici zu. Den Medici also, die eine Weltmacht werden sollten.
Während andere Autoren mehrere Herrschaftsformen unterscheiden, sagt Machiavelli, er kenne nur zwei. Es handle sich entweder um eine Demokratie oder eine Monarchie. Heute würde man sagen, dass die Grenzen dazwischen schon fließend sind, denn manche Präsidenten oder Kanzler verstehen sich schon weniger als Diener des Volkes, sondern mehr als Alleinherrscher. Denen mag mancher der Ratschläge auch heute noch ans Herz gelegt sein, die einigen als diabolisch gelten. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, den Schein zu wahren, um keinen Hass im Volk zu erregen. Oder sich nicht von Ratgebern blenden oder sich schmeicheln zu lassen.
Die Beispiele, die er aus der älteren Geschichte aufführt, lassen an Perfidie nichts zu wünschen übrig. Wenn ein Fürst die Mächtigen seines Landes zu einem Gelage einlädt und dann die Erwählten unter dem Vorwand einer geheimen Besprechung in ein separates Kabinett bittet und sie dann allesamt von Soldaten meucheln lässt. Ja das Militärische spielt über weite Teile des Büchleins eine zentrale Rolle und war ja auch zu Zeiten der Römer ein ernstzunehmenderer Machtfaktor als das Volk. Nicht selten wandten sich die ausgesandten Legionen dann selbst gegen Rom. Gleichzeitig beklagt der Autor, dass ein Heer allein aus Italienern zu seinen Zeiten nicht mehr bestehen könnte, aber da er glühender Patriot ist, hofft er, dass die Italiener bald wieder zu ihrem Heroismus zurückfänden und sieht seine Zeit als geeignet an, sich gegen die Fremdherrschaft in Italien zu erheben, die durch Spanien, Frankreich und ja, auch die Schweiz zu seiner Zeit ausgeübt wird. Insgesamt ist die Erörterung der Herbeiführung des Kriegsglücks aber etwas ermüdend.
Die Crux des Buches ist aber, dass er wie selbstverständlich einen Monarchen voraussetzt und der Demokratie in Bezug auf Lebensfähigkeit keine Träne nachweint. Da hat er seinen Dante und Petrarca gut gelesen. Über Dantes Monarchia hatten wir ja in einigem nachgedacht, aber was man vielleicht diabolisch nennt, ist nichts weiter als lebensecht und dialektisch. Er stellt die fifty fifty Hypothese auf, dass nur 50 % des Verlaufs der Geschehnisse auf das Schicksal, oder wenn es einem lieber ist: auf Gott, zurückzuführen ist, die andere Hälfte ist menschliches Geschick und Anpassungsfähigkeit, das nach seiner Lesart zuförderst von dem jeweiligen Fürsten bestimmt ist. „“Gott tut nicht alles, weil er der Freiheit des menschlichen Willens keinen Eintrag tun und uns den Teil des Ruhmes lassen will, der unsere Handlungen angeht.“ Seltsamerweise ist Italien dann aber meines Wissens nach nie Königreich geworden, aber Machiavelli räumt eben auch mit den romantischen Vorstellungen eines solchen, wie wir es aus Märchen kennen auf und sagte, dass ein Monarch ebenso Mensch, Fuchs wie Löwe sein muss – eben mit allen Wassern gewaschen.
Man muss sich das alles nicht anlesen, wenn man selbst nicht die Absicht hat, Fürst zu werden, aber um ein Bild von Tälern und Bergen vom Autor zu entlehnen, kann man aus den Niederungen des Gedichtladens bewaffnet mit dieser Geistesgröße, dem Berge Alt BRD Establishment noch auf den Weg geben: „Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht mehr verabsäumen, die Fürsten, die ein Land durch die Hilfe ihrer Anhänger unter den Anwohnern erobern, zu erinnern, dass sie wohl erwägen, welche Ursachen jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht aus Zuneigung, sondern bloß aus Missvergnügen mit dem vorherigen Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mühe schwerlich zu Freunden behalten, weil es beinahe unmöglich ist sie zufriedenzustellen.“
Und noch ein Zitat, dass in der DDR Monarchie vielleicht eher Beachtung fand als heute: „Kein Staat glaube jemals mit Sicherheit auf etwas zählen zu können, sondern rechne beständig mit der Ungewissheit aller Dinge: denn die Welt ist so beschaffen, dass man jedes Mal, wenn man einer Verwicklung entgeht, in eine andere hineingerät. Die Klugheit besteht darin, unter ihnen zu wählen und die geringste auszusuchen. Ferner muss ein Fürst Sinn für tüchtige Leistungen bekunden und tüchtige Männer (und Frauen, die Red.) in jedem Fache ehren. Er muss den Bürgern Stimmung machen, dass sie sich friedlich in ihrem Berufe betätigen, sei es im Handel oder im Ackerbau oder anderm Gewerbe, dass sie nicht Sorge hegen, das, was sie erworben, genießen zu können, ihre Besitzungen, aus Furcht sie zu verlieren, vernachlässigen, aus Furcht vor neuen Steuern den Handel liegen lassen. Vielmehr muss er jeden dazu aufmuntern, und denjenigen, der der Stadt oder dem Staate auf irgendeine Weise förderlich ist, belohnen. Sein Volk muss er zu den gehörigen Zeiten im Jahre mit Festlichkeiten und Schauspielen beschäftigen, und da jede Stadt aus Zünften besteht, diese ehren, ihren Zusammenkünften zu schicklichen Zeiten beiwohnen, sich menschenfreundlich und freigebig beweisen, dabei aber seine Würde in allen Dingen behaupten, sie darf niemals vernachlässigt werden.“
So hätten wir im Tale es gern, so wollen wir vom Berge ge(nas)führt werden.
CER 4.3.2026