Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Zwei Briefe – aufgefunden in Italiens Himmeln

Zwei Briefe – aufgefunden in Italiens Himmeln

Brief von Dante Alighieri an Beatrice Portinari im Himmel
Florenz im Jahre 1290

Meine geliebte Beatrice,
ich habe mich einige Zeit nicht an Dich gewandt, nicht aus Mangel an Liebe, sondern weil mir die Worte fehlten, seit Du jene Welt verließt, in der Du noch leibhaftig wandeltest. Aber heute treibt es mich um, und Du wirst verstehen warum.

Ich habe versucht, etwas niederzuschreiben über die Ordnung der Dinge, über die Natur und die Heimat. Und immer, wenn ich darüber sinne, kehre ich zurück zu Dir. Nicht nur, weil Du der Stern warst, der mich zum Guten lenkte, sondern weil ich in meinem Nachdenken über die Natur eine Spur entdeckt habe, die mich unmittelbar an Dich denken lässt.

Ich habe entdeckt: das Ziel der Natur, ihre Voraussicht, das Eine, auf das hin sie alles bewegt. Ich habe auch erfahren, dass die Natur nicht stumm ist. Sie spricht – nur nicht mit Worten, sondern mittels Gestalt. Und sie spricht mir durch Dich. Das Eine, das Ziel hat sich mir noch nicht ganz entschleiert, aber wohin sie in Dir strebte, glaube ich zu wissen.

In meiner Schrift „Monarchia“ habe ich zu zeigen versucht, dass die Natur nichts umsonst tut, dass sie ihrem Ziel zustrebt wie eine Flamme nach oben, wie die Erde zur Mitte. Aber ich habe es nicht so sehr aus Büchern. Ich habe es an Dir gesehen. Du warst dieses, mein Ziel, in Deiner Erscheinung, in Deiner reinen Gegenwart. Nicht nur, weil Du so vollkommen bist im Sinne der Welt und in Deiner Schönheit, sondern weil in Dir die Natur etwas erreichte, das sie zuvor nur geahnt haben mochte: Ein Wesen, in dem sich ihre Göttlichkeit so zeigt, dass man es nicht mehr zu leugnen vermöchte.

Manchmal fürchte ich, dass mein Denken zu schwer geworden ist, zu verwickelt, zu sehr gefangen im eigenen Gefüge. Aber dann erinnere ich mich, wie Du mir zuhörtest, mich gelehrt hast, dass der Verstand nicht das Höchste ist. Das Höchste ist jene Freude, die die Natur, wenn sie dessen fähig ist, haben muss, dass das Sein, der Sinn sich mehrt.

Ich höre nicht auf, nach dem Einen zu suchen. Aber ich weiß nun: Dieses Eine für mich warst Du. Und es bleibt.

Vergib mir, wenn ich zu sehr in Gedanken verstrickt bin.
In unveränderter Liebe,

Dein Dante

Antwort von Beatrice Portinari aus dem Himmel
Himmel anno 1290
Mein lieber Dante,
ich habe Deinen Brief gelesen – und ich musste lächeln. Nicht über Dich, sondern mit Dir. Du machst es Dir schwer, mein Freund. Du türmst Gedanken auf Gedanken, suchst nach dem Einen, als wäre es ein Schloss, das sich nur mit einem Schlüssel öffnen lässt. Aber das Eine, das Du suchst, verschließt sich nicht vor Dir. Es atmet.

Du schreibst von der Natur, als wäre sie eine große Baumeisterin, die einen Plan verfolgt. Vielleicht ist das so. Aber von hier oben sehe ich sie anders: Sie ist nicht nur klug, sie ist auch zärtlich. Sie hat mich nicht geschaffen, um ein Ziel zu erreichen. Sie hat mich geschaffen, weil sie Freude daran hatte, mich zu erschaffen. Und Dich auch.

Du sagst, ich sei Dir das Eine gewesen. Das rührt mich, denn ich weiß, wie sehr Du nach dem Einen suchst, wie sehr Du es brauchst, um nicht zu straucheln in der Welt. Aber lass mich Dir etwas sagen, was ich hier gelernt habe: Das Eine ist nicht allein. Es kann sich teilen, ohne zu zerbrechen. Es kann in Dir sein und in mir und in einer Blume und in einem stillen Morgen und in all dem, was Du noch nicht einmal zu benennen wagst.

Deine Philosophie ist nicht vergebens. Aber sie soll nicht lasten. Sie soll leicht sein, so leicht wie die Flamme, von der Du sprichst. Du hast einmal gesagt, dass die Freude folgt, wenn das Sein sich mehrt. Dann mehre Du Dein Sein, aber nicht durch Grübeln. Durch Staunen. Du hast noch Zeit, mein Dante. Aber verschwende sie nicht mit zu schweren Gedanken.

Ich bin hier nicht fern von Dir. Ich war es nie.
In Freude, deren Ursache Du, mein Liebster,

Deine Beatrice

Engel:
Und ach, wie tröstet beide
Die Philosophie in ihrem Leide
Halb fertig er in Gedankengängen
Die sich noch winden in Breiten und Längen
Und sie, die poesiegewohnt
Weiß, dass viel Grübeln sich nicht lohnt
So brachte Hermes, der Himmelsbote
Auch bei diesen beiden alles ins Lote

CER und DeepSeek 29.3.2026