Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Prometheus

Prometheus

„Bedecke Deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst, und übe, dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Eichen Dich und Bergeshöhn“, das lernten wir von Goethe in der Schule als Worte des Prometheus an den Göttervater. Das sind Worte, die die Autorität des Zeus empfindlich treffen mussten, wird ihm da doch nicht nur befohlen, sondern er auch mit einem unreifen Knaben verglichen, der sich nur so zum Spaß an der Natur vergeht, was ihm da als würdige Beschäftigung nahegelegt wird.

Mittelweile zweieinhalb Tausend Jahre geht die Sage des Prometheus durch alle Lebensbereiche und die Gedankenwelt. Bei uns hat sie in der Brieferepublik meine dritte Tochter aufgebracht, wohl auch ein bisschen in eigener Sache, weil sie selbst mit diesem Titanen verglichen worden war, von einem Unbedarften, der aber immerhin mal von diesem Sohn einer der dreitausend Töchter des Meeresgottes Okeanos gehört haben musste.

Die Tyrannis des Zeus hatte sich eigentlich nur in dem vernichtenden Urteil Prometheus‘ gegenüber geäußert. Ansonsten führte der oberste Gott auf dem Olymp ein sinnenfrohes Leben, was sich in diversen Seitensprüngen äußerte. Einen Unsterblichen, wie Prometheus konnte man freilich nicht töten, wie es Zeus an seinem eigenen Vater Kronos noch gelungen war, aber man konnte ihn quälen, indem man ihn an einen Felsen im Kaukasus schmieden ließ und ein Adler ihm immer wieder die Leber aushackte, die dann allerdings wegen Prometheus‘ Unsterblichkeit immer wieder nachwuchs.

Der Dichter Aischylos hat etwa 500 vor unserer Zeitrechnung das Drama „Der gefesselte Prometheus“ verfasst, das fast durchgängig aus Bedauern bzw. Anklage durch die Mitgötter und Aussagen des Prometheus besteht und dessen unbeugsamer Haltung, der sogar das Einkommen eines Mitfühlenden um Gnade beim Göttervater ablehnt, weil es diesen in Gefahr bringen würde. Zum Schluss wird die Strafe sogar noch verschärft und der Felsen mitsamt Prometheus versinkt im Abgrund.

Menschen treten nicht in dem Stück auf und Prometheus zieht Hilfe von ihnen, die ihm so viel zu verdanken haben (oder vielleicht auch nicht?), nicht in Betracht. Das besorgt dann Zeus‘ Sohn Herakles, der ihn befreit. Seine Verdienste muss er auch selber aufzählen, und um einen Eindruck von dem Stück zu geben, sei hier eine Passage zitiert:

Denn sonst mit offenen Augen sahen sie nicht
Es hörte nichts ihr Höhren, ähnlich eines Traums
Gestalten mischten und verwirrten fort und fort
Sie alle blindlings, kannten nicht das sonnige
Dachüberdeckte Haus und nicht des Zimmrers Kunst
Sie wohnten tief vergraben gleich den winzigen
Ameisen in der Höhlen sonnenlosem Raum
Von keinem Merkmal wussten sie des Winters Nahn
Noch für den blumenduftigen Frühling, für den Herbst
Den erntereichen, sonder Einsicht griffen sie
Alljedes Ding an, bis ich es ihnen deutete
Der Sterne Aufgang und verhülltren Niedergang
Die Zahlen, aller Wissenschaften trefflichste
Der Schrift Gebrauch erfand ich und die Erinnerung
Die sagenkundige Amme aller Musenkunst
Dann spannte ins Zugjoch ich zum erstenmal den Ur
Des Pfluges Sklaven, und damit dem Menschenleib
Die allzugroße Bürde abgenommen sei
Schirrt ich das zügelstolze Ross dem Wagen vor
Des mehr denn reichen Prunkes Kleinod und Gepräng
Und auch das meerdurchfliegend lein’geflügelte
Fahrzeug des Schiffers ward von niemandem ehr erbaut
So mir zum Elend vieles Rates vielgewandt
Den Menschen, bin ich allen Rates bar und bloß
Mir jetzt zu lösen dieser Qual schmachvolles Los

Er führt auch noch die Heilkunst und die Seherkunst an. Letzteres steht in einem gewissen Gegensatz zur vorhergehenden Aussage, dass er der Menschheit die Voraussicht nahm und sie durch die blinde Hoffnung ersetzte. Es fällt aber auch auf, dass es sich bei seinen Segnungen, die er der Menschheit gab, ausschließlich um private oder später privatisierte Eigenschaften handelt. So moniert auch der große Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass er keine sittlichen, geistigeren oder die Staatskunst betreffenden Lehren vermittelt hätte. Das alles ist ja auf reine Wissensjagd und Bequemlichkeit ausgerichtet.

Doch gerade dazu, auch wenn es Prometheus in seinen Klagen nicht thematisiert, liefert die Prometheussage genügend Anhaltspunkte, gerade weil wir uns vorhergehend mit Begriffen wie List und Tatkraft auseinandergesetzt hatten, die in der Staatskunst auch eine Rolle spielen, wenn man diese als lebendig versteht. Nicht nur dem allesdurchschauenden und als tyrannisch gebrandmarkten Zeus ist diese gegeben, sondern sie kann in dem Götterkollektiv, dem die Griechen noch anhingen, auch von unten kommen. Diese Macht kann wieder ganz im Privaten liegen. So kennt Prometheus, der Vorausschauende, die Bedrohung, die Zeus‘ Macht stürzen könnte. Denn es gab ja dort eine gewisse Tradition des Vatermords, der ja auch Zeus seine Macht zu verdanken hatte. Aus einer rein familiären Angelegenheit, einer Ehe des Zeus mit der Nymphe Thetis, würde ein Sohn entstammen, der die Tradition des Vatermordes an Zeus fortsetzen könnte. Das weiß nur Prometheus und er weiß dieses Geheimnis zu gebrauchen, um sich zu befreien, so wie er Zeus auch schon in der Titatenschlacht beigestanden hatte.

Dieser Aufsatz mündet nur leider in das Einerseits-Andererseits, von dem je nach Zeitgeist das Eine oder Andere betont wird, aber die Ruhe und Behaglichkeit – das Goldene Zeitalter, ohne dabei in Wankelmut zu verfallen oder einer unguten Statik das Wort zu reden, kann man nur finden, wenn man sich entscheidet. Aus der Sicht der Griechen ist die Menschheit dafür da, die gelangweilte Götterwelt zu unterhalten, wobei man sich den Schmerz vor Augen halten muss, den Prometheus um der Idee der Menschenfreundlichkeit willen erlitten hat. Er widersteht dem Gedanken sterben zu wollen, was für ihn nun allerdings auch keine Option ist und nur uns Menschen gegeben.

CER 27.3.2026