Durch das Böse zum Guten
Ein Dialog in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu
Machiavelli ist ja derzeit Gegenstand unserer Untersuchungen. Seine Schriften seien mit der Feder des Teufels geschrieben, so eiferten die Klerikalen, nachdem seine beiden Bücher, Der Fürst und die Discorsi zunächst mit päpstlicher Genehmigung gedruckt worden waren und dann bei Strafe der Exkommunion wenige Jahre später verboten wurden. Gut hundertfünfzig Jahre später hatte dann Montesquieu das Werk vom Geist der Gesetze verfasst, das auf weitgehend humanistisch orientierten Prinzipien beruhte und die Demokratie obenan stellte.
Es sollten wieder etwa hundertfünfzig Jahre vergehen, dass der französische Autor Maurice Joly dann Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diesen Dialog in der Unterwelt erfand, der zunächst anonym erschien. Im Grunde ist auch er kritisch eingestellt gegenüber dem machiavelliansichen Erfindungsreichtum und dessen These, dass die Menschen schlecht seien und daher von Machthabern zu regieren sind, die die Kraft eines Löwen und die Schlauheit eines Fuchses haben müssen.
Sein Dialog hat für heutige Begriffe einen umgekehrten Spannungsbogen. Ist er stark im Anfang, wo er sich noch mit dem Bestehenden der Demokratien auseinandersetzt, so verflacht das dann in den folgenden Teilen zu einer mehr oder weniger Phantasterei. Im Grunde nimmt Joly die Eigenart Machiavellis gut auf, aus historischen Beispielen Rezepte zu generieren, die geeignet sind, die Macht in einer Demokratie zu ergreifen und aufrechtzuerhalten. Da ist dann Montesquieu nur staunender und verdutzter Zuhörer, der lediglich mal Zwischenfragen stellt. Wenn dann im dritten Teil dieser das Gesprächszepter übernimmt, um die Sache mit den Staatfinanzen zu erklären, obgleich das auch aktuellen Bezug hat, den ich aber weniger überschaue, wird es geradezu langweilig. Heute scheint auch das Problem, dass eigentlich die Staatsfinanzen offenzulegen sind, weitgehend außer Sicht geraten zu sein.
Den Zündstoff, den ausnahmslos Machiavelli in diesem Disput liefert, kann man daher getrost auf die ersten Teile beschränken. So lässt Joly Machiavelli sagen, dass die Ermattung des selbständigen Denkens und die Erschütterung durch die Revolutionen Gemeinschaften hervorgebracht haben , die, ausgebrannt und verbraucht, gegen die Politik ebenso wie gegen die Religion gleichgültig geworden sind , die keinen anderen Reiz mehr kennen als die materiellen Genüsse, die nur noch für ihren eigenen Vorteil leben, die keinen anderen Kultus als den des Geldes kennen. Oder: Es handelt sich heutzutage weniger darum, die Menschen zu vergewaltigen, als darum, sie zu entwaffnen, ihre politischen Leidenschaften einzudämmen,
als sie ganz auszulöschen, nicht darum, ihre Instinkte zu bekämpfen, als sie irrezuleiten, nicht ihre Ideen in Acht und Bann zu tun, als vielmehr darum, sie in eine andere Richtung zu lenken, und zwar dadurch, dass man sie sich aneignet. Wie aktuell das doch ist. Auch die Macht der öffentlichen Meinung, weiß Maurice Joly aus dem Munde Machiavellis einzudämmen: Aber ehe man daran denken kann, die öffentliche Meinung zu lenken, muss man sie verwirren, sie durch verblüffende Widersprüche unsicher machen, durch unaufhörliche Ablenkungen auf sie einwirken, sie durch alle möglichen Sensationen blenden und sie unmerklich vom rechten Wege abbringen. Eines der großen Geheimnisse unserer Zeit ist es, sich der Vorurteile und der Leidenschaften des Volkes so zu bedienen, dass man eine Verwirrung der Grundsätze herbeiführt, die jede Verständigung zwischen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und dieselben Interessen, haben, unmöglich macht.
Es fehlt auch nicht an Kritik am Parlamentarismus, indem der Autor Machiavelli sagen lässt: In meinen Augen sind ihre parlamentarischen Regierungen nur Disputierklubs, Brutstätten steriler Agitationen, in denen sich die sonst so fruchtbare Tätigkeit der Völker erschöpft, die von den Volksrednern und der Presse zur Ohnmacht verurteilt werden. Manche haben das als Quasselbude und Lügenpresse bereits erkannt. Die Demokratie ist auch heute wieder tief erodiert.
Ist also ein Despot an der Tagesordnung, den Joly Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf nicht später als in hundert Jahren an die Macht kommen sieht und er damit, zumindest, was Deutschland betrifft, genau richtig lag oder kann sich die vielgescholtene Demokratie noch von ihren Gebrechen befreien und ebenso einfallsreich, entschlossen und energiegeladen sein wie sein Machiavelli es ist? Bedarf es dazu wirklich eines bösen Elementes? Aber man muss sich ja den Kopf der Mächtigen nicht unbedingt zerbrechen. In Demut.
CER 18.3.2026