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Kolumne KW 02 2016 „Aussterben“

Aussterben

 

Kann man die ganze Personage eines Romans, die eigentlich nur aus vier Figuren besteht, nicht alle Randfiguren können im großen Genozid mitwirken, so einfach aussterben lassen?

Martin Walser gelingt das in seinem Spätwerk „Ein sterbender Mann“. Dieser muss gar nicht selbst an sich Hand legen, weil er das zweifelhafte Glück hat, einer tödlichen Krankheit verfallen zu sein. Dieser Theo, einst Erfolgsmensch, man weiß nicht genau, ob im Verwerten von Erfindungen oder in der Werbebranche, hat das respektable Alter von 72 und man kann sich seine Erfolge eigentlich gar nicht zusammenreimen, denn er scheint immer abhängig von Leitfiguren, die vorzugsweise in Frauen bestehen, die er vergöttert, erst seine Gattin, dann seine Briefbekanntschaft und zum Schluss beide.

„Mehr als schön ist nichts“ hätte Walser gern über den Roman geschrieben, der fast nur aus Briefen besteht, solchen, die er selbst schreibt, abschickbare und unabschickbare, die Briefe, die er von seiner Freundin erhält, einer „Schönen mit Schuss“, wie sie sein ehemaliger Freund, Compagnon charakterisiert, der eigentlich keinen Erfolg verdienende Dichter, der ihn verraten hat, dem er aber auch bis ins Letzte hörig war, wie er eben jetzt, als er ruiniert ist, sich von seiner vergötterten Frau trennt, um einer Frau brieflich nachzustellen, einer „meerischen Schönheit“, die er einmal gesehen hat und die gleich zweifach auf seine Avancen eingeht, einmal in einem Suizidforum (das es so etwas auch gibt im digitalen Zeitalter!) und eben auch auf eine einfache, ziemlich schmachtende Email hin.

Dass auch bei ihr der zum Erzrivalen gewordene Dichter schon gelandet ist und trotz Theos wortreicher Briefbeziehung sie gelegentlich ins Bett trägt, ist nicht die eigentliche Katastrophe, findet dieser Carlos dann doch auch den Tod durch Vergiftung, was Theo gern auf seine Rechnung genommen hätte, aber Carlos‘ vorherige Geliebte kommt ihm im Geständnis zuvor.

Theos Frau und Theos Geliebte nehmen sich dann eben das Leben und der Protagonist stiehlt sich auch davon, indem er nichts gegen seinen Krebs machen lässt. So wichtig war dieser erstaunlicherweise stets nur alle bewundernde und kaum selbstbe­wusste Theo dann doch.

Das alles kann man als wortreiche Version von „Deutschland schafft sich ab“ sehen. Jedem, der das durchsteht ein herzliches Danke­schön. Wenn sich einer der berühmtesten Autoren Deutschlands in diesem Roman auch ein bisschen selber schreibt, so ist die Message wohl: Wir vergehen im schriftlichen Anschmachten der Schönheit. Denn in Theos (72) und wohl auch Walsers Alter (89) befinden wir uns als Nation. Im günstigsten Fall noch mächtig einer Sprache, der deutschen Sprache, die uns aber nunmehr eben auch nicht mehr retten kann.

Christian Rempel im Waltersdorfe, den 15.1.2016

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