Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Quint Nachlese

Quint Nachlese

Nicht gerade sich inhaltlich einlassend zu meinem letzten Aufsatz, aber einen Fingerzeig gebend, übersandte mir ein geschätzter Leser ein dreiundsiebzigseitiges Pamphlet, das sich wohl in den Wilhelminischen Religionsstreit um die Wende zum 20. Jahrhundert einordnen lässt. In diesem geht es um nichts Geringeres als, wie hoch man den Glauben ansetzen darf und der Autor sähe ihn gern heruntergeschraubt auf das, was man im Einklang mit einschlägigen Erfahrungen noch wirklich glauben kann.

Es sei zwar glaubhaft und man dürfe sogar überzeugt sein, dass es einen Gott gäbe, so weit ging dieser Sächsische Stabsoffizier immerhin noch, aber dass einer durch rätselhafte Geburt zum Sohn Gottes geworden wäre und noch dazu einiges an Wundern getan hätte, sei absolut unglaubhaft.

Man weiß heute nicht mehr, bis zu welchem Grade dieser Offizier Anhänger fand. Jedenfalls wurde die Sache vor hundertfünfunddreißig Jahren nicht geklärt, sodass wir diese Frage aus den Zeiten Kaiser Wilhelms heute immer noch mit uns herumtrügen, wenn nicht etwas eingetreten wäre, womit er nicht gerechnet hat, und wohl auch nicht die Kirchenleute, die sich seinem Rat gegenüber damals als immun erwiesen, dass sich nämlich der Unglaube derart ausbreitet. Dabei hatte dieser Mann nicht nur von einer einigen Weltchristenheit, sondern auch von neuerbauten Domen geträumt.

Gerhart Hauptmann ging nicht nur den Weg eines einigermaßen unterhaltsamen Romans, sondern setzt auch andere Prioritäten, insofern er sich denn doch, wenigstens teils teils, mit Emanuel Quint identifiziert. Irgendetwas musste dieser zwar falsch gemacht haben, dass Gott ihn dann in den kalten Schweizer Bergen sich verirren und erfrieren ließ, aber wenn einer mit so vollem Einsatz arbeitet, muss er sich über einen solchen Denkzettel vielleicht nicht wundern.

Jedenfalls kritisiert Hauptmann nicht grundsätzlich, dass sich jemand als eingeborener Sohn Gottes sieht und dieser ist einem sogar so lange sympathisch, wie er auf seine wirklich bemerkenswerte persönliche Ausstrahlung vertraut. Es hat sogar streckenweise den Anschein, als könnte er von der krankhaften Vorstellung der Gottessohnesschaft geheilt werden, was, hätte Hauptmann das so stehen lassen, einen angenehmen Eindruck hinterlassen hätte, den ich sogar körperlich spürte. Aber nein, er musste der Odyssee bis zum Schluss nachgehen.

Von diesem glücklichen Moment an, beginnt der neue Christus den Glauben an ihn selbst nicht mehr seiner Ausstrahlung zu überlassen, sondern fordert ihn geradezu ein. An sich ist seine Idee, dass ein Senfkorn Glauben Berge versetzen kann, nicht von der Hand zu weisen, wenn man geneigt ist, einen Sumpf von Unglauben anzunehmen, in dem alle waten. Auch ist es vollkommen berechtigt sich solcher Wunder zu enthalten, die der Sächsische Stabsoffizier als schier undenkbar ablehnt, damit es ein wirklicher Glaube werde und nicht nur schnöde Anschauung bleibt, aber muss die um die Anschauung Gebrachten natürlich verständnislos zurücklassen. Nicht mal das kleinste Zeichen der Wundertätigkeit vermag Quint da noch zu geben und will es auch nicht, weil doch alles Vorherige und weshalb er von seiner Gefolgschaft verehrt wurde, nur aus seiner persönlichen Zuwendung an Hilfsbedürftige entstand, wobei er noch keinerlei Anspruch auf Glauben damit verband und schon gar nicht in seine Person.

Man könnte nun schlussfolgern, dass es, will man ein guter tätiger Mensch sein, gar nicht der These bedarf, dass man so ein Auserwählter sei. Ja, es bedarf nicht einmal der These, dass man gottgefällig handle, sondern dass man einfach menschlich sei. Hat man sich, wie ich, der Natur als Höchstes verschrieben, so kommt hinzu, dass diese nicht über Gebühr barmherzig ist, sondern man schon mal unter die Mühlräder der Naturgesetzlichkeiten geraten kann, ehe man sich versieht. Sich da als entbehrliches Rädchen im allgemeinen Getriebe zu sehen und der anderen, vielleicht unvollkommener Rädchen achtet, könnte da ein Erfolgsrezept sein.

CER 3.11.2026