Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Spätsommeridylle

Spätsommeridylle

In Tagesreisen begab er sich nach Thüringen, diesem Landstrich, wo das Grün ein unwahrscheinliches ist, wo die Saale sich durch drei Landesteile windet und man sogar Energie aus ihrer Wasserkraft gewinnt. Da sind keine, die Landschaft verschandelnde Windräder nötig, das passiert quasi zu ebener Erde.

Auch seine Großmutter hatte die Landschaft zu schätzen gewusst und seinerzeit eine Gaststätte in Uhlstädt erworben, die nun, nachdem seine Mutter sie geerbt und veräußert hatte, geschlossen ist.

Das ist dort ein anderer Menschenschlag als im wenige Kilometer entfernten Jena, wo man immer zu einem spontanen Gespräch neigt. Hier sagt man kurz Hallo oder guten Tag und das wars dann auch. Radfahrer, die kaum einem Menschen gesprächsweise begegnen, strampeln, heute meist elektrisch unterstützt, die Saale entlang.

Dicht an der Saale, auf einer Anhöhe thront die Weißenburg. Da es zu allen Zeiten auch schon Verrückte mit verwirrten Sinnen gab, wurden sie dorthin verbracht und waren nur auf Umwegen erreichbar, denn Saalebrücken sind rar.

Die Burg sieht gespenstisch aus und macht nur von weitem einen Eindruck. Die Insassen tragen den ganzen Tag weiße Nachthemden, die Fenster dürfen nicht geöffnet werden, dass sich keiner hinausstürzen möge, und nur von ganz nahem gesehen, bemerkt man die Silhouetten der sich aus den Fenstern sehnenden. Die meisten gehen im Schlafsaal auf und ab oder sitzen den ganzen Tag verloren auf der Bettkante und brabbeln etwas vor sich hin.

Er hatte am Wegesrand einen schimmernd weißen Stock gefunden, der ihn an Höhe überragte. Sein rechtes Knie schmerzte, denn dort hatte er schon in der Jugend sein Kreuzband eingebüßt. Man weist ihm ein Bett zu mit einem gigantischen Kopfkissen und das obligatorische weiße Nachthemd. Den Stock bedeutet man ihm draußen zu lassen. Kaum einer der Umhersitzenden und Gehenden bemerkt ihn überhaupt. Alle sind ja stark beschäftigt, scheinen Erinnerungen, grausame und tröstliche, zu leben.

Das ist das Ende, das soll jetzt für immer so sein. Vielleicht fällt ihm nach Monaten oder Jahren auch etwas zu brabbeln ein, oder er stellt sich, wie andere, auch ans Fenster, wo man das Saaletal überblickt und die Gegenden überschauen kann, wo die Normalen ihrer Arbeit nachgehen, wo sie feiern, spazierengehen, wo sie in den Autos einherrasen, als wäre das das wichtigste auf der Welt.

CER 20.09.2026