Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Emanuel Quint

Emanuel Quint

„Setzen Sie ihn auf der Stelle hinaus“ telegraphierte das reiche Fräulein, das Quint untergebracht hatte, in einer Obergärtnerfamilie, deren Tochter eine mystische Neigung zu dem Romanhelden, den als Narren zu bezeichnen Gerhart Hauptmann nicht müde wird, der sich doch diese ganze grandiose Leidensgeschichte ausgedacht hatte.

Das neunzehnte Jahrhundert, das wieder stärker in den Fokus gerückt werden sollte, war noch sehr religiös geprägt, es gab noch diese Klammer, wenn auch schon in alle möglichen Sekten zerfasert, aber in einem einig, dass es Gottvater, den Sohn und den heiligen Geist gäbe. Ganz anders heute, wo die Erwartung, dass da ein Gottgesandter käme, der der Messias sei, fast vollständig erloschen ist.

Die Exegeten erzählen die Handlung her, die so reich an Ereignissen gestaltet ist und natürlich das Wesentliche außer Blick geraten lässt. So will ich es nicht halten, sondern die offensichtliche Verirrung vermeiden, sich als Gottes Sohn, der wiedergeboren wurde oder überhaupt als ersten durchblickenden Sendboten Gottes zu sehen.

Diese Vater Sohn Beziehung ist es, die nicht trägt, denn keiner ist eines Vaters oder einer Mutter Sohn, im Sinne dessen, dass er deren Sendbote ist. So hätte auch Quint besser daran getan, auch wenn es eine noch größere Blasphemie gewesen wäre, zuzugeben, dass er seine grundstürzenden Ansichten aus sich selbst heraus erfunden hat und pflegt.

Freilich vertraut man keinem, dem man nur allzuleicht Hoffahrt und Einfältigkeit unterstellen könnte. Wie es in der Natur des Menschen liegt, auch ein Dienender zu sein, argwöhnt er an anderen, dass sie vielleicht dieser Eigenschaft entbehren und in dieser Beziehung eben nicht Mensch zu sein.

Wo nehmen wir nun dieses „höhere Wesen“ her, das uns unter anderem, wollte man der Internationale glauben, nicht rettet, und ich möchte mal die richtige Konsequenz, dass wir uns nur selber aus dem Elend erlösen können, mal beiseite lassen.

Wie wir selbst wünschenswerter Weise natürliche Wesen sind, liegt es recht nahe, wem wir zu dienen haben, und wenn man allein die Schwierigkeit bedenkt, die es der Menschheit bereitet zum Beispiel eine Landschaft schöner zu gestalten als es uns das Höchste der Natur manchmal vormacht, so kann man ermessen, wie fast unmöglich dies Unterfangen, der Natur als Gottheit zu dienen.

Zwar wird die Natur nach landläufigen religiösen Vorstellungen als Werk Gottes angesehen und wir ja auch, aber wenn Dante recht hat, so hat die Natur ein Ziel, das sie erreichen will, was man von Gott nicht mehr sagen dürfte, strotzt er doch von Superlativen wie Allmacht und Perfektion. Ihn als Suchenden zu beschreiben, verbietet sich da von selbst, aber die Natur darf eine suchende, eine experimentierende sein, wie ihre Vielfalt belegt, wenn auch nicht in dem irrigen Darwinschen Sinne.

Emanuel Quint geht vorzugsweise barfuß, um den Kontakt zur Mutter Erde zu halten, zu einem Imker getreten von Bienen umschwirrt, klaubt er sie furchtlos aus den eigenen Haaren und befördert sie vors Flugloch. Er geht wie ein geübter Schäfer einer Herde voran und führt sie in den Stall.

Das alles findet sich in keiner der erschöpfenden Inhaltsangaben und selbst Hauptmann mag es als Beiwerk erschienen sein, und was die wunderhingrigen Menschen betrifft, so enthält sich Quint jeglicher Dinge, die nicht auch auf ganz natürliche Weise gedeutet werden können.

Ein Narr ist Quint nicht, von dieser Vereinfachung trennt sich Hauptmann zum Schluss, aber von dessen inneren Kämpfen erfährt man gegen Ende des Romans immer weniger und in gewisser Weise ist Quint ermordet.

CER 1.11.2026