Aus Requiem
EPILOG
1
Ich erfuhr, wie Gesichter verfallen,
Wie unter Augenliedern Angst hervorblickt,
Wie die Keilschrift mit harten Seiten
Leid in Wangen eingräbt,
Wie Locken, aschblond und schwarz,
Plötzlich silbern werden,
Das Lächeln verdorrt auf gefügigen Lippen,
Und in trockenem Lachen zittert der Schreck.
Und ich bete nicht für mich allein,
Sondern für jede, die mit mir dort stand,
In grimmiger Kälte, und in des Juli Brand,
An der roten verblichenen Wand.
2
Wieder nähert sich die Stunde der Erinnerung.
Ich sehe, ich höre, ich fühle euch:
Dich, die sie mühsam zum Fenster führten,
Und jene, die nun die Heimat nicht mehr betritt,
Und jene, die mit ihrem schönen Kopf zitternd
Sagte: „Hierher komme ich, wie nach Haus.“
Ich wollte sie alle mit Namen nennen,
Doch man nahm mir die Liste, wer kennt sie noch.
Für sie webte ich ein breites Tuch
Aus armseligen Wörtern, von ihnen gehört.
An sie erinnere ich mich immer und überall,
Auch in neuem Unglück werde ich sie nicht vergessen,
Und wenn man mir meinen gequälten Mund zudrückt,
Mit dem ein Hundertmillionenvolk schreit,
So mögen auch sie sich meiner erinnern
Am Abend, bevor man ins Grab mich senkt.
Und wenn man einmal in diesem Land
Mir ein Denkmal zu errichten gedenkt,
So willige ich zu dieser Feier ein,
Doch nur unter einer Bedingung: es nicht zu erbauen
Am Meer, wo ich geboren:
Die letzte Verbindung zum Meer ist zerrissen,
Nicht im Zarengarten, am verborgenen Stumpf,
Wo ein untröstlicher Schatten mich sucht,
Sondern hier, wo ich dreihundert Stunden gestanden
Und wo kein Tor sich geöffnet fand,
Dies, weil ich fürchte, ich könnte im Tod
Das Poltern der „schwarzen Maruss’“ je vergessen,
Das Schlagen jener verhaßten Tür,
Und das Heulen der Alten, gleich einem verwundeten Tier.
Und möge von den unbeweglichen und steinernen Lidern
Der tauende Schnee als Träne rinnen
Und in der Ferne eine Gefängnistaube gurren –
Und auf der Newa still die Schiffe ziehn.
Anna Achmatowa