Der König selig – ein Fragment
Es war einmal ein alter König, der hatte sechs Söhne, eigentlich sieben, aber den siebten konnte keiner in Erfahrung bringen. Also seine sechs Söhne hatten je schon ihre eigenen Königreiche, die zwar noch nicht alle bezahlt waren, und auch schon Nachkommen. Jeder dieser Söhne hatte drei Töchter, die je nicht nur ihren Vater, sondern auch den alten König sehr liebten. Als nun der alte König zu sterben kam, wollte er noch einmal einen Wunsch loswerden und rief nach seinen Söhnen. Diese wohnten ja nun fern und nur einer war zur Hand, wurde zum Adressaten und hörte seines Vaters Willen.
„Dieses, mein Schloss hier soll bleiben. Keine Touristen sollen in Bio Filzclogs durch meine Gemächer schlurfen. Ihr alle habt euer Auskommen, aber diejenige meiner achtzehn Enkeltöchter, die sich um ein winziges und doch so wichtiges auszeichnet, soll die Geschäfte von hier aus weiterführen. Sie möge die neue Herrin hier sein.“ Sprachs und verschied.
Das war also eines Verblichenen Wille. Doch wie die Kunde verbreiten? Es war ja nur einer, der das gehört hatte, der Adressat, und zu allem Unglück eben einer der Geschwister, der nicht mal seine eigene Frau überzeugen konnte, vom übermäßigen Handyspielen zu lassen. Wie dann aber mit den Brüdern, die diese Worte allesamt für Fake hielten oder jedenfalls zu halten für gut hielten.
Nun hat so ein König einiges an Hab und Gut, außer eben seinem Schloss, und da man sich immer etwas uneins befand, was Werte und Zuständigkeiten betraf, kam es zu einigen Spannungen, an denen das Fatalste war, dass nun die Mehrheit das väterliche Schloss als erstes veräußert sehen wollte. Dem einen Sohn, der das Vermächtnis seines Vaters life vernommen hatte, wurde das so leid, dass er s e i n e drei Töchter bat, seinen Erbteil zu übernehmen, in der Hoffnung, dass diese Charmeoffensive verfangen könnte. Aber sie verfing nicht.
So geschah es dann, dass das Blätterdach auf einem der Balkone, unter dem der alte König immer zu lesen gepflegt hatte, weggehackt wurde, die Farbe von den Fensterläden abblätterte und die Natur ohne hütende Hand wucherte. Das Schloss schien verwunschen und die Preise für verfallene Schlösser schwanden dahin. Der Adressat des väterlichen Vermächtnisses hatte dennoch einiges darangesetzt, um es zu erfüllen.
Eines Tages kam es dann doch zur Versteigerung des Schlosses auf Betreiben des ältesten der Söhne und es trat einer auf, es zu kaufen, für gemeinnützige Zwecke, wie er sagte, aber der Preis, den er bot war so dürftig, dass es schließlich doch der Adressat aus dem gemeinsamen Erbe erstand. Danach wurden noch andere Dinge verhandelt und der Eine und der Adressat kamen ins Gespräch:
Der Eine: „Ja, Du vermutest richtig, ich bin der siebte Sohn des alten Königs, aber ich bin nur ein einfacher Angestellter und mit meinem Leben so zufrieden, ich mache keinen Terz. Wir hätten allerdings einiges daraus machen können für Bedürftige.“ Darauf der Adressat: „Wenn ich das meinen Brüdern erzählen würde, die allerdings nichts mehr von mir hören wollen und noch viel weniger glauben, dass Du der vernutete siebte Bruder bist, dann wären sie noch verstörter als jetzt schon. Aber wenn Du mein großherziger Bruder bist, dann sage mir doch eins: Was könnte es sein, das eine der achtzehn Enkeltöchter auszeichnet, dass sich unser Vater sie als Herrin des Schlosses gewünscht hat? Könnte das wenige, das aber doch so wichtig ist, die Herzensbildung sein, wie er manchmal angemerkt hatte?“ Darauf der neue Bruder: „Das hieße ja, sie allen anderen voranzustellen und könnte andere verletzen, das musst Du viel praktischer sehen und wirst Du zu gegebener Zeit herausfinden.“ Und so schieden die Brüder, die sich sofort erkannt hatten, für einige Zeit.
Der brüderliche Adressat des aus der Sicht der Töchter großväterlichen alten Königs, die nun selbst schon wiederum Kinder hatten, die aus der Sicht des alten Königs, der vielleicht noch herabsah aus himmlischen Höhen, dessen Urenkel waren, konnte natürlich dieses schwierige Rätsel nicht lösen und begann ein wenig an dem Schloss zu werkeln, aber auch seine Kräfte schwanden nach und nach dahin und zudem stellte sich bei ihm eine als Altersfaulheit bekannte Krankheit ein, aber von seinen Töchtern und seinen zwei Söhnen, die sich zudem inzwischen eingestellt hatten, flossen ihm viel an Talern und moralischer Unterstützung zu, sodass er das Gefühl hatte, doch nicht alles falsch gemacht zu haben.
Noch einmal gedachte er den Worten seines Vaters, des alten Königs und zudem war das Schloss ja auch so bescheiden aufgeführt, dass es nicht über ganze Zimmerfluchten verfügte, sondern genau einer Familie Heimstadt geben konnte, auch wenn alle sechs Söhne dort aufgewachsen waren, was hergebrachteren Verhältnissen entsprochen hatte.
Ich möchte dieses Märchen gar nicht zuende erzählen, denn es mag einem dann trivial vorkommen oder langweilen, sicher ahnen Sie auch, dass es kein Märchen sein könnte, und auch möchte ich, dass man in der Lage ist, diese Entscheidung, die dann von allen Beteiligten, ganz anders als unter den Brüdern, der aus der Sicht des alten Königs Kindergeneration, gelöst wurde, selbst nachzuvollziehen. Jedenfalls ließ sich die schattenspendende großblättrige Lesepflanze nicht regenerieren, aber die Balkone wurden repariert, die Ratten und Mäuse, was besonders gruselig war, vertrieben und die Fensterläden neu gestrichen, jedenfalls von einer Seite, die man sehen kann. Eine große Spielwiese lädt zum Mähen ein, die Schaukel hängt wieder an der alten Eiche und Balken wurden geschliffen und die Fußböden lackiert und Pläne für die Zukunft geschmiedet, und wenn Sie jetzt noch nicht wissen, wie sich das Rätsel des alten Königs lösen ließ, so fragen Sie am besten den siebten Bruder.
CER 14.6.2026