Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Epikur, Demokrit und Marx

Epikur, Demokrit und Marx

Karl Marx über die Deklination der Atome:

„Wenn das Atom im freien Fall von der geraden Linie abweicht, so muss man sagen, dass es von sich aus abweicht. Diese Deklination ist also Selbstbeziehung, Seele des Atoms. […] Das Atom ist also vom Zwang befreit, es ist selbstbewusst.“

Kap 2 Paragraph 2 Diss 1841

Epikur – der größte griechische Aufklärer

Diese Überschrift stammt von Karl Marx (1818-1883), also wird sie wohl richtig sein. Er hatte als Zweiundzwanzigjähriger seine Dissertation also nicht der Philosophie oder der Ökonomie gewidmet, sondern der Physik, nämlich der Atomtheorie und der Kosmologie des Epikur (341-270 v.u.Z.), eines griechischen Philosophen und, wie ich meine, Metaphysikers. Das war 1840 in Jena.

Was zog Marx an diesem Griechen so an, dass er jahrelang Quellen wälzte, verglich und sogar versuchte, diesen seltsamen Epikur gegen dessen Vorläufer Demokrit (460-371 v.u.Z.) abzugrenzen und zu verteidigen? Das war doch sicher nicht die Genussideologie, die nach Epikurs Tod, den jener mit einem warmen Bade und mit unverdünntem Wein feierte, bei den Römern noch 700 Jahre verbreitet gewesen war. Epikurs Gleichmut kommt in den Worten zum Ausdruck: „Denn nichts ist im Leben für den Menschen furchtbar, der wahrhaft begriffen hat, dass im Nichtleben nichts Furchtbares liegt.“ Nachdem dann das Christentum in Rom gesiegt hatte und Askese und Buße auf der Tagesordnung standen, wurde Epikur mit dem Antichristen gleichgesetzt, also der Verkörperung des Bösen, dessen Erscheinen das Ende der Welt ankündigen sollte. Dankt Marx doch in seinem Geleitwort zunächst einem väterlichen Freunde für dessen „sonnenhellen Idealismus“, so bleibt er in der Folge auch den eigenen nicht schuldig. Demokrit hätte nur die materielle Seite der Atomtheorie geliefert, während Epikur daraus eine Wissenschaft gemacht hätte. Zu jener Zeit war die Religion für Marx noch nicht das „Opium für`s Volk“, aber er ließ bereits an den Mythen nichts mystisches mehr, genau wie Epikur, der sehr gegen Mythen war, was sicher damit zu tun hatte, dass man in der damalige Schule über Gebühr mit solchen Dingen traktiert wurde, während doch viel wichtigere Probleme im Leben anstanden, die mit der bloßen materiellen Existenz zu tun hatten.

Schwer nur kann er Epikur vom eigentlichen Erfinder der Atomtheorie Demokrit, oder war es Leukip?, abgrenzen, denn noch Leibnitz hatte gemeint, Epikur sei kaum in der Lage gewesen Demokrit auch nur geschickt zu exzerpieren. Cicero (106-43 v.u.Z.), der berühmte römische Redner, Politiker und Schriftsteller, meinte sogar von ihm: „In der Physik, in der Epikur am meisten prahlt, ist er ein vollkommener Fremdling. Das meiste gehört dem Demokrit; wo er von ihm abweicht, wo er verbessern will, da verdirbt und verschlechtert er.“ Demokrit freilich hatte einen grausamen Tod, verzweifelte an seinem ins Enzyklopädische gesteigerten Wissen und blendete sich selbst. Doch ein so junger Mann wie Marx wird wohl kaum schon an den Tod denken, auch wenn er diese Fakten immerhin selbst erwähnt. Während Demokrit durch die halbe Welt gereist war, um sein Wissen zu vervollkommnen, verbrachte Epikur seine Zeit in einem Garten im Kreise von Freunden, ohne sich um die Welt der Gesellschaft zu scheren.

Übrigens lebte er gar nicht in Saus und Braus, sondern eher wie in einer klösterlichen Gemeinschaft, wo fast aller Besitz aufgegeben wurde und man von den Erträgnissen des Gartens zehrte.
Epikur war also populär in der geschichtlichen Auswirkung, auch heute gibt es noch Epikureer, was allerdings zumeist auf einem gründlichen Missverständnis beruht, denn dieser hatte entdeckt, „dass einfache Speisen die gleiche Lust erzeugen wie ein kostspieliges Mahl, wenn das schmerzende Gefühl der Entbehrung beseitigt ist.“ Daran konnte Marx sich nicht hängen, wohl auch nicht an dessen Ausspruch: „Auf die Lust gehen wir zurück, indem wir jedes Gut nach der Empfindung als Maßstab beurteilen.“ Aber es handelte sich doch um eine Dissertation von Marx. Er schreibt nicht, wie er hingelangte, und wir können auch gerade keinen Biographen fragen. So bleibt nichts weiter, als unseren eigenen Zugang ebenfalls zu verschweigen, der dann allerdings zu einer anderen Überschrift führte:

Epikur – der größte griechische Metaphysiker

Wir wollen auch Marx noch rasch einen Orden verleihen, den Orden für Metaphysik. Er ist aus Pappe mit Schokoladenpapier umhüllt und wird von Männern verliehen, die noch ein bisschen Kind geblieben sind. Diesen hat er sich immerhin mit seiner Dissertation verdient, denn für die Atomtheorie gab es zu jener Zeit kaum Beweise, außer vielleicht in der Chemie, wo man schon bestimmte Massenverhältnisse bei Reaktionen festgestellt hatte. In der Physik waren sie noch jenseits des Erfahrbaren, also noch im Reich der Metaphysik. Von der Richtigkeit solcher metaphysischer Aussagen kann man für den Fall, dass sich der Erkenntnishorizont ausdehnt, immerhin postum sagen, wie zutreffend sie waren. Heute wissen wir – „Marx hat immer recht“ ist abgewandelt in: „Das war halt nur so eine Idee von mir.“

Aber es geht ja um die Griechen, im Laufe der Geschichte gab es dann noch viele gute Metaphysiker, aber bei den Griechen, wo das Wissen noch gering war und man viel mehr spekulieren musste, gehörte schon ein schönes Stück Glück dazu, später auch noch richtig zu liegen. Zunächst sollte man als Metaphysiker die richtige innere Einstellung haben, einiges wissen, und dann kann es schon losgehen: „Ich behaupte, dass das, … was Frohsinn, begleitet von heiterer Ausgeglichenheit der Seele schafft, nicht die Theater sind und die Bäder … und Salben, sondern das Studium der Natur.“ Jeder, der mindestens einen Blumentopf oder sogar ein Haustier hat, wird das beurteilen können.

Also dann endlich los mit der Metaphysik:
Der heute beliebteste Zweig der Physik ist die Kosmologie mit den rätselhaften schwarzen Löchern, der dunklen Energie und der dunklen Materie. Auch die Suche nach dem Schluckauf, dem Higgs Boson, zieht immer viele Leser in den Bann. Der Erfinder und gemeinhin als größter Metaphysiker jener Zeit angesehene, ist wohl Aristoteles (384-322 v.u.Z.), der später durch die Kirche zum absoluten Maßstab stilisiert wurde, dass es zu der Erscheinung des 1200 Jahre währenden Zustands des kollektiven Wahnsinns der Menschheit kommen konnte, wie Haeckel vor etwa hundert Jahren festgestellt hat. Der Takt verbietet, alle physikalischen Böcke aufzuzählen, die Aristoteles geschossen hat, denn seine Leistung war zweifellos einmalig. Immerhin hatte er schon die Auffassung angeprangert, dass das Himmelsgewölbe der Stütze des Atlas bedarf. Epikur, nun aber schärfer, tadelt die, die glauben, der Mensch bedürfe des Himmels – und den Atlas, der den Himmel stützt, findet er in der menschlichen Dummheit und Aberglauben. Auch Dummheit und Aberglauben sind Titanen. Aber der Himmel steht mit seiner Ewigkeit und Göttlichkeit dem vergänglichen Leben auf der Erde entgegen. Da wagt Epikur die phantastische Behauptung, der Himmel sei gar nicht ewig, die zweifellos metaphysisch ist, denn fast nichts wies darauf hin. Als Beweis hatte er nur Meteore, die offenbar als Sternschnuppen zuweilen verglühen (Meteorite) und die Astrologen in „eitle Erklärerei und sklavische Kunststücke“ der Deutungskunst verstrickten. Vielleicht wollte er damit nur den Aberglauben vernichten, aber heute wissen wir, dass Sterne sterben können, wenn das auch Milliarden Jahre dauert, und dass unsere liebe Sonne sicher schon einmal, vielleicht sogar zweimal, explodierte. Dass sie auch jetzt nur noch ca. 5 Milliarden Jahre zu leben hat, soll, wenn es nach den modernen Sensationskosmologen geht, uns recht einen Schauer über den Rücken treiben. Umso erstaunlicher ist, wie Epikur seine gewagte Hypothese begründet: „Weil die Ewigkeit der Himmelskörper den Gleichmut des Selbstbewusstseins stören würde, ist es eine notwendige, stringente Konsequenz, dass sie nicht ewig sind.“

Ist das nicht ein tolles Argument? Vor allem, wenn man recht hat, natürlich. Es geht darum, dass wir uns auf der Welt wohlfühlen sollen, und derart sollten unsere Hypothesen von dem sein, was wir nicht wissen oder sogar nicht wissen können. Danke für diese Nachricht. Die Frage allerdings, warum das den Gleichmut unserer Seele stören würde, muss man selbst beantworten, wenn man Marx` Dissertation partout nicht lesen will. Ich möchte nur meine Gedanken dazu andeuten:

Die Annahme von etwas Ewigem steht in einem idealisierenden Gegensatz zum Lebendigen, das uns umgibt, entsteht und vergeht, was zunächst nicht weiter schlimm ist, denn jeder Mensch braucht geradezu Ideale. So beeindruckend das Himmelsgewölbe ist, das in sternklarer Nacht jeder überschauen kann, der Augen hat zu sehen, legt es etwas nahe, diesem Idealen zuzuordnen, das so gewaltig und übermächtig ist, dass es schon Unruhe erzeugen kann. Der Irrtum ist so gewaltig wie dieses riesige Spielwerk selbst, denn die Crux könnte genauso gut im ganz Kleinen liegen. Und ein Irrtum dieser Dimension nimmt uns die Seelenruhe. Auch wissen wir heute, der Sternenhimmel taugte nicht zum Prüfstein der Metaphysik. Er wurde und ist noch heute der Prüfstein von Teilgebieten der Physik. Aber die Physik beschäftigt sich auch mit den ganz kleinen Dingen, und so ging auch Epikur vor, der nicht zweifelte, dass die Welt aus Atomen sich einmal zusammengesetzt haben müsse. Er griff die Hypothese von Demokrit über die Atome auf, von denen damals gar nichts zu erfahren war, aber man konnte sich die Entstehung der Welt denken, eine Genesis denken.
Wie stellen wir uns also die Entstehung der Welt vor, wenn es nicht Gott war, der sie schuf?:

„Regenstrichen gleich stürzen die Atome mit ihrem Eigengewicht durch den leeren Raum, konstant in Richtung und Bewegung …“ Stopp, soweit sind sich Epikur und Demokrit also noch einig, bis auf die Masse der kleinen Atome vielleicht, die Demokrit gar nicht wollte und Epikur dann evtl. nur den Aggregaten aus mehreren (Molekülen) zuschrieb. Aber es geht um die Sache, nicht um Prioritäten, also fahren wir fort:

„… konstant in Richtung und Bewegung, denn im absolut leeren Raum stürzen alle Körper, gleich wie schwer, mit der selben Fallgeschwindigkeit …“ Stopp, hier geht Epikur sogar über den viel berühmteren, gemeinhin als Begründer der Metaphysik geltenden Aristoteles hinaus, der meinte, das schwerere Körper schneller fallen, was man dann bis Galilei geglaubt hat. Also einen Punkt an Epikur. Wir lassen ihn fortfahren:

„… mit der selben Fallgeschwindigkeit, anders als in Luft oder Wasser, worin unterschiedlich schwere Körper im Fallen unterschiedliche Widerstände zu überwinden haben, wodurch es zu den unterschiedlichen Fallgeschwindigkeiten kommt. Und so stürzten die Atome von Ewigkeit her auf getrennten Bahnen durch den leeren Raum, der unendlich ist; niemals hat ein schweres Atom ein leichtes einholen können, um sich mit ihm zu einem neuen zu vereinen, nie ein leichtes zu einem leichten, ein schweres sich zu einem schweren gesellt. Himmel und Erde, Menschen, Tiere und Pflanzen sind nicht geworden. Nichts ist geworden, nicht der Zufall gestalthaltiger atomarer Berührungen und nicht die Notwendigkeit kosmischer Materiewirbel durch Teilchenhäufung, damit aus ewigem Stoff vergängliches Leben werden konnte, das in die unvergängliche Materie zurückkehrt …“ Stopp, wir verstehen nicht mehr richtig. Materiewirbel? Was ist denn das? Das war eben so eine Idee von Demokrit, in dem man etwas annimmt wie einen Taifun, der durch dieses Kollektiv von Atomen weht. Aber wir haben ja nur die Atome und die Leere, da fragt sich dann, woraus so ein Taifun bestehen sollte. Einen weiteren Punkt für Epikur und leider einen Minuspunkt für Demokrit.

Folgerichtig kehrte da Epikur zu den Regenstrichen zurück und verwarf die Materiewirbel. Aber kann denn die Bildung von Molekülen nicht auch einfach Zufall sein? Wir haben unser gestörtes Verhältnis zum Zufall schon an anderer Stelle dargelegt, aber um dort nicht suchen zu müssen, greifen wir jetzt auf Demokrit zurück, dass der Zufall in Wahrheit eine Ursache sei, die dem menschlichen Begreifen nur unzugänglich ist, es also einen Zufall nicht gibt. Punkt für Demokrit. Jetzt kommt die große Idee von Epikur, dass die atomaren Zusammenstöße im All:

„…und damit das Werden von Welt und Natur auf den freien Willen der Atome zurückzuführen ist.“ …uns klappt die Kinnlade herunter. Spinnt der? Ja selbst unsere eigene Willensfreiheit, die uns immer noch ein Rätsel ist, ließe sich so erklären. Aber wir wollen es lieber nicht wahrhaben, diese Deklination der Atome, d.h. die willkürliche Abweichung vom senkrechten Fall. Cicero: „Eine Deklination der Atome, ohne Ursache, etwas Schmählicheres kann einem Physiker nicht passieren!“ „Aber wir wollen ihn doch gerade zum größten Metaphysiker unter den Griechen küren, also das zählt erst mal nicht“, geben wir mutig zurück.

Durch eine angenommene Seele des Atoms sei eigentlich nur ein Wort gewonnen, hält man nun auch Marx entgegen, der sich mutig dieser These Epikurs anschloss, auch wenn er sie in einem Wust von philosophischem Gewäsch untergehen ließ: „So ist das Gute die Flucht vor dem Schlechten, so die Lust das Ausbeugen vor der Pein. Endlich wo die abstrakte Einzelheit in ihrer höchsten Freiheit und Selbständigkeit, in ihrer Totalität erscheint …“. Stopp, das ist uns zu ungenau, wenn auch etwas poetisch, wir lassen ihn noch sagen: „Die epikurische Deklination des Atoms hat also die ganze innere Konstruktion des Reichs der Atome verändert…“

Jetzt drehen wir den Hahn ab, denn es ist dann plötzlich die Rede von Repulsion, also Abstoßung, und die haben wir ja nun wirklich erst seit ein paar Jahrzehnten entdeckt. Herr Marx, halten Sie sich aus unserer Physik raus und designen Sie Revolutionen, meinetwegen. Irgendwie hat er das verstanden und schreibt nichts mehr davon.

Wir lehnen uns zurück und freuen uns unserer Freiheit. Dass auch die Seelenatome diese indeterministische Freiheit besitzen könnten, legen wir zu unserer Sammlung von absurden Hypothesen. Das soll eine naturphilosophische Begründung sein, pah …!

Aber das ist noch nicht alles. Die Rede ist auch von den Formen, von der Gestalt der Atome. An dieser Frage wird der Metaphysiker zum Prophet. Hatte Demokrit noch unendlich viele Formen angenommen, so schließt Epikur philosophisch, also für uns nicht ganz nachvollziehbar, dass es nicht so viele verschiedene Figuren der Atome gibt, und er hatte auch damit recht, denn es gibt nicht so viele unterschiedliche Elemente. Punkt für Epikur. Damit steht es 3:1 für ihn. Dass er die Unterschiede in der Gestalt der Atome für unbestimmbar hält, müssen wir bei der eigenen Unsicherheit in dieser Frage wohl oder übel hinnehmen.

Diese letzten Sätze wurden nur nachgestellt, um Sie die vorigen Gedanken wieder vergessen zu lassen, denn es ist uns in jedem Fall an Ihrer Seelenruhe gelegen. Stören wird diese auch nicht, wenn man weiß, dass Epikur das Atom aus weiteren Bestandteilen zusammengesetzt dachte, wir brauchen das nicht mehr zu denken, denn wir wissen es.

CER 2005