Der Gedichtladen

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Kolumne KW 36 2017 „Was ist schöner“

Was ist schöner 

Was ist schöner, einen Menschen als strahlenden Sieger zu sehen oder zu gewahren, dass er strauchelt, dass ihm ein fatales Missgeschick widerfährt? Das scheint leicht zu entscheiden, wenn es sich um einen selber handelt, und geht auch noch gut, wenn dieser Mensch lediglich aus der Flimmerkiste bekannt ist.

Je näher einem dieser Mensch aber ist, und es sich nicht gerade um einen selber handelt, dreht sich die Bewertung schnell um, und es scheint einem lieber, wenn ein naher Mensch nicht aus allen Situationen als strahlender Sieger hervorgeht, so seltsam das auch klingen mag. Einerseits ist das eine sinnreiche Einrichtung, weil man ja auch ohne jegliches Zutun oder böses Karma straucheln kann und es sehr wohltuend sein kann, wenn man dann Menschen findet, denen es angenehm ist, dass sie jetzt helfen können, aber es gibt im Bereich der Nähe auch den anderen Effekt, dass sich einfach einer freut, dass einem nicht alles gelingt.

Welche Rolle der Neid also in den heutigen menschlichen Beziehungen spielt, scheint weitestgehend unterschätzt zu sein, und wer immer nur auf der Gewinnerseite ist, wird letztendlich wenig Freunde haben. Sollte man da nicht lieber ab und zu mal auf die Schnauze fallen, als sich den Neid der Freunde zuzuziehen?

Und, kann man sich fragen, lebt es sich nicht besser, wenn man den Zug des Neides an sich selber nicht kennt? Aber die Psychologie ist so paradox, dass einen dieser erwünschte Mangel auch vor Strafe nicht bewahrt, denn der Nichtneidische wird wenig geachtet, weil das ja eine Art von Widerstand ist, den er eben nicht leistet. Er kann also herumkom­mandiert und geschubst werden, wie es einem gerade in den Kopf kommt.

So ein Nichtneidischer kam letztens in folgende Situation. Er war Onkel eines Scheidungskindes, das gerade Geburtstag hatte. Es hatte sich ein essbares Schiff gewünscht. Da hatte die Mutter, die mit dem Kind lebte, an langen Abenden eins aus Persipan gebaut, dass sie ganz stolz darauf sein konnte. Das Kind freute sich an seinem Geburtstagsmorgen. Dann kam der Vater zu Besuch und hatte ebenfalls ein Persipanschiff, um einiges größer und noch aufwändiger gemacht, aber eben gekauft. Nun standen zwei Schiffe auf dem Geburtstagstisch und der Onkel kam hinzu. Die Frau zeigte resigniert auf die beiden Schiffe und der Onkel hatte rechtes Mitgefühl. Man danke es ihm.


Christian Rempel in Zeuthen, den 9.9.2017

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