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Kolumne KW 04 2018 „Zum Verlieben“

Zum Verlieben 

Diedersdorf ist der richtige Ort, um den Blick immer mal in die Ferne schweifen zu lassen und dann Natur zu sehen, nichts als Natur und immer wieder Natur.
So geht es auch dem jungvermählten Ehepaar, das sich in dem Stück „Flitterwochen“ wohlsituiert aufs Land begeben hat und nun schon seit ganzen sechs Monaten nichts weiter tut als eben der Liebe zu frönen und den Blick in die Natur zu richten. Dass einem das gründlich über werden kann, wird in dem Stück thematisiert und gerade der Ehemann sehnt sich nach seinem bewegten Junggesellen­leben in Berlin zurück. Er hatte da mindestens einen Schwarm, Leonora, von der ihm nichts als zwei Vasen geblieben waren, von denen die eine schon versehentlich durch das Hausmädchen zerbrochen wurde, was eine Ohrfeige nach sich gezogen hatte, und die zweite erleidet dann ein willkürliches ähnliches Schicksal durch die Frau des Hauses.

Diese Ehefrau ist gegenüber der ersten Aufführung, die ich vor anderthalb Jahren sah, eine Neubesetzung. Sie hat zwischen Hingebung und Herrschsucht zu changieren und ihr Spiel konnte es einem, wenn man nicht ganz stumpfen Sinnes ist und das Stück als Schwank abtut, eben sehr antun. Ihre Gefühle wechseln manchmal in Sekunden, dabei alle Register der ach so holden Weiblichkeit ziehend, und das Stück lebt ja von diesen Empfindungen und eben der Sprache, die man doch sonst so vermisst an deutschen Bühnen.

Nach dem bezaubernden Spiel des sog. Schmalzstullentheaters sitzen wir noch am Tisch 15, an dem ich schon das erste Mal saß und der dem engeren Künstlerkreis zugeordnet ist und langsam kommen die Akteure und Actricen heran, als letztes die Hauptdarstellerin Susanne, die die Ehefrau gespielt hatte. Während alle andere dem Bier und anderen Alkoholika zusprechen, bestellt sie sich einen Kräutertee, und zwar bei mir. Natürlich eile ich den Auftrag auszuführen und genehmige mir dabei noch einen Fingerhut des wohlig am Gaumen reüssierenden Rotweins.

Sie muss nächsten Tags schon wieder in Bochum sein und weiß nicht, wie sie in der vielen Natur zu dem Berliner Hauptbahnhof kommen soll. Ich traue mich nicht, ihr anzubieten, sie dorthin zu fahren und werde dies die ganze Nacht bereuen, denn wie köstlich ist jede Minute, die sie mit ihrer Anwesenheit zur Unwieder­bringlichkeit aufwertet. Fast jedes Wort und jede Geste von ihr habe ich mir gemerkt, und wie selten ist doch Charme heutzutage, dass jede Begegnung mit diesem eine Offenbarung ist.

Sie wird ihren Weg als Schauspielerin machen, dazu bedarf es keiner betagten Bewunderer, aber wie schön ist doch das Leben in Gegenwart charmanter Damen.

Christian Rempel in Zeuthen, den 28.1.2018

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