Der Gedichtladen

Gedanken aus dem Leben, für das Leben

Kolumne KW 02 2018 „Panoptikum“

Panoptikum 

Es war eine erste Adresse in Jena, das Steigenberger Esplanade. Schon im Fahrstuhl begegneten uns die ersten Blicke. Es waren Personen, die man wohl schon mal gesehen hatte und ihre Blicke drückten aus, dass sie einen auch schon mal gesehen hatten, aber sich nicht getrauten, den visuellen Eindruck mit einer Erinnerung zusammenzubringen, wo man noch viel jünger gewesen war und wahrscheinlich vorteilhafter ausgesehen hatte.

In der dritten Etage dann solche Feierabteilungen, hochlehnige gepolsterte Bänke an den Seiten, auf den Tischen Wasserflaschen und später dann halbvolle Sektgläser, die keiner mehr ganz zur Kenntnis nimmt, weil sie im Verdacht stehen, nicht ganz gesund zu sein und man ist ja vorsichtig.

Die Gesichter der Älteren zum größten Teil versteinert, die der etwas jüngeren verquollen und ergänzt durch entsprechende Bäuche. Auch die Generation der Schüler des nunmehr achtzigjährigen Jubilars sind überwiegend schon Rentner. Es werden einige Reden gehalten, die sehr unterschiedlicher Qualität sind. Ein ehemaliger Forschungsbereichsleiter meinte von der kalten Kernfusion berichten zu müssen und von Isotopen. Damit hatte der Jubilar nun herzlich wenig zu tun und somit die Rede auch nichts mit dem Jubilar. Dann einige gelungene Beiträge, wie ein gereimter Konferenzbericht, der alle kleinen Freuden und Nöte eines solchen zum Ausdruck brachte, einschließlich eines Onenightstands mit einer der wenigen Teilnehmerinnen.

Für mein Gedicht hatte ich den Auftrag, dass es spaßig sein sollte, was mir aber selten gelingt. Überhaupt war mir noch nie ein Gedicht für den Jubilar, den ich nun schon dichterisch über fünfzehn Jahre begleite, gelungen. So wusste das Publikum auch diesmal nichts rechtes mit meinem Beitrag anzufangen und besser lief dann schon die Absingung eines mehrstrophigen Liedes, zu dem ich einen alten Text adaptiert hatte, aber insgesamt war wohl alles eher deplatziert. Jedenfalls nahm keiner Bezug auf diese Beiträge, auch der Jubilar nicht bei der Verabschiedung, und so waren die Stunden Arbeit daran vielleicht wieder einmal umsonst gewesen.

Man sollte vielleicht ab einem bestimmten Alter die Dinge lieber auf sich beruhen lassen und bei der Feier den Bezugspunkt wahren, der dann meistens im ganz persönlichen Kreis liegt.

Christian Rempel in Zeuthen, den 14.1.2018

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