{"id":993,"date":"2012-07-28T18:47:12","date_gmt":"2012-07-28T16:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=993"},"modified":"2023-12-08T23:00:26","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:26","slug":"eine-weitere-pflichtubung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/993","title":{"rendered":"Eine weitere Pflicht\u00fcbung"},"content":{"rendered":"<p>Es war in Guben, als ich in dem Stadtw\u00e4chterst\u00fcbchen eine Romanzeitung noch aus DDR-Zeiten vorfand, die in ihrer Auswahl sowohl vom Umfang der Werke bestimmt ist, der moderat sein sollte, als auch ein bisschen abseits vom Kanon liegende Rom\u00e4nchen zum Gegen\u00adstand hat. Auf dem Titelbild des B\u00e4ndchens &#8222;Quitt&#8220; von Theodor Fontane ist ein Mann mit einer Art Netz dargestellt und aus seinen Schultern ragen geschweifte B\u00e4nder mit der Aufschrift &#8222;Germany&#8220; und &#8222;Amerika&#8220;. Was zum Teufel hat Fontane mit Amerika zu tun, fragte ich mich, und da selbst der Stadtw\u00e4chter darauf  keine Auskunft geben konnte, blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als das B\u00e4nd\u00adchen zu kaufen und auf den Tag zu warten, an dem ich dies B\u00fcchlein mal lesen werde.<!--more--><br \/>\nWas fr\u00fcher zu einem Preis von 80 Ostpfennig zu haben war und sich als wohleditierte Ausga\u00adbe herausstellte, erstand ich nun f\u00fcr 2 Euro und lie\u00df es in dem Berg von B\u00fcchern, Rechnungen und Prospekten liegen, die von der Wanderung her immer noch auf meinem Schreibtisch herum\u00adva\u00adgabundieren und ich schlicht nicht wei\u00df, wohin damit. In der Reihe der Romanzeitungen er\u00adschie\u00adnen sowohl bekannte Romane als auch weniger Lesenswertes und Quitt geh\u00f6rt nicht gerade zu den fontanetypischen Werken, in denen man doch gemeinhin das Sujet der Mark Brandenburg erwartet.<br \/>\nZun\u00e4chst ist auch nur von Amerika als der virtuelle Fluchtort f\u00fcr den jungen Stellmacher Leh\u00adnert Menz die Rede, der irgendwie unangepasst und etwas aufs\u00e4ssig ist und in Schlesien nahe der b\u00f6hmischen Grenze lebt. Fontane, der politisch doch eher reaktion\u00e4r war, kokettiert nur etwas mit dem widerst\u00e4ndischen Wesen Lehnerts, ohne diesen irgendwie politisch zu verorten. Es scheint fast eine private Fehde, in der sein Held mit dem Revierf\u00f6rster Opitz liegt, der wohl f\u00fcr die etab\u00adlierte Macht stellvertretend ist. Beide Geh\u00f6fte liegen nebeneinander und allein die von Lehnert hin\u00fcberlaufenden H\u00fchner sind Anlass genug f\u00fcr nachbarschaftliche Verwicklungen, ohne dass es dabei aber allzusehr auch an gutem Willen mangelt. Das solche Aufwiegler immer auch ein Pro\u00adblem mit dem Alltag haben, hat Fontane ganz gut erkannt und obwohl alle unter der Buchsta\u00adben\u00adgesetzestreue des F\u00f6rsters leiden, sind die Sympathien durchaus nicht unbedingt auf Lehnerts Seite, der sich zwar als Kind so beliebt hatte machen k\u00f6nnen, dass er in den Genuss einer Frei\u00adschule kam, aber Widerst\u00e4ndischkeit war bei Weitem noch nicht mehrheitsf\u00e4hig.<br \/>\nSo viel uns Fontane hier an Klarheit und Hintergr\u00fcnden schuldig bleibt, so ausf\u00fchrlich ergeht er sich in Beschreibungen des dortigen Ausflugswesens, dessen Einzugsgebiet bis nach Berlin hin reichte. Schuldig bleibt er dann allerdings auch die lebendigen Details des Mordes Lehnerts an dem F\u00f6rster, der nach einem Schuss wohl noch einen Tag lebte und sich bemerkbar zu machen versuchte. Schnell kommt man dem M\u00f6rder auf die Schliche. Lehnert gelingt aber bei der Haus\u00adsu\u00adchung bei ihm zu fliehen. Wie, sagt uns Fontane auch nicht, aber wir finden den Helden nach wenigen Seiten dann in Amerika wieder, wo er schon viele Jahre verbracht hatte, eine ganze Biographie mit Reichwerden und wieder Verarmen hinter sich gebracht hatte und im Zug das S\u00f6hnchen Toby einer Minnonitenfarm trifft, sich kurzerhand entschlie\u00dft, dort auszusteigen und sich bei dem Guru zu verdingen.<br \/>\nDiese Range stellt sich als ein kleines Teutschland mit ein paar Indianerkindern heraus. Die religi\u00f6se Atmosph\u00e4re ist eine Mischung zwischen Riten und laissez faire, die der Hausherr und Guru Obadja anleitet, ohne das wir wiederum davon N\u00e4heres erfahren. Da ist es dem Autor er\u00adneut wichtiger zu vermitteln, welche B\u00e4ume an der Allee standen oder wie ein Weihnachtsbaum gef\u00e4llt wird. Selbst ein weiterer Dauergast L&#8217;Hermite, der sich w\u00e4hrend der Pariser Commune einen Erzbischof auf&#8217;s Gewissen geladen hat, verb\u00fcndet sich insofern mit Fontane, als dass er zwar eine elektrische Klingel und andere N\u00fctzlichkeiten f\u00fcr das Haus erfunden hat, aber uner\u00adkl\u00e4rlicherweise nichts \u00fcber seine geschichtsbewegenden Sternstunden verlauten l\u00e4sst. Auch Lehnerts Liebe zur Tochter des Hauses Ruth wird zwar gespr\u00e4chsweise mit dem Guru er\u00f6rtert, aber man w\u00fcrde weit fehlen, wenn man eine Liebesgeschichte dargestellt sehen wollte.<br \/>\nNur gut, dass Fontane dieses Tappens um den hei\u00dfen Brei selbst fr\u00fch genug \u00fcberdr\u00fcssig wird und den Helden infolge eines Unfalls zwar, aber \u00e4hnlich qualvoll sterben l\u00e4sst wie den F\u00f6rster und der Dahinscheidende auch noch etwas zu Papier bringt, genau wie der F\u00f6rster. Die Schuld, die Lehnert auf sich geladen hatte, war ja von ihm vorher bekannt worden und so konnte der Guru einen aufkl\u00e4renden Brief in dessen Heimat schicken.<br \/>\nWenn es Meisterschaft ist, die dramatischsten Punkte mit den wenigsten Worten zu bedenken und die unwichtigsten \u00fcber Geb\u00fchr auszuschm\u00fccken, so k\u00f6nnte ich mich dieser in meiner letzten Arbeit gen\u00e4hert haben, ohne davon zu wissen. Wenn es darauf ankommt, gerade f\u00fcr die heikels\u00adten Punkte die Phantasie des Lesers aufzurufen, als ihm etwas vorzuschreiben, dann h\u00e4tten wir intuitiv schon etwas von Fontane verstanden. Wenn das aber alles nur Feigheit und Dr\u00fccke\u00adberge\u00adrei bedeutet, dann f\u00e4nden wir uns in Gemeinschaft mit einem zu Recht Vergessenen wieder. Hoffen auf Fontane ist somit hoffen auf uns selbst.<br \/>\nEs ist so ziemlich ein Jahr her, dass ich von mir sagen konnte, ein Buch entdeckt zu haben. Das hier erschlie\u00dft sich nur schwer.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 22.7.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war in Guben, als ich in dem Stadtw\u00e4chterst\u00fcbchen eine Romanzeitung noch aus DDR-Zeiten vorfand, die in ihrer Auswahl sowohl vom Umfang der Werke bestimmt ist, der moderat sein sollte, als auch ein bisschen abseits vom Kanon liegende Rom\u00e4nchen zum&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/993\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-993","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=993"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4424,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993\/revisions\/4424"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}