{"id":991,"date":"2012-07-28T18:45:08","date_gmt":"2012-07-28T16:45:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=991"},"modified":"2024-09-29T15:28:53","modified_gmt":"2024-09-29T13:28:53","slug":"fragment-im-fragment-im-fragment-die-schone-welt-der-singles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/991","title":{"rendered":"Fragment im Fragment im Fragment \u2013 die sch\u00f6ne Welt der Singles"},"content":{"rendered":"<p>Einen furiosen Anfang hat Jakob Hein gefunden f\u00fcr seinen Roman &#8222;Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht&#8220;. Da hat n\u00e4mlich ein junger Mann ein Unternehmen, in dem er der einzige Angestellte ist und durch dessen B\u00fcrot\u00fcr noch kein anderer als er selbst gegangen ist, das, durch\u00adaus auf Publikumsverkehr eingestellt, verworfene Ideen sammelt. Das ist weniger im Wortsinn von schweinisch gemeint als vielmehr im Sinne von abgetakelt. Ideen eben, die aus mehr oder weniger guten Gr\u00fcnden wieder zur Seite gelegt worden sind.<!--more--> Es versteht sich, dass dieser junge Mann ein Single ist, der irgendein Erbe in der Ladenmiete f\u00fcr sein zweifelhaftes Unternehmen verprasst. Noch weniger nimmt wunder, dass dann doch eines Tages eine wundersch\u00f6ne Frau durch die T\u00fcr des Erfolglosunternehmens eintritt und sich die Idee von der Verwertung verwor\u00adfener Ideen anh\u00f6rt. Dass er aus diesem tollen Anfang noch so etwas wie den Reif einer Rahmen\u00adhandlung zimmert, k\u00f6nnen wir nicht anrechnen, denn dazu ist der Bogen zu d\u00fcnn.<br \/>\nVon den aufgef\u00fchrten Beispielen solcher verworfener Ideen ist das eindrucksvollste die Auf\u00adstellung einer Formel f\u00fcr die Benutzung von Toiletten, wenn daran eine gro\u00dfe Auswahl besteht \u2013 ein Problem, das jeder im Grunde kennt, wenn er vor einer solchen T\u00fcrreihe steht, aber wohl nicht weltbewegend genug, dass man davon gemeinhin Aufhebens machen w\u00fcrde. Die anderen verworfenen Ideen sind auch nicht viel besser, doch der junge Unternehmer schw\u00e4rmt f\u00fcr einen Synergiecharakter, der entstehen k\u00f6nnte, wenn all die losen Enden, gegen Provision versteht sich, verkn\u00fcpft w\u00fcrden.<br \/>\nIn diesem ersten gl\u00e4nzenden Fragment geht dem Autor die Luft aus, indem er sich dann einer Ausnahme zuwendet, die doch sein eigentliches Metier ist, n\u00e4mlich den Romananf\u00e4ngen, die er auf keinen Fall der Kategorie der zu sammelnden Ideen zurechnen w\u00fcrde, von denen sich zudem noch herausgestellt hatte, dass sie fast alle von ihm selbst stammen. Romananf\u00e4nge seien unge\u00adeignet \u2013 auch auf die unwahrscheinlichste Weise nur \u2013 in ihrer Gesamtheit noch den Effekt haben zu k\u00f6nnen, dass sie einer Brauchbarkeit zugef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Dann erz\u00e4hlt der Unterneh\u00admer der sch\u00f6nen Frau aber etwas mehr als einen solchen Anfang, wohl wieder ein Fragment, bei dem wieder Verlegenheit um das Ende oder Fortgang der Geschichte entsteht und die L\u00fccke mit einem weiteren Fragment zu stopfen ist.<br \/>\nLeider werden diese Matrjoschkas immer dr\u00f6ger, weil sich die Dritte dann um den Sinn des Lebens dreht, wo dem Autor dann endg\u00fcltig die Luft ausgeht. In der zweiten Geschichte bricht eine, ebenfalls mit \u00fcberw\u00e4ltigender Sch\u00f6nheit begabte, Frau auf der Stra\u00dfe zusammen und f\u00e4llt ins Koma. Auf der Intesivstation beginnt sie zwar sehr ausf\u00fchrlich zu sprechen, um die dritte Geschichte zu erz\u00e4hlen, die sie als Sekret\u00e4rin eines erblindeten Schriftstellers erfuhr und dessen Erg\u00fcsse wiedergibt, die eben von der Suche eines weiteren Singles nach dem Sinn des Lebens bestehen, sich also ziemlich zusammenh\u00e4ngender Rede beflei\u00dfigt, weil sie glaubt in einem be\u00adstimmten Arzt einen un\u00adbe\u00adfangenen Zuh\u00f6rer gefunden zu haben, sie aber dennoch nach gehab\u00adter Rede von diesem &#8222;abge\u00adschaltet&#8220; wird.<br \/>\nEs gibt also in dieser ganzen Schachtelei auch einen roten Faden, der einerseits der Anbetung der Sch\u00f6nheit bei Frauen und der Geistesgewandtheit bei M\u00e4nnern die Stange h\u00e4lt, aber anderer\u00adseits auch die D\u00fcsternis der Beziehungslosigkeit und Sinnlosigkeit durchschlagen l\u00e4sst. Die in\u00adner\u00adste Matrjoschka mit der Sinnsuche gemahnt ein wenig an den Pakt mit dem Teufel.<br \/>\nDass man bei all diesen Versatzst\u00fccken jeglichen Beziehungsabenteuern aufgeschlossen sein kann, er\u00adfordert, dass alle Singles sind und wir erhaschen einen Blick darauf, dass man als Frau m\u00f6glichst sch\u00f6n sein und als Mann m\u00f6glichst sch\u00f6n scheitern muss und dabei recht unterhaltsam sein sollte.<br \/>\nWir k\u00f6nnen mit diesen belehrenden uns analysierenden Ausf\u00fchrungen nat\u00fcrlich die angeneh\u00adme Leichtigkeit dieses Romans nicht ersetzen, bei dem man wirklich recht vergn\u00fcgliche Stunden verbringt. Da er sich schnell genug liest und einen nicht wie Fontane in Tiefsinn verharrend zu\u00adr\u00fcck\u00adl\u00e4sst, sei er durchaus empfohlen.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 24.7.2012<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen furiosen Anfang hat Jakob Hein gefunden f\u00fcr seinen Roman &#8222;Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht&#8220;. 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