{"id":982,"date":"2012-07-20T14:21:14","date_gmt":"2012-07-20T12:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=982"},"modified":"2023-12-08T23:01:03","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:03","slug":"grose-und-kleine-themen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/982","title":{"rendered":"Gro\u00dfe und kleine Themen"},"content":{"rendered":"<p>Habe ich mich doch gerade dem Bericht verschrieben, so dass ich Ausgedachtes schon fast f\u00fcr unm\u00f6glich hielt, belehren mich doch <em>&#8222;Die S\u00e4ulen der Erde&#8220;<\/em> von Ken Follett eines anderen. Er begibt sich nicht nur einfach in das Reich der Phantasie, sondern w\u00e4hlt auch ein historisches Ge\u00adwand des 12. Jahrhunderts, von dem uns Quellen sagen, dass zu dieser Zeit noch nicht einmal die Sprache richtig entwickelt war und es um die Intellektualit\u00e4t wohl auch weithin d\u00fcrftig bestellt gewesen sein d\u00fcrfte. Da mag es problematisch scheinen, geistiges Futter f\u00fcr die Heutigen in ein solches Buch hineinzupacken, aber die Leser dankten es dem Autor und w\u00e4hlten das monumen\u00adtale Buch mit einem Umfang von 1300 Seiten zu den vier beliebtesten B\u00fcchern der Deutschen.<!--more--><br \/>\nDie historischen Hintergr\u00fcnde geraten im Buch erst langsam ins Blickfeld und spielen sich im Wesentlichen zwischen der Herrschaft Heinrich I. und dem des \u00d6fteren aufbrausenden Heinrich II. ab, einer Zeit, in der K\u00f6nig Stephan und Kaiserin Mathilde, die Tochter Heinrich I., miteinan\u00adder rivalisieren, was zu dem Hintergrund eines B\u00fcrgerkrieges gereicht, in dem es auch ausgiebige M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Loyali\u00adt\u00e4tsbr\u00fcche und Intrigen gibt und in denen sich die Autarkie der Earls (Grafen) festigte. Die andere verb\u00fcrgte Komponente ist die Rolle der Kirche zu einer Zeit, als die englische noch an das Papsttum gebunden war und eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Macht dar\u00adstell\u00adte. Diese Macht war so stark, dass sie gar dem K\u00f6nigtum Konkurrenz machte, denn man konn\u00adte schwerlich K\u00f6nig sein, ohne eine kirchliche Weihe dazu zu haben. So entspricht es auch der Geschichte, dass Thomas Becket im Zuge dieser Rivalit\u00e4ten ermordet wurde und f\u00fcr Follett ist das eine M\u00f6glichkeit, dem Roman, der ansonsten eigentlich nicht viel auf historische Fakten baut, ein grandioses Finale zu geben, die einen mit den sonstigen Schw\u00e4chen einigerma\u00dfen zu vers\u00f6hnen versteht, denn zumindest ich m\u00f6chte ja aus so einem umf\u00e4nglichem Roman auch etwas lernen.<br \/>\nDie Landkarte war auch noch ein bisschen interessanter zu der Zeit, denn die Normandie im Norden Frankreichs geh\u00f6rte noch zu England und sogar Cherbourgh als Herkunftsort rotsch\u00f6p\u00adfiger Normannen gibt es heute noch und dieser Stadt wird in dem Roman eine Rolle zugespielt als Heimatort eines Spielmanns, der unfreiwillig in die h\u00f6fischen Intrigen der Insel geraten ist. Der Aktionsradius des Romans ist aber noch gr\u00f6\u00dfer und reicht hinunter bis Santiago de Compos\u00adtela und Toledo und wieder zur\u00fcck nach Paris, genauer Saint Denis, eine Route, die der Rot\u00adschopf Jack als begabter Steinmetz und sp\u00e4terer Baumeister abl\u00e4uft und auf seinen Spuren etwas unwahrscheinlicher Weise Aliena, die verarmte Grafentochter mit einem S\u00e4ugling folgt und ihn sogar wiederfindet.<br \/>\nDie dritte Zutat, aus der Follett den Roman mischt, ist die Architektur, denn das 12. Jahrhun\u00addert ist auch der Beginn der Gotik, die man eventuell etwas maurischer Baukunst zu verdanken hat, die heute noch leicht erkenntlich ist an den Spitzb\u00f6gen, die eine h\u00f6here Bauweise erm\u00f6glich\u00adten und einherging mit einer Rippenbauweise, die die Massen der Gew\u00f6lbe erheblich absenkte und lichte Konstruktionen erlaubte. In einem Roman nimmt es nicht Wunder, dass der verkrachte Jack just 1140 in Saint Denis ist, der Geburtsstunde der Gotik beiwohnt. Das Wesen der goti\u00adschen Architektur wird im Roman ganz gut erl\u00e4utert und man k\u00f6nnte versucht sein, dies als das Wesentliche des Romans aufzufassen und eben in deren S\u00e4ulen die S\u00e4ulen der Erde zu sehen. Manchmal ger\u00e4t das allerdings an die Grenzen des verbal Darstellbaren und man w\u00fcrde sich eher eine Zeichnung w\u00fcnschen als die textliche Beschreibung einer solchen. Es wird auch beschrie\u00adben, dass damals die meisten, sogar gebildeten Menschen, mit einem Grund- oder Aufriss nichts anfan\u00adgen konnten. So w\u00fcrde es vielleicht noch manchem Heutigen gehen, wenn der Autor zu diesen zeichnerischen Mitteln gegriffen h\u00e4tte. Stattdessen l\u00e4sst Follett einiges im Nebel verbaler Erl\u00e4u\u00adte\u00adrungen untergehen, was das Bestsellerpublikum wohl nicht weiter gest\u00f6rt hat.<br \/>\nDiese drei Ingredenzien, zuerst genannt, k\u00f6nnten den Eindruck erwecken, es ginge um die Ver\u00admittlung historischen Wissens. Nein, der Autor will nat\u00fcrlich pers\u00f6nliche Schicksale darstel\u00adlen, in die wir uns hineinversetzen k\u00f6nnen. Sie sollen also einerseits modern sein und andererseits in eine Zeit versetzt, bei der freilich andere Dinge wichtig sind als Herrschafts-, geographische oder Architekturfragen.<br \/>\nIn diesem Romansujet gibt es anst\u00e4ndige und unanst\u00e4ndige Gr\u00fcnde sich in eine so ferne Zeit zu versetzen:<br \/>\nAls anst\u00e4ndiger w\u00e4re wohl zuerst die Not zu benennen. Gleich am Anfang sind wir mit der Familie des Baumeisters Tom Builder konfrontiert, die sich auf aussichtsloser Arbeitssuche be\u00adfin\u00addet, nachdem ihnen ein Auftrag br\u00fcsk gek\u00fcndigt wurde und sie bald tagelang ohne Essen auskommen m\u00fcssen. Das hat sich wohl jeder schon mal vorgestellt und w\u00fcsste damit schwerlich zurechtzukommen. Toms Frau bekommt zu allem \u00dcberfluss noch ein Kind, das ausgesetzt wer\u00adden muss, weil die Mutter bei der Geburt verstirbt und keine Aussicht auf Ern\u00e4hrung eines S\u00e4ug\u00adlings besteht. Aber auch scheinbar wohlsituierte Personen, wie die Grafenkinder Aliena und Richard k\u00f6nnen nach dem Fall ihres Vaters in eine solche Situation kommen und w\u00e4hrend einer Hungersnot oder in Folge von Willk\u00fcr kann es die namenlose Masse nat\u00fcrlich erst recht.<br \/>\nWeniger anst\u00e4ndig ist schon die Reflexion der Gewalt, die damals angesagt war. Jeder, der mindestens einen Kn\u00fcppel oder besser noch R\u00fcstung und Schwert hatte, konnte relativ beliebig \u00fcber Wehrlose verf\u00fcgen. In den gro\u00dfen Schlachten, f\u00fcr die der Autor auch genug Seiten hat, ist diese Gewalt sogar legitimiert, weil sie politischen Interessen gilt. Vielleicht gibt es eine gewisse Sehnsucht nach dem Nervenkitzel der Gewalt, besonders wenn sie noch mit Sex kombiniert ist.<br \/>\nBez\u00fcglich des Sexes spaltet sich der Autor in einen gewaltt\u00e4tigen und einen erotischen, und vielleicht sind diese beiden Seelen des Romans sogar in einer infantil geilen Phantasie vereint. Als Tom seine Frau verloren hat und sein Kind ausgesetzt, passiert nichts anderes, als dass es ihm eine r\u00e4tselhafte und sch\u00f6ne Waldfrau besorgt, noch ehe er in seiner Ersch\u00f6pfung \u00fcberhaupt richtig mitmachen kann. Die Waldfrau Ellen hat auch ein Kind, Jack, mit dem oben erw\u00e4hnten Rotschopf, der erst als recht d\u00fcmmlich aussehend beschrieben wird, sich aber im Laufe des Romans als der Intelligenteste herausstellt, der als junger Mann dann die Grafentochter Aliena gewinnt und wir wieder ein paar erotischer Beschreibungen teilhaftig werden k\u00f6nnen, die sich im Wesentlichen auf Br\u00fcste sagenhafter Gr\u00f6\u00dfe und Festigkeit beziehen, hartwerdenden Kn\u00f6pfen und dem Eindringen in die Frau mit Hilfe von Fingern oder eben richtig in verschiedenen Positionen. Man kennt Folletts Frau ja nicht, aber mit Sicherheit hat er sich das Ideal der Aliena, die noch mit 50 unwiderstehlich gewesen sein soll, geschaffen, um seine heimlichen Gel\u00fcste zu befriedigen, wo\u00adbei er sich noch aussuchen kann, ob ihm die lustvolle Aliena des Jack lieber ist oder die vergewaltigte durch William, eines Edelmanns, der vergeblich um sie gefreit hat und dann zu Macht \u00fcber sie kommt. Man kann so tun, als geh\u00f6re das eben dazu und sei eben dem Thema Gewalt geschuldet, aber es muss schon einen psychologischen Grund geben, dass sich der Autor gern in solche Szenen hineinschreibt, wie wohl sicher auch in jedem Mann diese beiden Seiten schlummern.<br \/>\nTom bekommt also tats\u00e4chlich dann den Auftrag eine Kathedrale f\u00fcr ein Kloster unter Prior Philip zu bauen, hat ein gutes Auskommen mit seiner Patchworkfamilie und selbst das Findelkind w\u00e4chst romanhafterweise in seiner N\u00e4he auf. Dann kommt Tom aber durch einen Gewaltakt um, die wieder auf das Konto des Hauptb\u00f6sewichts William geht, sein aggressiver Sohn Alfred baut weiter, bringt die Kirche zum Einsturz und schlie\u00dflich baut sie sein Stiefsohn Jack fertig, nach\u00addem er noch eine kleine Weltreise engeschoben hat und die Geburt der Gotik miterlebte. Zum Schluss sind alle Guten gl\u00fccklich und alle B\u00f6sewichter erledigt und Follett rettet sich in die be\u00adsag\u00adte historische Dimension, um keine allzu arge Klamotte abzuliefern.<br \/>\nWer will, kann sich auch noch zwei gro\u00dfe Fragen stellen. Die erste w\u00e4re, warum es damals zu dieser Revolution in der Baukunst kam. Dar\u00fcber wissen wir aber wenig. Die zweite ist, wie es sein konnte, dass in dieser rauen Welt von Sex und Crime eine gewaltlose Alternative \u00fcberhaupt lebensf\u00e4hig war, wie die Kirche und die Kl\u00f6ster. Aber der Leser ist nicht von vornherein philoso\u00adphisch gestimmt und die Antwort kann wohl auch nur darin liegen, dass der Glaube eine bedeu\u00adten\u00adde Rolle gespielt haben muss, auch wenn der Autor eher mit den Unorthodoxen sympathisiert, und gegen Ende des Romans scheint auch noch ein wenig auf, dass Religion damals schon ein gutes Machtinstrument war, das von den Herrschenden notwendig gebraucht wurde, um sich \u00fcber Wasser zu halten. Dass dazu noch ein ger\u00fctteltes Ma\u00df an Aberglauben kam, scheint auch etwas am Rande auf, wenn ger\u00e4tselt wird, ob bestimmte Schicksalsschl\u00e4ge wohl Ausdruck eines g\u00f6tt\u00adlichen Willens gewesen sein k\u00f6nnten.<br \/>\n\u00dcber weite Strecken erm\u00fcden einen vorhersehbare, platte Dialoge oder Begebenheiten, fl\u00fcch\u00adtet sich der Autor in eine L\u00e4nge, indem er mehrere Generationen \u00fcberspannt, und wenn man be\u00addenkt, dass man zum gr\u00fcndlichen Lesen des Romans so an die 40 Stunden braucht und man nicht ganz sicher sein kann, ob man das dem Verwirrspiel eines Autors darbringen soll, fragt man sich schon, ob Follett nicht lieber einmal b\u00fcndig \u00fcber sein eigenes Leben schreiben sollte, \u00fcber seine Religiosit\u00e4t, seinen Sex und seine Gewaltvorstellungen und man dann eher Bescheid w\u00fcsste, ob er den Podest verdient, auf dem er zu stehen scheint. Mir jedenfalls dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, dass die gro\u00dfen Themen nur dazu dienen, die kleineren zu \u00fcberdecken und wenn er wahrhaftig sein m\u00fcsste, was seine eigene Einstellung anbelangt, etwas ziemlich D\u00fcrftiges \u00fcbrigbliebe.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. im Waltersdorfe, den 18.7.2012<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe ich mich doch gerade dem Bericht verschrieben, so dass ich Ausgedachtes schon fast f\u00fcr unm\u00f6glich hielt, belehren mich doch &#8222;Die S\u00e4ulen der Erde&#8220; von Ken Follett eines anderen. 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