{"id":942,"date":"2012-06-10T11:36:20","date_gmt":"2012-06-10T09:36:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=942"},"modified":"2024-09-29T15:30:06","modified_gmt":"2024-09-29T13:30:06","slug":"kolumne-kw24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/942","title":{"rendered":"Kolumne KW24"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wohlf\u00fchlprogramm<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Frau grub dieser Tage ein ND von vor 29 Jahren aus und es enth\u00e4lt einen Bericht vom IX. Schriftstellerkongress der DDR mit einer ausf\u00fchrlichen Rede von Hermann Kant, dem Autor der &#8222;Aula&#8220; und seines Zeichens ZK Mitglied der SED.<br \/>\nDas war eine Zeit der Friedensbedrohung durch den NATO Doppelbeschluss, einer wei\u00adteren Windung der Spirale der Hochr\u00fcstung, war aber auch Karl Marx Jahr und Martin Luther Jahr und die B\u00fccherverbrennung auf dem Opernplatz (heute Bebelplatz) hatte sich gerade zum 50. Mal gej\u00e4hrt.<!--more--><br \/>\nDass er es sich angelegen sein lie\u00df, mehr als nur f\u00fcnf Mal, wie sein Vorg\u00e4nger, das Wort Frieden zu erw\u00e4hnen, es vielmehr zu einem roten Faden machte, schien angemessen, aber war auch ein bisschen geeignet, die Pro\u00adbleme mit dem Exodus einiger Schriftstel\u00adler in den Westen kleinzureden.<br \/>\nKeiner wird jedoch heute noch wissen, dass Honecker und Olof Palme eine atomwaffen\u00adfreie Zone in Mitteleuropa angeregt hatten. Als Kant das in der Westberliner Akademie der K\u00fcnste proklamieren wollte, erklangen Rufe wie &#8222;Totschlagen&#8220;, &#8222;Aufh\u00e4ngen&#8220;.<br \/>\nMan machte sich viel aus Organisationen wie dem Schriftstellerverband und glaubte auf die\u00adsem Wege die Dinge optimal voran\u00adzubrin\u00adgen. Da wurde einem erfolglosen Ver\u00adtreter der Zunft, der in schlechten Verh\u00e4lt\u00adnissen lebte und dem Selbstmord nahe war, schon mal ein Organisationsjob angeboten. Auf der anderen Seite verbreite\u00adten die Abge\u00adhauenen das &#8222;Schauerst\u00fcck von den Kata\u00adkom\u00adben\u00adchristen in der DDR&#8220;.<br \/>\nMan h\u00e4tte ja annehmen k\u00f6nnen, dass in einem totalit\u00e4ren Staat, wie die DDR gern gesehen wird, die widerst\u00e4ndigen Manu\u00adskripte zu Hauf in den Schubladen gelegen h\u00e4tten, aber weder die Abgehauenen noch die der Wende teilhaftig gewordenen Dage\u00adbliebenen konnten mit allzuviel Bemerkens\u00adwertem aufwarten. Die meisten Schriftsteller f\u00fchlten sich in ihrem Verband, \u00fcber dessen Berechtigung man heute vielleicht streiten kann, wohl. Das war auch noch nicht die Zeit, wo die materielle Schere sich so aufge\u00adtan hatte, dass es am Notwendigsten, wie Kaffee und ordentlichen Computern, ge\u00adkrankt h\u00e4tte.<br \/>\nDas Konkurrenzdenken unter den Schriftstel\u00adlern hielt sich wirklich auch in Grenzen. Man konnte sich noch am gemeinsamen Erfolg freuen, f\u00fchlte sich ein bisschen wie eine Fa\u00admilie. Dennoch sollte man nach Kant auch ebenso selbst\u00adbewusst wie verpflichtet den\u00adken, etwa wie der gro\u00dfe und ungl\u00fcckliche Russe Plato\u00adnow: &#8222;Ohne mich w\u00e4re die Sow\u00adjet\u00adlite\u00adratur unvollst\u00e4ndig.&#8220;<br \/>\nDass man sich auch in seinem Publikum wohlf\u00fchlen konnte, bewiesen wenige Tage vorher die Gedenkfeierlichkeiten zur B\u00fccher\u00adverbrennung auf dem Bebelplatz, auf denen in zwei Stunden f\u00fcr 120 000 Mark B\u00fccher ver\u00adkauft wurden (das zu Ostpreisen!) und an einer zweist\u00fcndigen Lesung 50 000 Men\u00adschen zuh\u00f6rten, die &#8222;nicht lauter waren als 50&#8220;.<br \/>\nEine Rolle spielten auch die Poetenseminare, aus denen doch ein Gutteil der heute noch aktiven UnDichter in K\u00f6nigs Wusterhausen her\u00advorging und es ist erfreulich, dass der Eitel Kunst e.V. bis in die Gegenwart an so einer Tra\u00addition im Klei\u00adnen festh\u00e4lt. Auch damals musste man schon monieren, dass die Presse nicht beson\u00adders aufgeschlossen gegen\u00fcber Gedichten ist. Wahrscheinlich damals wie heute, weil man an einem solchen Werk nichts herum\u00admodeln kann, daf\u00fcr aber viel hineindeuten.<br \/>\nGerade wenn man wie Goethe, der gelegent\u00adlich auf holprige Verse angesprochen worden war, dann schlichtweg sagte: &#8222;Da ich es ein\u00admal geschrieben habe, mag die Bestie ste\u00adhen\u00ad\u00adbleiben!&#8220; Ein solches Selbstbewusstsein empfahl Kant allerdings nur Poeten &#8222;erst ab Goethe aufw\u00e4rts&#8220;, ansonsten steht der Grund\u00ad\u00ad\u00ad\u00adsatz, sich Kritik auch zu Herzen zu nehmen.<\/p>\n<p>\n<em>Im Waltersdorfe 8.6.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohlf\u00fchlprogramm &nbsp; Meine Frau grub dieser Tage ein ND von vor 29 Jahren aus und es enth\u00e4lt einen Bericht vom IX. 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