{"id":879,"date":"2012-04-15T11:02:42","date_gmt":"2012-04-15T09:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=879"},"modified":"2024-09-29T14:39:43","modified_gmt":"2024-09-29T12:39:43","slug":"kolumne-kw16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/879","title":{"rendered":"Kolumne KW16"},"content":{"rendered":"<p><strong>Deckname Petersen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der einzige Prominente, von dem ich ungef\u00e4hr wei\u00df, wo er wohnt, ist G\u00fcnter de Bryun, von dem man allerdings in letzter Zeit nicht mehr so viel h\u00f6rt und der Fischer in Wolfersdorf, bei dem ich einen ger\u00e4ucherten Aal erstand, konnte mit dem Namen schon gar nichts mehr anfangen.<!--more--><br \/>\nAngefangen hat es in der Rezeption des Gutshauses in Beeskow, wo man der Meinung war, er wohne in Tauche, was im Prinzip auch richtig ist. Nur als ich nach 10 km Fu\u00dfmarsch in Tauche ankam, sagte eine Blumenverk\u00e4uferin, das sei noch sieben Kilometer weiter in G\u00f6rsdorf und schlug mir einen sch\u00f6nen Feldweg zum Wandern \u00fcber Wolfersdorf vor. Ich sagte, dass ich de Bryun ein bisschen f\u00fcr borniert halte. Darauf sie, nein, er nicht, aber seine Frau.<br \/>\nAm Wolfersdorfer See also noch den Aal erstanden, schlug ich einen Waldweg ein und kam so gegen 13:30 Uhr am s\u00fcdlichen Ende von G\u00f6rsdorf an. Kein Mensch war zu sehen und ich wollte auch um die Mittagszeit keinen herausklingeln. Als einziges Lebenszeichen schlich ein schwarzer Landrover am Waldrand entlang und entfernte sich wieder.<br \/>\nNach meiner ausgiebigen Mahlzeit kam ein Mann auf einem Mountainbike heran, an dem vorn eine gro\u00dfe Nummer prangte: 01. Das konnte kein normales Fahrrad sein und mit meinem ge\u00fcbten Instinkt f\u00fcr Leute tippte ich auf irgendeinen Rehapatienten. Als ich ihn gr\u00fc\u00dfte, hielt er tats\u00e4chlich an und ich fragte ihn nach dem Weg zu de Bryuns. Das wurde nun eine l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung, die ich dann auch noch rekapitulieren sollte. Er lie\u00df mich meine Schuhe zeigen und sagte, die seinen total ungeeignet f\u00fcr den Urwald und die Moore, in die er mich zu schicken hatte. Zun\u00e4chst ging es noch ein St\u00fcck durchs Dorf und ich lief noch eine Weile neben seinem Fahrrad der Marke KTM her und fragte ihn, was die Nummer zu bedeuten habe, da zeigte er auf eine kleine 20, die der 01 vorgesetzt war und zusammen bedeutete das das Jahr seines Todes, der infolge eines Frontal\u00adzusammensto\u00dfes mit einem LKW eingesetzt hatte. Die Knochen seien wieder ganz, aber er leide jetzt an epileptischen Anf\u00e4llen. Fahrradfahren d\u00fcrfe er eigentlich auch nicht, nicht mal ein Haus haben d\u00fcrfe er, obwohl er fr\u00fcher in Berlin eine ganze Imbisskette hatte. Dann signalisierte sein Handy die Kaffeezeit und wir w\u00fcnschten uns gegenseitig Gl\u00fcck.<br \/>\nIch f\u00fchrte einige der Wegman\u00f6ver aus, die er mir eingesch\u00e4rft hatte, aber es war alles ein bisschen anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Dann sah ich ein Fernmeldekabel, das vielleicht zu dem geheimnisumwitterten Haus f\u00fchren w\u00fcrde, das de Bryun ja schon zu Ostzeiten als Wochenend\u00adgrund\u00adst\u00fcck erworben haben soll. Da gewahrte ich in einiger Entfernung einen anderen Landrover, der offenbar auf einem Weg langsam entlangfuhr. Dann drehte er aber um und fuhr ebenso langsam in der entgegengesetzten Richtung. Als ich n\u00e4her kam, sah ich eine etwas unwirkliche Szene, dass dieser PKW eine Egge zog auf einer schmalen Waldlichtung. In einiger Entfernung warf ein S\u00e4mann auf archaische Weise K\u00f6rner aus. Ich tippte auf etwas Besonderes, aber auf den S\u00e4cken am Rand stand Weizen. Vielleicht war das sogar de Bryun bei einer \u00d6koma\u00dfnahme. Dennoch fragte ich diesen Mann erneut nach dem geheimnis\u00advollen Weg und erhielt Auskunft.<br \/>\nDieser war unbeschreiblich wundersam. Erst ging es an einer schmalen Wiese entlang leicht bergab, ges\u00e4umt von den \u00fcblichen Kiefern. Einige abgeschlagene \u00c4ste lagen herum und ich sah ein abgez\u00e4untes Areal mit anderem Bewuchs, n\u00e4mlich Fichten, wie man sie sich gern in den Garten pflanzt. Ob da das Haus versteckt stand? Mit einem Mal weitete sich der Streifen zu einer Wiese gro\u00df wie eine Alm, und nach oben abgeschlossen s\u00e4umte der Urwald beide Seiten. Dazu war dieser noch behend ansteigend, so dass der Eindruck eines Tales entstand und tats\u00e4chlich tr\u00e4gt dieses Arrangement der Natur den Namen Schanze.<br \/>\nDie Alm war quer unterteilt in drei oder vier nahezu quadratische Abschnitte und an jedem stand ein vernagelter Hochstand. Es waren T\u00f6pfe und Pfannen aufgeh\u00e4ngt, die im leichten Wind mit dumpfen T\u00f6nen drohen sollten. \u00fcber den seitlich verlaufenden Bach musste am heutigen Tage eine einfache Br\u00fccke gebaut worden sein, bestehend aus zwei Fu\u00dfstangen und einer Gel\u00e4nder\u00adstange, die sehr frisch gesch\u00e4lt und ziemlich d\u00fcnn waren. Wie ein Indianer suchte ich den Urwald mit den Augen ab und hielt manches Mal einen umgest\u00fcrzten Baum f\u00fcr eine Dachrinne, gut getarnt versteht sich.<br \/>\nDie absch\u00fcssige Alm endete in einem querverlaufenden Matschweg und dahinter schimmerte ein See. Es war also Fehlanzeige gewesen mit dem versteckten Naturhaus der de Bryuns. Vielmehr standen unten an dem Matschweg eine verlassene Baracke, wo ein \u00e4lterer Mann einherschritt und ein gutb\u00fcrgerliches Haus mit Warnung vor dem bissigen Hunde. Ein schwarzer Landrover stand vor der T\u00fcr. Ich entzifferte \u00fcber den Zaun das Namensschild an der Haust\u00fcr. Der bissige Hund r\u00fchrte sich nicht, oder es gab diesen gar nicht.<br \/>\nVielleicht hatte ich auf der Alm nicht gr\u00fcndlich genug beobachtet. Ich schlug den R\u00fcckweg ein und nahm den Weg \u00fcber die neue Stangenbr\u00fccke. Es konnte doch sein, dass der Dichter meinen Besuch erwartet hatte, einer Eingebung folgend am selbigen Tag die Br\u00fccke zimmernd, die unter meinem Gewicht beinahe durchbrach, aber eben doch hielt und ich an die Gummistiefel dachte, die dort eigentlich obligat sind.<br \/>\nVom erh\u00f6hten Weg, den ich jetzt im Urwald gewann, suchte ich noch mal die H\u00fcgel diesseits und jenseits der Alm ab, aber die Sache war offenbar verloren. Die surrealistische Szene mit dem eggenden PKW auf notd\u00fcrftig umgebrochenem Waldboden war immer noch vorhanden und ich wollte sie schon f\u00fcr einen Teil dieses Verwirrspiels halten, als der S\u00e4mann \u00fcber das ganze Feld zu mir her\u00fcberkam, als er mich sah. &#8222;Nun haben Sie de Bryun gefunden?&#8220; &#8222;Nein.&#8220; &#8222;Sind Sie denn nicht den Weg gegangen, den ich Ihnen beschrieben habe?&#8220; &#8222;Doch, aber ich habe es nicht gefunden, ich war bis zum See unten.&#8220; &#8222;Na da ist es doch&#8220;, sagte der S\u00e4mann. &#8222;Aber da stand Petersen an der Haust\u00fcr.&#8220; &#8222;Das ist es doch. Stand denn der schwarze Landrover da?&#8220; &#8222;Ja, der stand dort und ich habe ihn heute schon einmal gesehen.&#8220; &#8222;Was wollten Sie denn von de Bryun?&#8220; &#8222;Einfach eine Tasse Kaffee trinken mit dem Alten.&#8220; &#8222;Schade, wir haben keinen Kaffee hier, sonst bek\u00e4men Sie einen.&#8220; &#8222;Na das geht auch so.&#8220; &#8222;Das war fr\u00fcher ein Kinderferienlager, deshalb die Baracke, das war der Speisesaal.&#8220;<br \/>\nMuss Literatur solche Opfer fordern? Muss man eine Kindereinrichtung umwidmen, nur wegen der eigenen Schaffensfreude? Dieses ganze Kleinod der Natur, dass man denken k\u00f6nnte, man ist in Th\u00fcringen oder der Schweiz f\u00fcr diesen m\u00e4rkischen Dichter?<br \/>\nDie Reise hat sich gelohnt, auch wenn ich danach \u00fcber 40 km in den Beinen hatte. Manchmal muss man aber die Sachen schon genau wissen.<\/p>\n<p>\n<em>in Beeskow 14.4.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deckname Petersen &nbsp; Der einzige Prominente, von dem ich ungef\u00e4hr wei\u00df, wo er wohnt, ist G\u00fcnter de Bryun, von dem man allerdings in letzter Zeit nicht mehr so viel h\u00f6rt und der Fischer in Wolfersdorf, bei dem ich einen ger\u00e4ucherten&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/879\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-879","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=879"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2899,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/879\/revisions\/2899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}