{"id":843,"date":"2012-03-05T10:10:49","date_gmt":"2012-03-05T08:10:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=843"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"auf-der-suche-nach-der-verlorenen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/843","title":{"rendered":"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"},"content":{"rendered":"<p>In Swanns Welt<br \/>\nErscheinungsjahr: 20er Jahre<br \/>\nBespr. Auflage: 20. November 2000<br \/>\nISBN-10: 3518397095<br \/>\nVerlag: Suhrkamp<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Autor<\/strong><\/p>\n<p>\nMan darf sich Marcel Proust nicht als allzu erfolgreich vorstellen, auch wenn er dann den Prix Goncourt erhalten hat, die h\u00f6chste franz\u00f6sische Auszeichnung f\u00fcr Literatur. Musste er sich doch zun\u00e4chst mit einem Kritiker duellieren und auch sein erstes Buch auf eigene Kosten verlegen. Das Verm\u00f6gen, das er seiner j\u00fcdischen Mutter verdankte, machte ihn jedoch vom Geschmack seiner Zeit weitgehend unabh\u00e4ngig und so soll er dann in einem mit Kork ausgeschlagenen Raum,<!--more--> aus dem das Sonnenlicht verbannt war, seine Werke geschaffen haben , in denen es nun allerdings nicht an Details mangelte. \u00c4hnliches, die Suspendierung des Fernsehens f\u00fcr mindestens ein halbes Jahr, wird auch von der kleinen Schar der Fans empfohlen, die ihn f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Autor aller Zeiten halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frauen<\/strong><\/p>\n<p>\nObwohl sie in seinem Leben keine sichtliche Rolle gespielt haben, sind sie in seinen Wer\u00adken das beherrschende Thema. Das beginnt schon mit seiner eigenen Mutter im ersten Abschnitt, deren gele\u00adgentliche Verweigerung eines Gutenachtkusses aus gesellschaft\u00adlichen R\u00fcck\u00adsichten, ihn in Zust\u00e4nde versetzt, wie sie schwerwiegenderen Problemen zuk\u00e4men, aber nebenhin wird an diesem Exempel ausf\u00fchrlich deutlich, dass die eigene Mutter wohl die einzige Frau ist, auf die man sich im Leben noch verlassen kann. Da er seine, wie auch seinen Vater, allerdings in relativ jungen Jahren verloren hat, steht dann nat\u00fcrlich die Frage, die Generationenfolge nicht unterbrechen zu k\u00f6nnen und auch die anderen Vergn\u00fcglichkeiten zu genie\u00dfen, die der Umgang mit Frauen bieten kann. <\/p>\n<p>\nDiese geschlechtliche Liebe wird aber in dem ersten Teil, und zum Lesen nur dieses konnten wir uns bisher verstehen (In Swanns Welt), an einem anderem Protagonisten, einem reichen weltgewandten jungen Mann namens Swann abgehandelt, von dessen famili\u00e4rer Herkunft wir nun wieder fast nichts erfahren und der genau vor die Aufgabe gestellt ist, sich im Zuge der gesellschaftlichen Verpflichtungen, wenn nicht eine Gattin, so wenigstens eine Geliebte zu suchen. Gesellschaftliche Verpflichtungen bestehen in Paris allerdings darin, t\u00e4gliche Besuche bei m\u00f6glichst geistreichen oder wenigstens hochgestellten Personen zu machen, und da ihm letzteres gegeben ist, hat er zun\u00e4chst auch bei den Geistreichen einen Stein im Brett.<\/p>\n<p>\nIn diesem Kreis, wo &#8222;Langweiler&#8220; klar ausgegrenzt sind, lernt Swann eine Frau namens Odette Cr\u00e9cy kennen, die f\u00fcr ihn erst als sch\u00f6n gelten konnte, als ihm die \u00c4hnlichkeit mit Botticellis Sephora einkommt, da er doch ein Kunstliebhaber und -sammler ist und ihn auch die Sonate eines Komponisten, dessen trauriges Schicksal schon im Kindheitsteil des Haupthelden eine Rolle spielte, sehr ber\u00fchrt hatte, dies zur Ouvert\u00fcre ihrer Liebe wurde.<\/p>\n<p>\nObwohl er bis dahin einen ziemlichen Verschlei\u00df an sch\u00f6nen M\u00e4dchen aller Schichten hatte, gelingt es Odette, ohne dass Arglist zu unterstellen w\u00e4re, ihn v\u00f6llig f\u00fcr sich einzunehmen, wenn sie zum Beispiel sagt: &#8222;\u2026 ich habe niemals etwas vor! Ich bin immer frei, f\u00fcr Sie ganz bestimmt. Wann immer bei Tag oder Nacht es Ihnen angenehm w\u00e4re, mich zu sehen, lassen Sie mich nur holen, ich werde immer gl\u00fccklich sein, so schnell wie m\u00f6glich zu kommen.&#8220; Nun war Odette allerdings eine Halbweltdame, woraus in dem Roman, vielleicht skandal\u00f6ser Weise, kein Drama gemacht wird, man aber durchaus miterlebt, dass sich diese anf\u00e4ngliche Begeisterung, die sich ansatzweise dann noch als Unwahrheit herausstellt, in einen von ihr bestimmten Abstand wandelt, wo dann Swann auch genug an Launen auszustehen hat und seine monatlichen 4000 Francs an sie dann nicht mehr so gut investiert scheinen.<\/p>\n<p>\nJetzt k\u00f6nnte ein wahrhaft Verliebter, und dass dies notwendig Leiden bedeutet, daran wird kein Zweifel gelassen, v\u00f6llig abgleiten, seinen vermeintlichen gesellschaftlichen Ver\u00adpflichtungen gar nicht mehr nachkommen, aber Proust ist ein bisschen wie Lilienthal, er hat sich vorgenommen, dass der Flug nicht enden wollen soll und fliegt nicht nur \u00fcber die 564 Seiten dieses Romanteils, sondern weiter und weiter und k\u00f6nnte faktisch gar nicht mehr damit aufh\u00f6ren, nur um Peripetien zu vermeiden, also Ungl\u00fccksf\u00e4lle, die dem ganzen Flug dann ein Ende bereitet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>\nOdettes Seite bleibt dabei allerdings das weibliche Geheimnisvolle, manchmal des L\u00fcgen\u00adge\u00adspinsts Verd\u00e4chtige, das darum aber nicht weniger \u00dcberlegene. Indem die Geliebte also die anfangs Hingebungsvolle ist, die w\u00fcnschenswerterweise auch noch Tugendhaf\u00adtigkeit unter Beweis zu stellen h\u00e4tte, ist Proust etwas frauenfeindlich. Indem er aber dem weiblichen Prinzip, das Ergebnisse kompliziertester m\u00e4nnlicher \u00dcberlegungen quasi ne\u00adben\u00adhin erzielt, als grunds\u00e4tzlich \u00fcberlegen anerkennt, r\u00fcckt er das sch\u00f6ne Geschlecht in die N\u00e4he des G\u00f6ttlichen, was auch jeder Leserin gefallen mag.<\/p>\n<p>\nWie es Swann gelungen sein soll, aus inzwischen aussichtsloser Lage bez\u00fcglich dieser Liebesbeziehung, die nie ganz offene Odette zu seiner Gattin zu machen, ist wohl eine so banale Tatsache, dass daf\u00fcr im ganzen Roman keine Zeile im oft seitenweise absatzlosen Text \u00fcbrig ist, denn es steht wohl auf dem Buchdeckel.<\/p>\n<p>\nDas kann weder die in Erfahrung gebrachte Wertsch\u00e4tzung Odettes f\u00fcr Swann in seiner Abwesenheit gewesen sein, noch waren weitere romantische Begebnisse in petto, die den anf\u00e4nglichen Zauber h\u00e4tten wiederherstellen k\u00f6nnen, das war einfach die Zeit. Das uner\u00adbittliche Altern steht ungenannt im Hintergrund, die aus Schw\u00e4che geborene Ver\u00adnunft, die dann aber f\u00fcr sich selbst steht und anderweitige Bauchgef\u00fchle, die da noch rumoren k\u00f6nn\u00adten, letztlich besiegt, so wie auch Napoleon gegen eine noch so einfallslose Welt letzt\u00adlich keine Chance hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Credo<\/strong><\/p>\n<p>\nDie Zeit \u2013 das h\u00e4tte das Credo sein k\u00f6nnen, denn diese verlockt schon im Titel alle, die erkannt haben, dass sie sie irgendwie verloren haben. Doch wie Proust dem Otto Lilien\u00adthal gleicht, der Meter um Meter immer weitersegelt, so gleicht er auch einem Bergmann, der eine unersch\u00f6pfliche Mine entdeckt und nun jeden Abend wertvolles Erz mitbringt und nie taubes Gestein, von dem man sich nehmen kann, denn man ist ja Leser, sich einem die Frage aufdr\u00e4ngt, ob das wohl f\u00fcr alle Zeiten so gehen wird, der Bergmann aber nicht antwortet, sondern nur immer in gleicher Weise fortf\u00e4hrt. Die wenigsten wagen dann die Hypothese, dass es etwas Unersch\u00f6pfliches geben k\u00f6nne, wollen von der t\u00e4g\u00adlichen Ration gar nichts erst wissen. Doch die wenigen, die daran glauben, nachdem sie &#8222;leidenschaftlich das Problem der Realit\u00e4t der Au\u00dfenwelt oder der Unsterblichkeit der Seele zu erfassen versucht haben, ihrem ersch\u00f6pften Hirn die Entspannung schlichten Glaubens gestatten&#8220;, also glauben und an sich sp\u00fcren, dass sie einen Teil dieses gro\u00dfen Schriftstellers in den H\u00e4nden halten, ein kostbares Gut, wie sich heute in unserer sprach\u00adlosen Zeit herausstellt, n\u00e4mlich die <em>Beredsamkeit<\/em> \u2013 eine wahrlich unersch\u00f6pfliche Mine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Christian Rempel 24.2.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Swanns Welt Erscheinungsjahr: 20er Jahre Bespr. Auflage: 20. 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