{"id":839,"date":"2012-03-05T10:06:56","date_gmt":"2012-03-05T08:06:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=839"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"die-13-%c2%bd-leben-des-kaptn-blaubar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/839","title":{"rendered":"Die 13 \u00bd Leben des K\u00e4pt&#8217;n Blaub\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p>Walter Moers<br \/>\nErstausgabe: 1999<br \/>\nISBN10: 344245381X<br \/>\nVerlag: Goldmann<\/p>\n<p><strong>&#8222;Auf nach Zamonien&#8220;<\/strong><br \/>\n<em>Der Autor<\/em><\/p>\n<p>13 \u00bd Jahre hat es nun gedauert, bevor der nunmehr 55 j\u00e4hrige Autor, \u00fcber den man nicht viel sagen kann, weil er doch offenbar in Zamonien zu Hause ist, bei Bedarf hier eine Rezension zu seinen ersten 13 \u00bd Leben lesen kann, mit denen er den Einstieg ins Romangesch\u00e4ft wagte und sich gleich in die Top-Tausend-Titel katapultierte. Da die FAZ damals titelte, dass es auf absehbare Zeit schwerlich bessere Unterhaltung geben w\u00fcrde, kann man sich mit Besprechungen Zeit lassen, weil doch auch Zamonien von Wesen bev\u00f6lkert ist, bei denen die Zeit eine andere Rolle spielt und diese auch durch Zeit\u00adschnecken an den Dimensionsl\u00f6chern zum charakteristischen Gennfgas verdaut wird. Der Autor f\u00fchlt sich in der Haut des bekannten Blaub\u00e4ren, nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Beeren,<!--more--> am wohlsten und noch wohler vielleicht in den Armen der kornblumenblauen Avriel, einer besonders sch\u00f6nen und gebildeten Buntb\u00e4rin, die ihn dann einige Zeit von weiteren Abenteuern zur\u00fcckzuhalten versteht, so dass wir nach einem Show Down auf dem Riesenschiff Moloch dann noch ein Happyend bekommen, von dem wir vorher erfahren haben, dass selbst ein solches der Erfindungsgabe von Blaub\u00e4r, also Moers, zu verdanken ist.<\/p>\n<p>\n<em>Gem\u00fctvoller Superman<\/em><\/p>\n<p>Bereits 13 \u00bd Leben in der erdachten Welt Zamoniens hinter sich gebracht zu haben, bedeutet auch mindestens 13 Mal dem Tode entronnen zu sein und w\u00e4re man nicht ein B\u00e4r, dem man Gem\u00fct beilegen kann, w\u00e4re man ein weniger sympathischer Aufschneider. Damit wird aber gerade gespielt in diesem umf\u00e4nglichen  Roman, der zeichnerisch und typographisch aufgelockert, einen mit Leichtigkeit durch die vielen Abenteuer tr\u00e4gt, die wie auf einem Plan zum Spiel des Jahres in diesem fernen Land angesiedelt sind und so richtig dazu angetan sind, dem Schicksal touristisch und literarisch in den Rachen zu greifen, dem man sein Leben programmatisch nicht \u00fcberlassen m\u00f6chte, und man des langweiligen Menschseins \u00fcberdr\u00fcssig, ins verspielte und gem\u00fctsverd\u00e4chtige Fell eines Meister Petz schl\u00fcpft, dessen man sich auch immer erfolgreich erwehren kann, mag die Situation im Konkreten so aussichtslos wie nur denkbar sein.<\/p>\n<p>\nDas ist der Stoff, aus dem unertr\u00e4glich erfolgreiche Superm\u00e4nner gemacht sind, denen aber meistens zwei Dinge abgehen, die eigentlich dasselbe sind und die Moers hat, n\u00e4m\u00adlich den Humor zu bewahren und transportieren zu k\u00f6nnen und dem Tod mit einfallsrei\u00adcher Gelassenheit immer wieder entgegenzusehen. Normalsterbliche kommen da seltener hinein als ausgerechnet 13 Mal, aber besch\u00e4ftigen tut es einen doch, und wie sollte man die wenigen Male in einem normalen Leben nicht bew\u00e4ltigen, wenn Blaub\u00e4r das in Serie schafft. Wenn es einen kritischen Punkt gibt an diesem Buch, dann ist es der des Nicht\u00adauf\u00adh\u00f6renk\u00f6n\u00adnens, nicht seine Phantasie unentwegt bl\u00fchen zu lassen, nicht an jedes be\u00adstandene Abenteuer ein neues reihen, nicht nach einigen hundert Seiten auch mal zum Schluss zu kommen. Und doch bedient gerade das einen tiefen Wunsch in uns, dass es nicht aufh\u00f6ren m\u00f6ge und wir immer wieder dem Tode entrinnen m\u00f6chten und insgesamt wollen wir dabei auch noch gut unterhalten sein. Schon die Zwergpiraten, mit denen das Buch beginnt, f\u00fcrchten nichts mehr als Langeweile, so wohl auch die meisten der Zwerg\u00adle\u00adser, die eigentlich Erwachsene sein sollen.<\/p>\n<p><em>Leserphantasie aufbohren<\/em><\/p>\n<p>Die Kruste unserer Normalit\u00e4t ist bei fast allen beinern genug, dass Moers sich schon mal des Boschhammers bedienen muss, um darunter Reste des Urstoffs der Tr\u00e4ume freizule\u00adgen. Das wird besonders deutlich, wenn er zum Kunstgriff der L\u00fcgengeschichte in der L\u00fcgen\u00adgeschichte greift, als Blaub\u00e4r dann n\u00e4mlich in Atlantis ein L\u00fcgengladiator, nat\u00fcrlich ersten Ranges, wird. Da bleibt dem nach gehabter Ersch\u00f6pfung seiner gesammelten Phan\u00adtasie, die wohl als Phantasie in der Phantasie einzuordnen w\u00e4re, nichts weiter \u00fcbrig als beinahe aufzugeben und das wieder in sch\u00f6ner \u00dcbereinstim\u00admung sowohl mit dem Leser als auch dem Autor, denen beiden nun rein gar nichts mehr einfallen wollte und man die ganze Sache auch schon ein bisschen leid war, als es so ungef\u00e4hr in die 99. Runde des Duells ging. Da erz\u00e4hlt dann der L\u00fcgenchampion mit einem Mal die reine Wahrheit, n\u00e4mlich seine eigene Lebensgeschichte, die uns bei dieser Gelegenheit noch einmal systematisch geordnet nach Unterhaltungswert vor Augen gef\u00fchrt wird und f\u00fcr uns fast schon langweilige Wahrheit, weil Bekanntes ist. Doch uuops \u2013 das war doch eigentlich auch eine L\u00fcgengeschichte, die wir jetzt als Wahrheit einzustufen nicht mehr anstehen. Dieses Klavier spielt Moers besonders gut.<\/p>\n<p><em>Bildungsinhalte<\/em><\/p>\n<p>In diesem Punkt ist der Klau kaum vermeidbar, vielleicht sogar w\u00fcnschenswert. Zwar sind es nur Splitter der oben abgesprengten Krusten, aber man erkennt recht leicht an einer Stelle das Septalsystem eines Rudolf Steiner oder Bruchst\u00fccke dessen verehrten Vorg\u00e4ngers Johann Wolfgang von Goethe mit seiner verzweifelten Newtonreplik bez\u00fcglich des Lichtes, dem er die Finsternis zugesellen wollte als einigerma\u00dfen gleich\u00adwertig. Wenn Physiker mit einem guten Dutzend Dimensi\u00f6nchen hantieren, sollte man ihnen gleich mal die 2364. entgegenschleudern und sie mit der logischen Konsequenz von gennfgasum\u00adwitterten Dimensionsl\u00f6chern konfrontieren. Ob Moers selbst mehr als den Staub von Bil\u00addungsplaque inhaliert hat, bleibt im Ungewissen. Fast jedes nachpr\u00fcf\u00adbare Versatzst\u00fcck auf diesem Gebiet ist falsch. Wenn zum Beispiel die Chance den Gallert\u00adprinzen nach des\u00adsen R\u00fcckkehr aus besagter Dimension wiederzusehen 1 zu 463 Billiarden ist, so ist das nicht so unwahrscheinlich, wie unz\u00e4hlige Male hintereinander einen Sechser im Lotto zu haben, sondern schon drei Sechser hintereinander zu haben, ist unwahr\u00adschein\u00adlicher. Wenn die Formel f\u00fcr die Entfernung einer Fata Morgana aus dem alles wissenden Lexikon in B\u00e4rleins Kopf stimmen w\u00fcrde, h\u00e4tten Personen die Ma\u00dfeinheit von m^2\/s^3, wo man doch eher auf kg reflektieren w\u00fcrde, wenn man schon die freie Auswahl hat. Schlie\u00dflich w\u00fcr\u00adde man beim Sturz in den lautmalerisch verbr\u00e4mten Mahlstrom, wenn sich die Ge\u00adschwindigkeit auf den letzten 200 Metern alle f\u00fcnf Meter verdoppelt, sich nicht der Licht\u00adgeschwindigkeit n\u00e4hern, sondern diese weit \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>\nBei aller Liebe zur Philophysik \u2013 das ist nun mal keine Einbahnstra\u00dfe.<\/p>\n<p>\n<em>Fazit<\/em><\/p>\n<p>Moers leistet da eine wichtige Arbeit, indem er seine Phantasiewelt in unser Hirn lustvoll einzubrennen versteht. Das Paralleluniversum Zamonien weist eine w\u00fcnschenswerte Vielfalt an mehr oder weniger intelligenten, mehr oder weniger gro\u00dfen und resistenten Wesen auf. Das Wissen spielt dabei eine Schl\u00fcsselrolle und sollte daher nicht v\u00f6llig auf dem Altare des Nonsense verbluten. Man merkt dies leider an einem Hauch von, nicht Gennfgas, nein Provinzialit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>C.R. im Waltersdorfe 2.3.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter Moers Erstausgabe: 1999 ISBN10: 344245381X Verlag: Goldmann &#8222;Auf nach Zamonien&#8220; Der Autor 13 \u00bd Jahre hat es nun gedauert, bevor der nunmehr 55 j\u00e4hrige Autor, \u00fcber den man nicht viel sagen kann, weil er doch offenbar in Zamonien zu&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/839\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-839","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=839"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/839\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":842,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/839\/revisions\/842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}