{"id":835,"date":"2012-03-05T10:01:51","date_gmt":"2012-03-05T08:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=835"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"kolumne-kw10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/835","title":{"rendered":"Kolumne KW10"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Schicksalschlag<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte ein amerikanisches St\u00e4dtchen sein k\u00f6nnen, wenn nicht ein mittel\u00adalter\u00adliches Flair der Gerichtstreppe gegen\u00fcber gelagert h\u00e4tte, wo sich einige Advokaten aufgebaut hatten, von denen mich einer namens Longner ansprach, ob ich wohl ein Problem h\u00e4tte und er mir behilflich sein k\u00f6nnte. Obwohl ich dankend ablehnte, raunte er mir seine Honorarvorstellung zu, die sich auf 250$ pro Stunde belief.<!--more--><br \/>\nProbleme h\u00e4tte ich nicht und eigentlich auch kein Geld zu verlieren, vielmehr h\u00e4t\u00adte ich schon etwas verloren und hoffte es hier wiederzufinden, wobei ich einen hilfe\u00adsuchenden Blick auf eine liebliche Gestalt mit Augenbinde warf, die wohl im Begriff war, Backzutaten abzuwiegen. Gern h\u00e4tte ich der Dame meine Erfindung der \u00e4gypti\u00adschen Waage erkl\u00e4rt, aber so hoch wie sie am Geb\u00e4ude war, war mein Zutrauen, In\u00adteresse damit erwecken zu k\u00f6nnen, nicht.<\/p>\n<p>\nDer Pf\u00f6rtner h\u00e4ndigte mir mein Sparbuch, das ich verloren hatte, anstandslos aus, doch wie wunderte ich mich, als ich darin die ungeheure Summe von 600 000$ er\u00adblick\u00adte und beschloss auf der Stelle, nach der n\u00e4chsten Versteigerung zu schauen und mir ein Hotel zu kaufen, was schon immer mein Traum und der meiner Frau war. Es wird niemanden wundern, dass ein solcher Verkauf auch gerade anstand.<br \/>\nIn den Gerichtssaal wurden noch B\u00e4nke getragen, weil das Interesse an dem Hotel gro\u00df war. Auf der Anklagebank oder so, sa\u00df unbeweglich eine Frau mittleren Al\u00adters und neben ihr Longner. Gegen\u00fcber sa\u00dfen zwei fidele Bankangestellte, die wie die Unbeweg\u00adliche aber die ganze Zeit nichts sagen sollten. Dann kam noch eine dekolletierte sehr  junge Frau herein und wie ich noch \u00fcberlegte, was die Aufre\u00adgungs\u00adflecken auf demselben wohl bedeu\u00adten k\u00f6nnten, setzte sie sich schon mit dem R\u00fccken zu uns in die erste Reihe.<br \/>\nDie Richterin hatte wenig \u00c4hnlichkeit mit der Backzutaten w\u00e4genden Gestalt am Eingang, war eher gelangweilt und be\u00adgr\u00fc\u00df\u00adte einige ihr wichtige Personen, wo\u00adrun\u00adter auch der neben mir sitzende kleine Mann mit Basecap war. Diesen schien sie aber nur notgedrungen zu erw\u00e4hnen und ansonsten hatte ohnehin fast nur Longner das Wort: &#8222;Ob Sie&#8217;s glauben oder nicht, wenn Sie, meine Damen und Herren, hier 12 000 sagen, dann meinen Sie 557 000.&#8220; Das war allen so unklar, dass keiner etwas sagte.<br \/>\nMit diesem Schweigen kehrte so etwas wie Gem\u00fctlichkeit in den Gerichtssaal ein, wer ein entt\u00e4uschtes oder verzweifeltes Gesicht machen wollte, ging f\u00fcr ein Min\u00fct\u00adchen hinaus. So auch der Mann mit dem Basecap, den ich dann sp\u00e4ter noch drau\u00ad\u00dfen antraf. Er war der Mitbesitzer des Hotels, hatte aber wohl an seiner Advoka\u00adtin gespart, so dass er dies Gesch\u00e4ft nun am Telefon abwickeln musste. <\/p>\n<p>\nIch wartete auf den Moment, wo die unbewegliche Frau, den Finger heben w\u00fcrde und 12 000 sagen w\u00fcrde, was f\u00fcr jeden andern, wollte man Longner folgen, eine betr\u00e4chtlich h\u00f6here Summe gemeint h\u00e4tte. Ihr Ehemaliger, der Basecapmannn war drau\u00dfen, aber nichts geschah. Noch einen Moment \u00fcberlegte ich ihr zuvorzu\u00adkommen, denn das war ja machbar, zog es dann aber vor, mir die entt\u00e4uschten oder verzweifelten Gesichter drau\u00dfen anzuse\u00adhen.<br \/>\nMit einem kurzen Blicketausch ging der Basecapmann wieder hinein, nachdem er wohl seine ganze Telefonkarte leer hatte. Vielleicht, um doch noch den Finger zu heben. Ich dagegen ging wieder vor das Geb\u00e4ude, um mir noch mal die Frau mit der Augenbinde anzusehen und f\u00fcr den einen oder anderen auf einen erfolg\u00adreichen Ausgang zu hoffen.<br \/>\nSie h\u00e4tten jetzt lieber von einer span\u00adnen\u00adden Bietstunde gelesen, um die ich Sie nun leider bringen muss, aber sie dauerte wohl auch gar nicht mehr lange. Zwar habe ich weder Longner, noch die unbewegliche Frau, nicht die Banker und auch nicht die anderen Entt\u00e4uschten oder die Frau mit den Flecken auf der Haut herauskommen sehen. Waren sie etwa allesamt verhaftet? In einem Gericht wei\u00df man ja nie. Dann kam der Basecapmann, der nun ruiniert war, was die sch\u00f6ne Gestalt mit der Au\u00adgen\u00adbinde nat\u00fcrlich wie so vieles andere \u00fcber\u00adsehen musste.<br \/>\n&#8222;Wer war es?&#8220;, fragte ich ihn, &#8222;Ihre G\u00f6tter\u00adgattin?&#8220; &#8222;Nein, jene die vor uns sa\u00df.&#8220; Die blutjunge Frau mit den Aufregungs\u00adflecken also, die sich jetzt in Frohlockungs\u00adflecken gewandelt haben m\u00f6gen. &#8222;Kennen Sie die Person?&#8220; &#8222;Ja&#8220; &#8222;Wer ist sie?&#8220; &#8222;Meine Toch\u00adter&#8220;, sagte der Mann, der noch ein bisschen kleiner geworden war und war fast schon verschwunden. &#8222;Und Ein\u00adspruch?&#8220; &#8222;Einspruch abgelehnt.&#8220;<br \/>\nDas war alles ein bisschen viel auf einmal, ein Lebenswerk in Minuten zerst\u00f6rt. Da hob ich den Blick zu der G\u00f6ttin:<\/p>\n<p>Da bewegte Justizia ihren Arm von so schlan\u00adker Gestalt und f\u00fchrte ihn hinauf zur Augenbinde, stand nicht an, diese abzunehmen und blickte mich mit einem so wundersch\u00f6nen Auge an (das andere hatte sie zugekniffen, was vielleicht auch Verschmitztheit ausdr\u00fccken sollte), dass ich wusste, welcher Verlust die Verh\u00fcllung gewesen war. Nichts von dem war ihr entgangen, das sich im Gerichtssaal zugetragen hatte, nichts wurde gebilligt.<br \/>\n&#8222;Nimm Du nun die \u00e4gyptische Waage, die Du zu Hause hast und die in der Lage ist, ein einziges Korn in einem ganzen S\u00e4ck\u00adchen von Reis zu wiegen. Dass Du des Blickes einer G\u00f6ttin teilhaftig wirst, sei Auftrag f\u00fcr Dich. Doch nicht in den Para\u00adgraphen suche die Wahrheit, suche sie in Dir selbst.<br \/>\nLeider geh\u00f6rt die Welt uns G\u00f6ttern nicht mehr. Ehrfurcht und Sch\u00f6nheit sind verlorene Gr\u00f6\u00dfen. Und wenn dieses Haus hier einst vielleicht einmal sch\u00f6n war, so kann es das jetzt nicht mehr sein, weil kein zufriedener, kein gel\u00e4uterter Blick es mehr streift, auch kein Stolz ist mehr.&#8220;<br \/>\nSo tr\u00e4umt ich, w\u00e4hrend sich an der Stra\u00dfe ein Kanal\u00addeckel langsam hob von der schwa\u00adchen Kraft einer Ratte und sogleich wieder schloss, denn ein wei\u00dfer Cadillac fuhr vor, worinselbst mein Freund sa\u00df und mich einlud mitzufahren. &#8222;Einen Brief, ja, einen Brief sollten Sie unbedingt schrei\u00adben.&#8220;<br \/>\nAuf dem Heimweg, noch in der Stadt, sehen wir den kleinen Mann noch mal. Er blickt unter dem Schirm seines Basecaps hervor und ist \u2013 guten Mutes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em> Im Waltersdorfe 03.03.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schicksalschlag &nbsp; Es h\u00e4tte ein amerikanisches St\u00e4dtchen sein k\u00f6nnen, wenn nicht ein mittel\u00adalter\u00adliches Flair der Gerichtstreppe gegen\u00fcber gelagert h\u00e4tte, wo sich einige Advokaten aufgebaut hatten, von denen mich einer namens Longner ansprach, ob ich wohl ein Problem h\u00e4tte und&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/835\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-835","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/835","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=835"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/835\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4445,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/835\/revisions\/4445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}