{"id":823,"date":"2012-02-19T15:16:58","date_gmt":"2012-02-19T13:16:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=823"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/823","title":{"rendered":"Heimat"},"content":{"rendered":"<p>Da ich nun im Verdacht stehe, dieses tr\u00e4nenreiche Thema in die Welt gesetzt zu haben, dabei entstand es aus dem Impuls unserer episodenhaft entdeckten Offenheit gegen\u00fcber anderen Kulturen, die uns doch in unserer damaligen Heimat, wie man heute sagen w\u00fcrde, &#8222;zwang\u00adhaft&#8220; nahege\u00adbracht wurde, muss ich wohl auch was dazu schreiben. Das sind nicht nur die Tr\u00e4nen zweier Weltkriege, an denen wir wegen der Gna\u00adde der sp\u00e4ten Geburt, wie es der Kanz\u00adler aller Deutschen mal bonmotm\u00e4\u00dfig ausdr\u00fcck\u00adte, gar keinen Anteil mehr hatten. In meinem Fall wur\u00adde einer der \u00dcbriggebliebenen mein Vater und eine ebenso junge Frau meine Mutter, die ich sp\u00e4ter zu beweinen hatte.<!--more--> Damals rissen mich junges Pfl\u00e4nzchen die sich neu er\u00f6ffnenden Karrie\u00adre\u00adchancen f\u00fcr meinen Vater aus der s\u00e4chsischen Heimat namens Leip\u00adzig, dessen vornehmes Viertel Schleu\u00dfig mir nur noch durch das Kohleauto erinnerlich ist, an das wir unser Dreirad im Scherz banden, die Kohlenm\u00e4nner aber gewissen\u00adlos genug waren, damit einfach loszufah\u00adren, als h\u00e4tten sie gar nichts bemerkt. So wurde ich also fr\u00fch mit in H\u00e4me gewendetem Hu\u00admor bekannt und habe diese fr\u00fche Heimat auch erst anl\u00e4ss\u00adlich der zen\u00adtralen Messe der Meis\u00adter von Morgen, der MMM und sp\u00e4ter noch einmal anl\u00e4sslich des Ver\u00adkaufs des dortigen Hau\u00adses, das sich mei\u00adne Gro\u00dfmutter durch eine durch sie gef\u00fchrte Ballett\u00adschule erworben hatte, das die ganzen Ost\u00adzeiten nichts wert gewesen war und nun gleichsam monit\u00e4r zum Nachwen\u00adde\u00adglanze neu erbl\u00fchte, wiedergesehen.<br \/>\nDas Schweizer Haus, das wir zur Miete in einer Siedlungsgegend vor Berlin bewohnten,  wur\u00adde dann meine wirkliche Hei\u00admat. Berlin selbst h\u00e4tte es nie werden k\u00f6nnen, denn was kann man da schon tun in der Stadt au\u00dfer Einkau\u00adfen, einer stark \u00fcberbewerteten Besch\u00e4ftigung, studieren, was auf einem gr\u00fcnenden Campus viel angenehmer w\u00e4re oder in den Kneipen he\u00adrum\u00adhocken, was mit dem Versiegen der Nei\u00adgung, philosophische Streitgespr\u00e4che zu f\u00fchren auch nicht mehr den rechten Sinn h\u00e4tte, denn wozu sollte man Zunge und Ohr durch Alkohol lockern, wenn die eine nichts zu sagen hat und das andere nichts Sinn\u00advol\u00adles mehr zu h\u00f6ren bekommt.<br \/>\nSo bekam ich in der kleinen turbulenten Welt unseres Sechskinderhaushalts jeden Tag et\u00adwas zu h\u00f6ren: Lass das, mach das, wenn ihr so weitermacht, stecke ich euch alle ins Heim. Das Heim h\u00e4tte also glatt meine dritte Heimat werden k\u00f6nnen, aber daraus wurde nichts. Wir be\u00adka\u00ad\u00admen Schkid vorgelesen, aber ins Heim kam keiner von uns. Flausen durch Arbeit, Sport, Ehrgeiz und Musikinstrument zu verscheuchen, war damals die Norm, und der Flei\u00df pflanzte sich in mich ein und wirkte lange, bis es dann einmal zu viel geworden ist, und seitdem gelte ich als fauler Zeitgenosse und f\u00fchle mich auch selbst so.<br \/>\nMeine Mutter dagegen blieb flei\u00dfig bis an ihr Lebensende und geistig regsam, denn sie starb keines nat\u00fcrlichen Todes. Und mit ihr ging ein St\u00fcck Heimat.<br \/>\nDoch dies hier soll keine Biographie werden, denn der Titel &#8222;Heimat&#8220; gemahnt daran, dass dies ein politischer wie auch seelischer Begriff ist. Nun nenne ich eine Republik meine Hei\u00admat, in der die Politik gro\u00dfgeschrieben wurde, denn man hatte sich nicht weniger vorge\u00adnom\u00admen, als zu Herren der Geschichte zu werden, nicht in dem Sinne, wie die Nazis das durch Orga\u00adni\u00adsation versucht hatten, nicht um sich \u00fcber andere zu erheben (&#8222;und nicht \u00fcber und nicht un\u00adter, andern V\u00f6lkern woll&#8217;n wir sein&#8220;). Man hatte nur entdeckt, dass das Weltgeschehen kei\u00adnen zuf\u00e4lligen, sondern vielmehr einen gesetzm\u00e4\u00dfigen Gang n\u00e4hme, womit man sich vierzig Jahre abm\u00fchte, wobei man vermeinte, dass man die ganze Sache im Grunde schon verstanden h\u00e4tte und es nur noch auf eine mehr oder weniger geschickte Anwendung des Entdeckten an\u00adk\u00e4me.<br \/>\nDa wir uns beim Pioniertuch oder gar FDJ-Hemd nichts weiter dachten, als dass dies der rich\u00adtige Weg dorthin sei, kam als kr\u00f6nender Abschluss dann noch ein A6 B\u00fcchlein in der Farbe der Arbeiterklasse, der des Blutes, hinzu und wir h\u00e4tten uns auf bestem Wege gef\u00fchlt, wenn nicht alle um uns auf unerkl\u00e4rliche Weise immer m\u00fcder, niedergedr\u00fcckter geworden w\u00e4ren, weil die Sache keinen rechten Fortschritt mehr nehmen wollte. Die Heimat geh\u00f6rte zwar un\u00adzweifelhaft uns, keiner verbot auf unbewirtschafteten Grundst\u00fccken Fu\u00dfball zu spie\u00adlen, keiner wehrte einem den Eingang in einen Wald oder an einen See, wenn sie nicht gerade von der Ar\u00admee oder unseren Vorderen mit Beschlag belegt waren. Das war nun wirk\u00adlich ein Skan\u00addalon, dass sich einige schon einen besseren Sozialismus gemacht hatten und was eigent\u00adlich nur als Zugest\u00e4ndnis an die menschlichen Schw\u00e4chen in der \u00dcbergangs\u00adphase zum Kom\u00admu\u00adnismus gedacht war, hatte sich ziemlich verfestigt.<br \/>\nWenn heute &#8222;gutb\u00fcrgerlich&#8220; fast ein triefendes Kompliment ist, so war fr\u00fcher bourgeois Inbe\u00adgriff alles Gestrigen bis hin zum Verworfenen. Der Weg nach innen, den uns Novalis so sch\u00f6n nahelegt, war eine Rubrik der K\u00fcnste, die zwar hoch im Kurs standen, bei denen es aber allzu innerlich nicht zugehen sollte, denn schlie\u00dflich war man dabei, eine gro\u00dfe Aufgabe zu l\u00f6sen. Wie sollte man das in einem Lehnstuhl ruhend und sich zum Tode hinsehnend denn gut machen k\u00f6nnen? Die K\u00fcnstler, die diesen Spagat schafften, dass es Kunst sein soll und trotz\u00addem politisch relevant, standen hoch im Kurs. Eine Kultur der Innerlichkeit war das nun nicht gerade.<br \/>\nHeute wird das Gegenteil dahingehend instrumentalisiert, dass man alles zu einem inner\u00adlichen Problem macht. Noch die himmelschreiendste Sache wird als Mangel an positiver Ein\u00adstel\u00adlung, ungen\u00fcgender Eigenliebe des Betroffenen eingestuft. Lass die Dinge geschehen, sie sind gut f\u00fcr Dich, heben tieferen Sinn, erschlie\u00dfe ihn Dir. Damit ist dann auch jeder so gut besch\u00e4ftigt, dass er nur noch in den seltensten F\u00e4l\u00adlen Zeit hat, sich um einen anderen zu sche\u00adren.<br \/>\nDiese Heimat hie\u00df also erst Zeuthen, dann Wildau, dann Waltersdorf und man konnte zwang\u00ad\u00adlos die Hohe Tatra, das schwarze Meer, den Kaukasus und das ganze sozialistische, auch Wal\u00adlensteins, Lager hinzurechnen, das war der Marxismus, der trotz weiterer Verf\u00fcgbar\u00adkeit einem nun wegen der Rechthaberei ein bisschen auf den Keks ging, das war die gro\u00dfe Fami\u00adlie, die bald wegen blanker Verdienstsorgen den Bach runterging, die eigene Fa\u00admi\u00adlie, die zur finanziellen Last mutierte, die Physik, von der sich bald erwies, dass sie f\u00fcr die meis\u00adten auch nur ein Erwerbszweig ist und die Dichtkunst, an der man sich nach Belieben laben kann, die aber keinen weiter interessiert. Von all dem sind also so ungef\u00e4hr 80% ver\u00adlorenge\u00adgan\u00adgen und da man ohne Heimat nicht leben kann, tut man gut daran, sich eine neue zu defi\u00adnieren.<br \/>\nSo kam ich auf die Utopie, diesen Nichtort. Ich machte mir Gedanken dar\u00fcber und meinte nicht anders, als dass die verlorenen Freunde nun wieder zu einem sto\u00dfen w\u00fcrden und all ihre Tr\u00e4ume mit in dieses Vorhaben legen w\u00fcrden. Es gibt kaum ein sch\u00f6neres Wort: Utopie. Allerdings ist es ein Fremdwort, heute mehr als fr\u00fcher. Doch die Freunde bedenken sich, verfallen in Schweigen, wollen nicht, dass man selbst an\u00adhebt zu reden, denn darauf m\u00fcsste man vielleicht selbst wiederum etwas sagen. Es kommt die unausgesprochene Bitte, denn \u00e4u\u00dfern kann man die ja schlechterdings nicht, ich m\u00f6chte auch schweigen, und im \u00dcbrigen habe man selbst gerade eine Schreibblockade.<br \/>\nNicht dass nicht noch viel geplaudert w\u00fcrde, was meine Sache leider nie war, aber wie man sieht eben heute jede Arbeit als einen Job, hier ein Rechenzentrumsvergleich: ein Job ist eine Rechenaufgabe, die man erledigt, und wenn dabei eine Kerze, also eine endlose Zahlen\u00adreihe entsteht, dann wird er vorzeitig abgebrochen. In den seltensten F\u00e4llen ist man aber das Re\u00adchen\u00adzentrum, das nach Belieben Jobs abbricht, sondern man ist derjenige, dessen Job ein\u00adge\u00adspart wird und der nicht mehr das Recht hat sich einen festen Platz in seiner Heimat zu su\u00adchen, diesen als Beruf zu beanspruchen, als Berufung gar, denn berufen ist im Grunde keiner mehr. Geh den Weg nach innen, bleib flexibel, wurschtle Dich irgendwie durch.<br \/>\nDa steht man nun und dr\u00e4ngt sich auf. Keine Heimat mehr, die zu heiliger Tat ruft. Das Optimum ist, wenn man m\u00f6glichst wenig verbraucht, also die Spuren seiner Existenz so ge\u00adring wie m\u00f6glich h\u00e4lt, denn wir sind nichts als Pl\u00fcnderer der Mutter Erde, rauben Fr\u00fcchte, \u00d6l und Kohle und Stahl und k\u00f6nnen ihr nicht einmal mehr den Schimmer eines Sinns darbieten, den wir doch schuldig w\u00e4ren, bis dass wir selbst endlich wieder Heimaterde werden.<\/p>\n<p>C.R. 18.2.2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ich nun im Verdacht stehe, dieses tr\u00e4nenreiche Thema in die Welt gesetzt zu haben, dabei entstand es aus dem Impuls unserer episodenhaft entdeckten Offenheit gegen\u00fcber anderen Kulturen, die uns doch in unserer damaligen Heimat, wie man heute sagen w\u00fcrde,&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/823\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leseproben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=823"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4447,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/823\/revisions\/4447"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}