{"id":807,"date":"2012-02-05T19:45:30","date_gmt":"2012-02-05T17:45:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=807"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"kolumne-kw6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/807","title":{"rendered":"Kolumne KW6"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leere voraus <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Woche habe ich die letzte Me\u00adchanik\u00advor\u00adlesung gehalten. Zwischen den Jahren hatte ich einige ausgearbeitet, die ich gar nicht mehr halten konnte, weil der Stoff wohl zu schwierig und zu ins Einzelne gehend gewesen w\u00e4re. Parallel zur Vorle\u00adsung habe ich ein paar Excel-\u00dcbungen kul\u00adtiviert, die aber auch nicht mehr zum Ein\u00adsatz kamen.<\/p>\n<p>\nJetzt steht den Studenten noch die Klausur bevor, bei deren Ausarbeitung ich Wert gelegt habe auf physikalisches Verst\u00e4nd\u00adnis. Auf den Dressurakt, in m\u00f6glichst kurzer Zeit die verschiedensten Aufgaben l\u00f6sen zu lassen, habe ich verzichtet. Meine bevorzugte Methode ist eher, einen Sach\u00adver\u00adhalt zu vertiefen, das Staunen \u00fcber bestimmte Zusammenh\u00e4nge nicht zu vergessen und den Vorteil auszunutzen, den wir heute haben, dass wir so genau rechnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nNun steht statt der Lehre, die gro\u00dfe Leere an, womit ich nicht sagen will, dass ich mich nicht zu besch\u00e4ftigen w\u00fcsste. Vor ei\u00adnem Jahr hat mir die Schule einen Impuls verlie\u00adhen. Das war unsagbar anstrengen\u00adder und man hatte mit Problemen zu k\u00e4mp\u00adfen, deren Abwesenheit ich jetzt ein halbes Jahr genie\u00dfen konnte. Keine Diszi\u00adplinprobleme, nicht die Verpflichtung sich Hunderte Namen merken zu m\u00fcssen, kei\u00adne nervenden Eltern im Hintergrund und die Konzentration auf ein bestimmtes Ge\u00adbiet. Das sind  schon paradiesische Zust\u00e4n\u00adde.<\/p>\n<p>\nNat\u00fcrlich gab es auch Illusionen, dass das Interesse so gro\u00df w\u00e4re, dass man mit den Studenten in einen schriftlichen Austausch k\u00e4me. Nur etwa 10 der ca. 40 haben sich \u00fcberhaupt an den Hausaufgaben beteiligt. Dieses Instrument der R\u00fcckkopplung habe ich allerdings auch relativ sp\u00e4t entdeckt und einmal gab es sogar den Fall, dass mir ein geometrischer Zusammenhang skiz\u00adziert wurde, der mir selbst nicht klar war.<\/p>\n<p>\nEine Nachfrage beim verantwortlichen Professor hat bisher nichts ergeben und ich w\u00fcrde ja auch ungern das Niveau leiden lassen, indem ich mich auf zu viele Veranstaltungen einlasse. Und die reine Lehre der Physik wird den Studenten innerhalb <em> eines<\/em> Semesters eingegossen, wenn die Anspielung auf Georg Philipp Harsd\u00f6rffer (1607-1658) erlaubt ist, der solches im sog. poetischen Trichter an einem Tag besorgte: &#8222;Die Teutsche Dicht- und Reimkunst (ohne Behuf der Lateinischen Sprache) in sechs Stunden eingegossen&#8220;. Aus dem poetischen Trichter wurde, da Harsd\u00f6rffer ein N\u00fcrnberger war, der <em>N\u00fcrnberger Trichter<\/em>, den heute nur noch die Wenig\u00adsten kennen.<\/p>\n<p>\nDie Frage meiner dichterischen Neigung wurde von den Studenten mir gegen\u00fcber nie thematisiert und blieb entweder un\u00adbemerkt oder ist eine solche Abnormi\u00adt\u00e4t, dass man sie besser \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>\nDen Ingenieur hat es freilich noch nicht gegeben zu Harsd\u00f6rffers Zeiten, aber manchmal habe ich Erw\u00e4hnung getan, dass selbst der Techniker heute geistigen Gepflogenheiten nicht abgeneigt sein sollte. Dass keiner mehr diesen N\u00fcrnber\u00adger Trichter kennt, der doch mal Inbegriff des Ideals der P\u00e4dagogik war, will man gern einr\u00e4umen, aber dass es auch mit Kleist so ist, ist entweder ein Zeichen von \u00dcberforderung oder Unterforderung. <\/p>\n<p>\nAlso daher hier auf der Gedichtladenseite mal eine Kostprobe, die etwa meine Stimmung trifft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nDer Tag ist nun vergangen<br \/>\nMit seiner Sorgenlast,<br \/>\nDie Nacht hat angefangen<br \/>\nUnd aller Arbeit Rast.<br \/>\nDas Liecht hat abgenommen<br \/>\nMit unsrer Lebenszeit;<br \/>\nWir sind nun n\u00e4her kommen<br \/>\nDer grauen Ewigkeit.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em> Im Waltersdorfe 4.2.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leere voraus &nbsp; Diese Woche habe ich die letzte Me\u00adchanik\u00advor\u00adlesung gehalten. 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