{"id":800,"date":"2012-01-30T21:56:35","date_gmt":"2012-01-30T19:56:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=800"},"modified":"2023-12-08T23:01:04","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:04","slug":"onkel-toms-hutte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/800","title":{"rendered":"Onkel Toms H\u00fctte"},"content":{"rendered":"<p>Beecher-Stowe, Harriet<br \/>\nDez. 2011<br \/>\nErstausgabe:1852<br \/>\n3423140607<br \/>\ndtv<strong><br \/>\nRezension<br \/>\nH\u00f6hepunkt amerikanischer Kultur<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDer damalige Pr\u00e4sident Lincoln soll Harriet Beecher-Stowe mit den Worten empfangen haben: &#8222;Sie sind also die kleine Frau, die diesen gro\u00dfen Krieg hervorgerufen hat.&#8220; Gemeint war der amerikanische B\u00fcrgerkrieg 1861-65, bei dem die Sklavenfrage eine entscheidende Rolle spielte. Auf Krieg war die aus einem Pfarrer\u00adhaushalt stammende Autorin sicher nicht aus, hatte doch auch mit ihren zahlreichen Kindern und an der Seite eines lehrenden Theologen genug zu tun, aber es ist nicht ganz unzutreffend, dass ein Gutteil des moralischen Kapitals in diesem Kriege aus diesem Roman stammte.<!--more--><\/p>\n<p>Der Verlag bringt nun eine Version von Onkel Toms H\u00fctte heraus, die aus dessen Verkommensein zum &#8222;trivialen Kinderbuchklassiker&#8220; herausf\u00fchren soll. Wenn ihn doch die Kinder nur l\u00e4sen, zum Beispiel vom Verlag Neues Leben, wohl auf der gleichen \u00dcbersetzung basierend, von keinem geringeren als Wieland Herzfelde herausgegeben und von Werner Klemke illustriert. Die anonyme \u00dcbersetzung ist also nicht so neu, aber man baut vielleicht ein bisschen auf den Fallada-Effekt, der gerade aktuell ist.<\/p>\n<p>_Handlung mit versiegenden Str\u00e4ngen_<\/p>\n<p>Die Anlage scheint zun\u00e4chst grandios. Wir erleben Onkel Tom in seiner H\u00fctte in Kentucky, einem Sklavenstaat, aber er befindet sich unter einer gutm\u00fctigen Herrschaft, die nur gerade mal bankrott ist. Schweren Herzens m\u00fcssen Tom, einer der wertvollsten Sklaven, und dazu ein kleiner Junge verkauft werden. Letzterer hat nat\u00fcrlich eine Mutter, die mit dem Jungen in letzter Minute nach Norden flieht, w\u00e4hrend Tom, sich in sein Schicksal ergebend, den Transport nach S\u00fcden antritt. Beinahe scheint es, als w\u00fcrde uns der Roman nun nach S\u00fcden und Norden entf\u00fchren, aber der n\u00f6rdliche Strang wird bald verlassen und wir folgen nur dem Schicksal Toms.<\/p>\n<p>Von der titelgebenden H\u00fctte ist nun fast gar nicht mehr die Rede und Onkel Tom gibt uns nurmehr die Orte an, wo die Erlebnisse angesiedelt werden. Zun\u00e4chst bleibt die bedrohliche Perspektive, auf einer Pflanzung sich zu Tode schuften zu m\u00fcssen, f\u00fcr Tom aus, weil er an eine gro\u00dfz\u00fcgige und wohlbestallte Herrschaft ger\u00e4t und fast gar nichts tun muss, also reichlich Zeit hat, f\u00fcr seine Bibelstudien.<\/p>\n<p>Nun bringt aber die Autorin den wohlmeinenden Teil der Herrschaft zu Tode. Tom, dem schon die Freiheit versprochen war, wird wieder verkauft und erf\u00e4hrt nun doch die ganze Grausamkeit des Sklavenhalter\u00adsystems auf einer Plantage, stirbt in einem Nebensatz, aber klar ist, dass dies nicht an \u00dcberarbeitung geschah, sondern, weil man ihn moralisch brechen wollte.<\/p>\n<p>_Neuentdeckungen_<\/p>\n<p>Es ist sicher nicht die sprachliche Brillanz, mit der diese Ausgabe gegen\u00fcber dem Kinderbuch absticht. Da waren bei letzterem kaum Abstriche zu verzeichnen. Die L\u00f6sung sah die Autorin sicher nicht in der Zuspitzung von Interessenkonflikten bis hin zu einem Krieg. Naturgem\u00e4\u00df liegt ihr das Religi\u00f6se sehr am Herzen, dessen Lebenshilfekraft man sicher nicht hoch genug anschlagen kann und das in der DDR-Ausgabe ein wenig begrenzt wurde. Man bescheinigte ihr das Abgleiten ins Predigen, was den damaligen Papst allerdings nicht hinderte, das Buch zu verbieten. <\/p>\n<p>Wenn ein Leser aber beschreibt, dass er im Zug mit der Lekt\u00fcre begann, weinte, aussteigen musste, sich ein Hotelzimmer nehmen und weiterlesen, dann ist das eine Wirkung, wie man sie sich nur von Literatur w\u00fcnschen kann. Die St\u00e4rke ist eben nicht eine konsequente Handlungsf\u00fchrung oder gar das erhellende Aufzeigen von Auswegen, sondern die Erschaffung einer Identifikationsm\u00f6glichkeit, selbst f\u00fcr einen S\u00fcdstaatler. Das ist ein eindeutig christlicher Grundgedanke, und man kann einerseits lernen, wie man wider Erwarten Publizit\u00e4t gewinnt, und andererseits, wie viele Ankn\u00fcpfungspunkte an das Gef\u00fchlsleben der Menschen vor 150 Jahren bereits verloren sind. Das gilt wieder f\u00fcr beide Seiten, f\u00fcr die Rechtlosen, die sich in den Fluss st\u00fcrzten, wenn ihnen das geliebte Kind genommen wird, wie f\u00fcr die heute kleinere Br\u00f6tchen backenden Reichen. Das gilt auch f\u00fcr Schriftsteller und Leser, und wegen dieses Buches habe auch ich kein Hotelzimmer gebucht, aber die Sehnsucht danach ist pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Im Waltersdorfe 22.1.2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beecher-Stowe, Harriet Dez. 2011 Erstausgabe:1852 3423140607 dtv Rezension H\u00f6hepunkt amerikanischer Kultur Der damalige Pr\u00e4sident Lincoln soll Harriet Beecher-Stowe mit den Worten empfangen haben: &#8222;Sie sind also die kleine Frau, die diesen gro\u00dfen Krieg hervorgerufen hat.&#8220; Gemeint war der amerikanische B\u00fcrgerkrieg&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/800\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-800","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=800"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4450,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800\/revisions\/4450"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=800"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=800"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=800"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}