{"id":5411,"date":"2026-11-04T12:19:42","date_gmt":"2026-11-04T10:19:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5411"},"modified":"2026-11-04T12:19:42","modified_gmt":"2026-11-04T10:19:42","slug":"quint-nachlese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5411","title":{"rendered":"Quint Nachlese"},"content":{"rendered":"<p><strong>Quint Nachlese<\/strong><\/p>\n<p>Nicht gerade sich inhaltlich einlassend zu meinem letzten Aufsatz, aber einen Fingerzeig gebend, \u00fcbersandte mir ein gesch\u00e4tzter Leser ein dreiundsiebzigseitiges Pamphlet, das sich wohl in den Wilhelminischen Religionsstreit um die Wende zum 20. Jahrhundert einordnen l\u00e4sst. In diesem geht es um nichts Geringeres als, wie hoch man den Glauben ansetzen darf und der Autor s\u00e4he ihn gern heruntergeschraubt auf das, was man im Einklang mit einschl\u00e4gigen Erfahrungen noch wirklich glauben kann.<\/p>\n<p>Es sei zwar glaubhaft und man d\u00fcrfe sogar \u00fcberzeugt sein, dass es einen Gott g\u00e4be, so weit ging dieser S\u00e4chsische Stabsoffizier immerhin noch, aber dass einer durch r\u00e4tselhafte Geburt zum Sohn Gottes geworden w\u00e4re und noch dazu einiges an Wundern getan h\u00e4tte, sei absolut unglaubhaft.<\/p>\n<p>Man wei\u00df heute nicht mehr, bis zu welchem Grade dieser Offizier Anh\u00e4nger fand. Jedenfalls wurde die Sache vor hundertf\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren nicht gekl\u00e4rt, sodass wir diese Frage aus den Zeiten Kaiser Wilhelms heute immer noch mit uns herumtr\u00fcgen, wenn nicht etwas eingetreten w\u00e4re, womit er nicht gerechnet hat, und wohl auch nicht die Kirchenleute, die sich seinem Rat gegen\u00fcber damals als immun erwiesen, dass sich n\u00e4mlich der Unglaube derart ausbreitet. Dabei hatte dieser Mann nicht nur von einer einigen Weltchristenheit, sondern auch von neuerbauten Domen getr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Gerhart Hauptmann ging nicht nur den Weg eines einigerma\u00dfen unterhaltsamen Romans, sondern setzt auch andere Priorit\u00e4ten, insofern er sich denn doch, wenigstens teils teils, mit Emanuel Quint identifiziert. Irgendetwas musste dieser zwar falsch gemacht haben, dass Gott ihn dann in den kalten Schweizer Bergen sich verirren und erfrieren lie\u00df, aber wenn einer mit so vollem Einsatz arbeitet, muss er sich \u00fcber einen solchen Denkzettel vielleicht nicht wundern.<\/p>\n<p>Jedenfalls kritisiert Hauptmann nicht grunds\u00e4tzlich, dass sich jemand als eingeborener Sohn Gottes sieht und dieser ist einem sogar so lange sympathisch, wie er auf seine wirklich bemerkenswerte pers\u00f6nliche Ausstrahlung vertraut. Es hat sogar streckenweise den Anschein, als k\u00f6nnte er von der krankhaften  Vorstellung der Gottessohnesschaft geheilt werden, was, h\u00e4tte Hauptmann das so stehen lassen, einen angenehmen Eindruck hinterlassen h\u00e4tte, den ich sogar k\u00f6rperlich sp\u00fcrte. Aber nein, er musste der Odyssee bis zum Schluss nachgehen.<\/p>\n<p>Von diesem gl\u00fccklichen Moment an, beginnt der neue Christus den Glauben an ihn selbst nicht mehr seiner Ausstrahlung zu \u00fcberlassen, sondern fordert ihn geradezu ein. An sich ist seine Idee, dass ein Senfkorn Glauben Berge versetzen kann, nicht von der Hand zu weisen, wenn man geneigt ist, einen Sumpf von Unglauben anzunehmen, in dem alle waten. Auch ist es vollkommen berechtigt sich solcher Wunder zu enthalten, die der S\u00e4chsische Stabsoffizier als schier undenkbar ablehnt, damit es ein wirklicher Glaube werde und nicht nur schn\u00f6de Anschauung bleibt, aber muss die um die Anschauung Gebrachten nat\u00fcrlich verst\u00e4ndnislos zur\u00fccklassen. Nicht mal das kleinste Zeichen der Wundert\u00e4tigkeit vermag Quint da noch zu geben und will es auch nicht, weil doch alles Vorherige und weshalb er von seiner Gefolgschaft verehrt wurde, nur aus seiner pers\u00f6nlichen Zuwendung an Hilfsbed\u00fcrftige entstand, wobei er noch keinerlei Anspruch auf Glauben damit verband und schon gar nicht in seine Person.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun schlussfolgern, dass es, will man ein guter t\u00e4tiger Mensch sein, gar nicht der These bedarf, dass man so ein Auserw\u00e4hlter sei. Ja, es bedarf nicht einmal der These, dass man gottgef\u00e4llig handle, sondern dass man einfach menschlich sei.  Hat man sich, wie ich, der Natur als H\u00f6chstes verschrieben, so kommt hinzu, dass diese nicht \u00fcber Geb\u00fchr barmherzig ist, sondern man schon mal unter die M\u00fchlr\u00e4der der Naturgesetzlichkeiten geraten kann, ehe man sich versieht. Sich da als entbehrliches R\u00e4dchen im allgemeinen Getriebe zu sehen und der anderen, vielleicht unvollkommener R\u00e4dchen achtet, k\u00f6nnte da ein Erfolgsrezept sein.<\/p>\n<p>CER 3.11.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quint Nachlese Nicht gerade sich inhaltlich einlassend zu meinem letzten Aufsatz, aber einen Fingerzeig gebend, \u00fcbersandte mir ein gesch\u00e4tzter Leser ein dreiundsiebzigseitiges Pamphlet, das sich wohl in den Wilhelminischen Religionsstreit um die Wende zum 20. Jahrhundert einordnen l\u00e4sst. 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