{"id":5387,"date":"2026-09-20T15:40:38","date_gmt":"2026-09-20T13:40:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5387"},"modified":"2026-09-20T15:11:20","modified_gmt":"2026-09-20T13:11:20","slug":"spaetsommeridylle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5387","title":{"rendered":"Sp\u00e4tsommeridylle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sp\u00e4tsommeridylle<\/strong><\/p>\n<p>In Tagesreisen begab er sich nach Th\u00fcringen, diesem Landstrich, wo das Gr\u00fcn ein unwahrscheinliches ist, wo die Saale sich durch drei Landesteile windet und man sogar Energie aus ihrer Wasserkraft gewinnt. Da sind keine, die Landschaft verschandelnde Windr\u00e4der n\u00f6tig, das passiert quasi zu ebener Erde.<\/p>\n<p>Auch seine Gro\u00dfmutter hatte die Landschaft zu sch\u00e4tzen gewusst und seinerzeit eine Gastst\u00e4tte in Uhlst\u00e4dt erworben, die nun, nachdem seine Mutter sie geerbt und ver\u00e4u\u00dfert hatte, geschlossen ist.<\/p>\n<p>Das ist dort ein anderer Menschenschlag als im wenige Kilometer entfernten Jena, wo man immer zu einem spontanen Gespr\u00e4ch neigt. Hier sagt man kurz Hallo oder guten Tag und das wars dann auch. Radfahrer, die kaum einem Menschen gespr\u00e4chsweise begegnen, strampeln, heute meist elektrisch unterst\u00fctzt, die Saale entlang.<\/p>\n<p>Dicht an der Saale, auf einer Anh\u00f6he thront die Wei\u00dfenburg. Da es zu allen Zeiten auch schon Verr\u00fcckte mit verwirrten Sinnen gab, wurden sie dorthin verbracht und waren nur auf Umwegen erreichbar, denn Saalebr\u00fccken sind rar.<\/p>\n<p>Die Burg sieht gespenstisch aus und macht nur von weitem einen Eindruck. Die Insassen tragen den ganzen Tag wei\u00dfe Nachthemden, die Fenster d\u00fcrfen nicht ge\u00f6ffnet werden, dass sich keiner hinausst\u00fcrzen m\u00f6ge, und nur von ganz nahem gesehen, bemerkt man die Silhouetten der sich aus den Fenstern sehnenden. Die meisten gehen im Schlafsaal auf und ab oder sitzen den ganzen Tag verloren auf der Bettkante und brabbeln etwas vor sich hin.<\/p>\n<p>Er hatte am Wegesrand einen schimmernd wei\u00dfen Stock gefunden, der ihn an H\u00f6he \u00fcberragte. Sein rechtes Knie schmerzte, denn dort hatte er schon in der Jugend sein Kreuzband eingeb\u00fc\u00dft. Man weist ihm ein Bett zu mit einem gigantischen Kopfkissen und das obligatorische wei\u00dfe Nachthemd. Den Stock bedeutet man ihm drau\u00dfen zu lassen. Kaum einer der Umhersitzenden und Gehenden bemerkt ihn \u00fcberhaupt. Alle sind ja stark besch\u00e4ftigt, scheinen Erinnerungen, grausame und tr\u00f6stliche, zu leben.<\/p>\n<p>Das ist das Ende, das soll jetzt f\u00fcr immer so sein. Vielleicht f\u00e4llt ihm nach Monaten oder Jahren auch etwas zu brabbeln ein, oder er stellt sich, wie andere, auch ans Fenster, wo man das Saaletal \u00fcberblickt und die Gegenden \u00fcberschauen kann, wo die Normalen ihrer Arbeit nachgehen, wo sie feiern, spazierengehen, wo sie in den Autos einherrasen, als w\u00e4re das das wichtigste auf der Welt.<\/p>\n<p>CER 20.09.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4tsommeridylle In Tagesreisen begab er sich nach Th\u00fcringen, diesem Landstrich, wo das Gr\u00fcn ein unwahrscheinliches ist, wo die Saale sich durch drei Landesteile windet und man sogar Energie aus ihrer Wasserkraft gewinnt. 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