{"id":5185,"date":"2026-03-28T18:53:22","date_gmt":"2026-03-28T16:53:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5185"},"modified":"2026-03-28T18:53:22","modified_gmt":"2026-03-28T16:53:22","slug":"prometheus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5185","title":{"rendered":"Prometheus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prometheus<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBedecke Deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst, und \u00fcbe, dem Knaben gleich, der Disteln k\u00f6pft, an Eichen Dich und Bergesh\u00f6hn\u201c, das lernten wir von Goethe in der Schule als Worte des Prometheus an den G\u00f6ttervater. Das sind Worte, die die Autorit\u00e4t des Zeus empfindlich treffen mussten, wird ihm da doch nicht nur befohlen, sondern er auch mit einem unreifen Knaben verglichen, der sich nur so zum Spa\u00df an der Natur vergeht, was ihm da als w\u00fcrdige Besch\u00e4ftigung nahegelegt wird.<\/p>\n<p>Mittelweile zweieinhalb Tausend Jahre geht die Sage des Prometheus durch alle Lebensbereiche und die Gedankenwelt. Bei uns hat sie in der Brieferepublik meine dritte Tochter aufgebracht, wohl auch ein bisschen in eigener Sache, weil sie selbst mit diesem Titanen verglichen worden war, von einem Unbedarften, der aber immerhin mal von diesem Sohn einer der dreitausend T\u00f6chter des Meeresgottes Okeanos geh\u00f6rt haben musste.<\/p>\n<p>Die Tyrannis des Zeus hatte sich eigentlich nur in dem vernichtenden Urteil Prometheus\u2018 gegen\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert. Ansonsten f\u00fchrte der oberste Gott auf dem Olymp ein sinnenfrohes Leben, was sich in diversen Seitenspr\u00fcngen \u00e4u\u00dferte. Einen Unsterblichen, wie Prometheus konnte man freilich nicht t\u00f6ten, wie es Zeus an seinem eigenen Vater Kronos noch gelungen war, aber man konnte ihn qu\u00e4len, indem man ihn an einen Felsen im Kaukasus schmieden lie\u00df und ein Adler ihm immer wieder die Leber aushackte, die dann allerdings wegen Prometheus\u2018 Unsterblichkeit immer wieder nachwuchs.<\/p>\n<p>Der Dichter Aischylos hat etwa 500 vor unserer Zeitrechnung das Drama \u201eDer gefesselte Prometheus\u201c verfasst, das fast durchg\u00e4ngig aus Bedauern bzw. Anklage durch die Mitg\u00f6tter und Aussagen des Prometheus besteht und dessen unbeugsamer Haltung, der sogar das Einkommen eines Mitf\u00fchlenden um Gnade beim G\u00f6ttervater ablehnt, weil es diesen in Gefahr bringen w\u00fcrde. Zum Schluss wird die Strafe sogar noch versch\u00e4rft und der Felsen mitsamt Prometheus versinkt im Abgrund.<\/p>\n<p>Menschen treten nicht in dem St\u00fcck auf und Prometheus zieht Hilfe von ihnen, die ihm so viel zu verdanken haben (oder vielleicht auch nicht?), nicht in Betracht. Das besorgt dann Zeus\u2018 Sohn Herakles, der ihn befreit. Seine Verdienste muss er auch selber aufz\u00e4hlen, und um einen Eindruck von dem St\u00fcck zu geben, sei hier eine Passage zitiert:<\/p>\n<p>Denn sonst mit offenen Augen sahen sie nicht<br \/>\nEs h\u00f6rte nichts ihr H\u00f6hren, \u00e4hnlich eines Traums<br \/>\nGestalten mischten und verwirrten fort und fort<br \/>\nSie alle blindlings, kannten nicht das sonnige<br \/>\nDach\u00fcberdeckte Haus und nicht des Zimmrers Kunst<br \/>\nSie wohnten tief vergraben gleich den winzigen<br \/>\nAmeisen in der H\u00f6hlen sonnenlosem Raum<br \/>\nVon keinem Merkmal wussten sie des Winters Nahn<br \/>\nNoch f\u00fcr den blumenduftigen Fr\u00fchling, f\u00fcr den Herbst<br \/>\nDen erntereichen, sonder Einsicht griffen sie<br \/>\nAlljedes Ding an, bis ich es ihnen deutete<br \/>\nDer Sterne Aufgang und verh\u00fclltren Niedergang<br \/>\nDie Zahlen, aller Wissenschaften trefflichste<br \/>\nDer Schrift Gebrauch erfand ich und die Erinnerung<br \/>\nDie sagenkundige Amme aller Musenkunst<br \/>\nDann spannte ins Zugjoch ich zum erstenmal den Ur<br \/>\nDes Pfluges Sklaven, und damit dem Menschenleib<br \/>\nDie allzugro\u00dfe B\u00fcrde abgenommen sei<br \/>\nSchirrt ich das z\u00fcgelstolze Ross dem Wagen vor<br \/>\nDes mehr denn reichen Prunkes Kleinod und Gepr\u00e4ng<br \/>\nUnd auch das meerdurchfliegend lein&#8217;gefl\u00fcgelte<br \/>\nFahrzeug des Schiffers ward von niemandem ehr erbaut<br \/>\nSo mir zum Elend vieles Rates vielgewandt<br \/>\nDen Menschen, bin ich allen Rates bar und blo\u00df<br \/>\nMir jetzt zu l\u00f6sen dieser Qual schmachvolles Los<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt auch noch die Heilkunst und die Seherkunst an. Letzteres steht in einem gewissen Gegensatz zur vorhergehenden Aussage, dass er der Menschheit die Voraussicht nahm und sie durch die blinde Hoffnung ersetzte. Es f\u00e4llt aber auch auf, dass es sich bei seinen Segnungen, die er der Menschheit gab, ausschlie\u00dflich um private oder sp\u00e4ter privatisierte Eigenschaften handelt. So moniert auch der gro\u00dfe Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass er keine sittlichen, geistigeren oder die Staatskunst betreffenden Lehren vermittelt h\u00e4tte. Das alles ist ja auf reine Wissensjagd und Bequemlichkeit ausgerichtet.<\/p>\n<p>Doch gerade dazu, auch wenn es Prometheus in seinen Klagen nicht thematisiert, liefert die Prometheussage gen\u00fcgend Anhaltspunkte, gerade weil wir uns vorhergehend mit Begriffen wie List und Tatkraft auseinandergesetzt hatten, die in der Staatskunst auch eine Rolle spielen, wenn man diese als lebendig versteht. Nicht nur dem allesdurchschauenden und als tyrannisch gebrandmarkten Zeus ist diese gegeben, sondern sie kann in dem G\u00f6tterkollektiv, dem die Griechen noch anhingen, auch von unten kommen. Diese Macht kann wieder ganz im Privaten liegen. So kennt Prometheus, der Vorausschauende, die Bedrohung, die Zeus\u2018 Macht st\u00fcrzen k\u00f6nnte. Denn es gab ja dort eine gewisse Tradition des Vatermords, der ja auch Zeus seine Macht zu verdanken hatte. Aus einer rein famili\u00e4ren Angelegenheit, einer Ehe des Zeus mit der Nymphe Thetis, w\u00fcrde ein Sohn entstammen, der die Tradition des Vatermordes an Zeus fortsetzen k\u00f6nnte. Das wei\u00df nur Prometheus und er wei\u00df dieses Geheimnis zu gebrauchen, um sich zu befreien, so wie er Zeus auch schon in der Titatenschlacht beigestanden hatte.<\/p>\n<p>Dieser Aufsatz m\u00fcndet nur leider in das Einerseits-Andererseits, von dem je nach Zeitgeist das Eine oder Andere betont wird, aber die Ruhe und Behaglichkeit \u2013 das Goldene Zeitalter, ohne dabei in Wankelmut zu verfallen oder einer unguten Statik das Wort zu reden, kann man nur finden, wenn man sich entscheidet. Aus der Sicht der Griechen ist die Menschheit daf\u00fcr da, die gelangweilte G\u00f6tterwelt zu unterhalten, wobei man sich den Schmerz vor Augen halten muss, den Prometheus um der Idee der Menschenfreundlichkeit willen erlitten hat. Er widersteht dem Gedanken sterben zu wollen, was f\u00fcr ihn nun allerdings auch keine Option ist und nur uns Menschen gegeben.<\/p>\n<p>CER 27.3.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prometheus \u201eBedecke Deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst, und \u00fcbe, dem Knaben gleich, der Disteln k\u00f6pft, an Eichen Dich und Bergesh\u00f6hn\u201c, das lernten wir von Goethe in der Schule als Worte des Prometheus an den G\u00f6ttervater. 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