{"id":5172,"date":"2026-03-19T18:55:58","date_gmt":"2026-03-19T16:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5172"},"modified":"2026-03-19T18:55:58","modified_gmt":"2026-03-19T16:55:58","slug":"durch-das-boese-zum-guten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5172","title":{"rendered":"Durch das B\u00f6se zum Guten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Durch das B\u00f6se zum Guten<\/strong><\/p>\n<p>Ein Dialog in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu<\/p>\n<p>Machiavelli ist ja derzeit Gegenstand unserer Untersuchungen. Seine Schriften seien mit der Feder des Teufels geschrieben, so eiferten die Klerikalen, nachdem seine beiden B\u00fccher, Der F\u00fcrst und die Discorsi zun\u00e4chst mit p\u00e4pstlicher Genehmigung gedruckt worden waren und dann bei Strafe der Exkommunion wenige Jahre sp\u00e4ter verboten wurden. Gut hundertf\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter hatte dann Montesquieu das Werk vom Geist der Gesetze verfasst, das auf weitgehend humanistisch orientierten Prinzipien beruhte und die Demokratie obenan stellte.<\/p>\n<p>Es sollten wieder etwa hundertf\u00fcnfzig Jahre vergehen, dass der franz\u00f6sische Autor Maurice Joly dann Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diesen Dialog in der Unterwelt erfand, der zun\u00e4chst anonym erschien. Im Grunde ist auch er kritisch eingestellt gegen\u00fcber dem machiavelliansichen Erfindungsreichtum und dessen These, dass die Menschen schlecht seien und daher von Machthabern zu regieren sind, die die Kraft eines L\u00f6wen und die Schlauheit eines Fuchses haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Sein Dialog hat f\u00fcr heutige Begriffe einen umgekehrten Spannungsbogen. Ist er stark im Anfang, wo er sich noch mit dem Bestehenden der Demokratien auseinandersetzt, so verflacht das dann in den folgenden Teilen zu einer mehr oder weniger Phantasterei. Im Grunde nimmt Joly die Eigenart Machiavellis gut auf, aus historischen Beispielen Rezepte zu generieren, die geeignet sind, die Macht in einer Demokratie zu ergreifen und aufrechtzuerhalten. Da ist dann Montesquieu nur staunender und verdutzter Zuh\u00f6rer, der lediglich mal Zwischenfragen stellt. Wenn dann im dritten Teil dieser das Gespr\u00e4chszepter \u00fcbernimmt, um die Sache mit den Staatfinanzen zu erkl\u00e4ren, obgleich das auch aktuellen Bezug hat, den ich aber weniger \u00fcberschaue, wird es geradezu langweilig. Heute scheint auch das Problem, dass eigentlich die Staatsfinanzen offenzulegen sind, weitgehend au\u00dfer Sicht geraten zu sein.<\/p>\n<p>Den Z\u00fcndstoff, den ausnahmslos Machiavelli in diesem Disput liefert, kann man daher getrost auf die ersten Teile beschr\u00e4nken. So l\u00e4sst Joly Machiavelli sagen, dass die Ermattung des selbst\u00e4ndigen Denkens und die Ersch\u00fctterung durch die Revolutionen Gemeinschaften hervorgebracht haben , die, ausgebrannt und verbraucht, gegen die Politik ebenso wie gegen die Religion gleichg\u00fcltig geworden sind , die keinen anderen Reiz mehr kennen als die materiellen Gen\u00fcsse, die nur noch f\u00fcr ihren eigenen Vorteil leben, die keinen anderen Kultus als den des Geldes kennen. Oder: Es handelt sich heutzutage weniger darum, die Menschen zu vergewaltigen, als darum, sie zu entwaffnen, ihre politischen Leidenschaften einzud\u00e4mmen,<br \/>\nals sie ganz auszul\u00f6schen, nicht darum, ihre Instinkte zu bek\u00e4mpfen, als sie irrezuleiten, nicht ihre Ideen in Acht und Bann zu tun, als vielmehr darum, sie in eine andere Richtung zu lenken, und zwar dadurch, dass man sie sich aneignet. Wie aktuell das doch ist. Auch die Macht der \u00f6ffentlichen Meinung, wei\u00df Maurice Joly aus dem Munde Machiavellis einzud\u00e4mmen: Aber ehe man daran denken kann, die \u00f6ffentliche Meinung zu lenken, muss man sie verwirren, sie durch verbl\u00fcffende Widerspr\u00fcche unsicher machen, durch unaufh\u00f6rliche Ablenkungen auf sie einwirken, sie durch alle m\u00f6glichen Sensationen blenden und sie unmerklich vom rechten Wege abbringen. Eines der gro\u00dfen Geheimnisse unserer Zeit ist es, sich der Vorurteile und der Leidenschaften des Volkes so zu bedienen, dass man eine Verwirrung der Grunds\u00e4tze herbeif\u00fchrt, die jede Verst\u00e4ndigung zwischen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und dieselben Interessen, haben, unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Es fehlt auch nicht an Kritik am Parlamentarismus, indem der Autor Machiavelli sagen l\u00e4sst: In meinen Augen sind ihre parlamentarischen Regierungen nur Disputierklubs, Brutst\u00e4tten steriler Agitationen, in denen sich die sonst so fruchtbare T\u00e4tigkeit der V\u00f6lker ersch\u00f6pft, die von den Volksrednern und der Presse zur Ohnmacht verurteilt werden. Manche haben das als Quasselbude und L\u00fcgenpresse bereits erkannt. Die Demokratie ist auch heute wieder tief erodiert.<\/p>\n<p>Ist also ein Despot an der Tagesordnung, den Joly Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf nicht sp\u00e4ter als in hundert Jahren an die Macht kommen sieht und er damit, zumindest, was Deutschland betrifft, genau richtig lag oder kann sich die vielgescholtene Demokratie noch von ihren Gebrechen befreien und ebenso einfallsreich, entschlossen und energiegeladen sein wie sein Machiavelli es ist? Bedarf es dazu wirklich eines b\u00f6sen Elementes? Aber man muss sich ja den Kopf der M\u00e4chtigen nicht unbedingt zerbrechen. In Demut.<\/p>\n<p>CER 18.3.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch das B\u00f6se zum Guten Ein Dialog in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu Machiavelli ist ja derzeit Gegenstand unserer Untersuchungen. 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