{"id":5146,"date":"2026-02-18T12:21:26","date_gmt":"2026-02-18T10:21:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5146"},"modified":"2026-02-18T12:21:26","modified_gmt":"2026-02-18T10:21:26","slug":"saufgelage-und-systemschmerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5146","title":{"rendered":"Saufgelage und Systemschmerz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Saufgelage und Systemschmerz<\/strong><\/p>\n<p>Ein ehemaliger Kollege und Brieffreund hatte mir eigens das Buch  von Robert Schimko, seines Zeichens Physikprofessor und ehemaliger Genosse, per Post zukommen lassen. Ich erinnere mich, dass ich sogar mal mit Professor Schimko telefoniert hatte als ich vor nunmehr sechs Jahren, noch mitten in der Coronakrise, mal eine Reise nach Lwow in der Westukraine plante. Dort hatte er n\u00e4mlich studiert und verf\u00fcgt \u00fcber ausgezeichnete Kontakte in die ehemalige Sowjetunion. \u00dcberhaupt wimmelt es in dem Buch von Personen, denen er so im Leben begegnet ist und die er auch in h\u00f6herem Alter noch alle namentlich zusammenbringt.<\/p>\n<p>Die Erlebnisse seines Studiums und der Promotion dann in Tiblissi lesen sich fast ausschlie\u00dflich als Saufgelage, was von der draufg\u00e4ngerischen Lebensart der Sowjetmenschen zeugt. Nur am Rande werden mal winzige Kristallkr\u00fcmel gez\u00fcchtet, was nach langen vergeblichen Versuchen dann schlie\u00dflich zum Erfolg f\u00fchrt, der dann wieder geh\u00f6rig zu begie\u00dfen ist. Unvorstellbare Geschichten tragen sich da zu, wie als er trunken in Tiblissi, nicht wissend, wo er sich \u00fcberhaupt befindet, von zwei Stra\u00dfenbahnfahrerinnen aufgelesen wird und diese ihn dann nach Hause fahren, indem sie einfach solche Weichenstellungen vornehmen (per Hand), die zum gew\u00fcnschten Ziel f\u00fchren. Eine Stra\u00dfenbahn als Taxi &#8211; das gibt es sonst nirgends auf der Welt &#8211; und dazu noch umsonst, versteht sich, und unter Gesangsbegleitung der beiden Damen.<\/p>\n<p>Obwohl er erst 1945 geboren wurde, ist diese Phase seines Lebens in den sechziger Jahren auch dadurch gekennzeichnet, dass er Ausl\u00e4nder und noch dazu Deutscher ist, die die meisten dort nur noch aus Propagandafilmen kennen. Dieses Gemisch aus Ehrfurcht, Abstand und \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl gegen\u00fcber den Besiegten ist selbst mir noch in den achtzigern begegnet. Diese Erfahrung aus dem Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg reichte ja bis in den Kaukasus, wo auch ich einmal mit Heil Hitler begr\u00fc\u00dft worden war und die Entt\u00e4uschung immer gro\u00df war, dass ich nur aus der DDR und nicht aus dem Deutschland kam, das diese Traditionen eher fortsetzte und das nicht so gr\u00fcndlich besiegt war, wie wir.<\/p>\n<p>In die damals \u00fcblichen Parteiquerelen mischt sich etwas Zynismus, der damals weniger angebracht war, und mir das Buch erst einmal schwer werden lie\u00df. Dann folgen die zwanzig Jahre DDR, die Schimko eine steile Karriere als Forschungsleiter beim Berliner Werk f\u00fcr Fernsehelektronik (WF) bescherten und ihn bis in den Forschungsrat katapultierten. Dann, in der Nachwendezeit zahlt sich die humorvolle Sicht in sichtlich etwas unbeholfener Sprache, dann doch aus und das Buch wird so packend, dass ich es an einem Tag auslas.<\/p>\n<p>In der dann gegr\u00fcndeten WF GmbH sa\u00df er auf einem ziemlich hei\u00dfen Stuhl und hat sich mindestens drei Standbeine aufgebaut, die ihn wohl zu der Selbsteinsch\u00e4tzung gef\u00fchrt haben, Kleinkapitalist geworden zu sein. So auch der Titel des Buches &#8222;Ich bin Physiker und Kleinkapitalist&#8220;. Diese Phase ist zwar auch nicht gerade Literatur zu nennen, setzt man den Ma\u00dfstab der Sprache an und der Ausf\u00fchrlichkeit, wo diese angebracht erscheint. Aber vielleicht ist es eine ganz neue Art von Literatur, die von Erlebnisdichte zu bersten droht. Auch dort bleibt er der soziale Mensch, der von vielerlei pers\u00f6nlichen Begegnungen, sei es im Flugzeug oder im heimischen Amanullah Saal im WF, den er auch mit seiner Firma nutzte, zu berichten wei\u00df.<\/p>\n<p>Auch im angeschlossenen Osten gelingt es ihm, in die Gel\u00e4ndekammern der Macht zu blicken, auch wenn er sich bescheidener Weise nur als Feigenblatt, als Vorzeigeossi versteht. Dass der Osten in haarstr\u00e4ubender Weise bei den Beitrittsverhandlungen und dem Ausverkauf durch die Treuhand \u00fcber den Tisch gezogen wurde, belegt er gut, wenn man dem nat\u00fcrlich auch gegen\u00fcberstellen m\u00fcsste, die erheblichen Investitionen, die seitdem in den Osten flossen, sodass wir nicht nur ein relativ gesichertes Auskommen haben, sondern auch die St\u00e4dte und Gemeinden ein vorbildlicheres Aussehen gewannen. Hatten sich nicht zum Ende der DDR allerorten unm\u00e4\u00dfige Forderungen geltend gemacht?, so auch beim WF, wo noch mal rasch ein anderthalb Milliardenprojekt auf den Weg gebracht werden sollte.<\/p>\n<p>In Professor Schimko begegnet uns einem eher ein Manager, nicht einer, der sein Leben lang einer konkreten Arbeit nachgegangen w\u00e4re und vielleicht zu den Millionen gez\u00e4hlt h\u00e4tte, die als unbrauchbares Menschenmaterial gleich mal entlassen wurden und dann in ABM Ma\u00dfnahmen zun\u00e4chst Naturschutzgebiete einhegen sollten, aber er gibt uns eine wertvolle Skizze von diesem historischen Prozess, vor dem jeder, der konnte, sich in die Rente zu retten versuchte. Wir erfahren mehr \u00fcber die vielen Menschen, die ihm begegnet waren als von seinen eignen Empfindungen und Gedanken, die es wohl gegeben haben muss. Den Blick in seine Seele gew\u00e4hrt dieses Buch nicht, dazu m\u00fcsste man vielleicht eine Flasche Samogon mit ihm leeren.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr dieses Buch. Prost auf die Gesundheit.<\/p>\n<p>CER 17.2.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saufgelage und Systemschmerz Ein ehemaliger Kollege und Brieffreund hatte mir eigens das Buch von Robert Schimko, seines Zeichens Physikprofessor und ehemaliger Genosse, per Post zukommen lassen. 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