{"id":5030,"date":"2025-12-08T20:27:09","date_gmt":"2025-12-08T18:27:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5030"},"modified":"2025-12-08T20:27:09","modified_gmt":"2025-12-08T18:27:09","slug":"die-schoene-gewitzte-und-etwas-grauselige-prinzessin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5030","title":{"rendered":"Die sch\u00f6ne, gewitzte und etwas grauselige Prinzessin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die sch\u00f6ne, gewitzte und etwas grauselige Prinzessin<\/strong><\/p>\n<p>Einige M\u00e4rchen beginnen nicht einfach mit &#8222;Es war einmal &#8230;&#8220;, sondern wie dieses hier mit dem allenthalben bekannten Dilemma. Papa K\u00f6nig m\u00f6chte sein T\u00f6chterlein verheiraten, um sein Reich zu festigen und zuk\u00fcnftig durch Enkelchen, m\u00f6glichst m\u00e4nnlich, zu sichern. Doch wie Jugendliche so sind, eigenwillig, str\u00e4ubt sich das Prinzesslein gegen eine Heirat, von der sie ahnt, dass sie f\u00fcr ihre Freiheiten arge Einschr\u00e4nkungen mit sich bringen d\u00fcrfte. <\/p>\n<p>Nun hat der K\u00f6nig das Gl\u00fcck, dass die Prinzessin sehr h\u00fcbsch ist und er darf auf zahlreiche Freier zu vorteilhafter Auswahl hoffen. Zugleich aber hat er das Pech, dass seine widerspenstige Tochter, einigerma\u00dfen gewitzt, immer wieder triftige Gr\u00fcnde anf\u00fchrt, eine Heirat zu vermeiden. So geht das eine Zeitlang. Doch dann wird der alternde K\u00f6nig ungeduldig und unnachsichtig. Die Tochter wei\u00df nun, dass sie den Vater nicht weiter hinhalten kann, will aber weiterhin keine Heirat eingehen. <\/p>\n<p>Sie schl\u00e4gt dem Vater einen grausamen Kompromiss vor. &#8222;Vater&#8220;, sagt sie, &#8222;Du wirst bestrebt sein, einen wirklich w\u00fcrdigen, tatkr\u00e4ftigen und mutig  f\u00fchrungsstarken Nachfolger haben zu wollen, nicht wahr?&#8220;<br \/>\n&#8222;Freilich&#8220;, antwortet der K\u00f6nig, &#8222;so soll es sein!&#8220;<br \/>\n&#8222;Nun&#8220; erwidert die Tochter, dann bedarf es eines strengen Auswahlsystems.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, Tochter!&#8220;<br \/>\nUnd die Prinzessin schl\u00e4gt vor: &#8222;Gut, ich bin bereit zu heiraten. Aber jedweder Heiratsbewerber muss eine Aufgabe l\u00f6sen. Es ist eine garantiert l\u00f6sbare Aufgabe. Der Freier muss nur einen einzigen Satz sagen. Allerdings darf dieser Satz weder wahr, noch gelogen sein. S\u00e4tze, die sich als wahr oder aber gelogen erweisen, sollen aber strikt geahndet werden.<br \/>\nN\u00e4mlich, wer nachweislich die Wahrheit sagt, soll gek\u00f6pft werden. Wer aber eindeutig l\u00fcgt, soll gehenkt werden!&#8220;<br \/>\nDer K\u00f6nig, der ein guter K\u00f6nig war und sich der Hoffart seiner Tochter wohl bewusst, fragte sie nun, was denn die L\u00f6sung des R\u00e4tsels sei, doch sie erwiderte schnippisch, dass er das schon sehen werde.<\/p>\n<p>Als erster Bewerber trat Prinz Christian aus dem Waltersdorfe ein und h\u00f6rte sich die Bedingungen an. Als er die Bedingen vernommen hatte, schnippte er mit den Fingern einen Bediensteten heran, der sein Smartphone z\u00fcckte und die Geschichte bis hierhin eingab. Die KI sagte aber nur:<br \/>\n&#8218;Das ist ein cleveres M\u00e4rchen! &#x1f60a;<\/p>\n<p>Ich denke, ich habe die L\u00f6sung: Der Ritter sagt: &#8222;Du wirst mich h\u00e4ngen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn der Satz wahr w\u00e4re, w\u00fcrde das bedeuten, dass der Ritter tats\u00e4chlich geh\u00e4ngt werden m\u00fcsste. Aber das w\u00fcrde bedeuten, dass der Satz gelogen ist, weil die Regel besagt, dass L\u00fcgner geh\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Wenn der Satz jedoch gelogen w\u00e4re, w\u00fcrde das bedeuten, dass der Ritter nicht geh\u00e4ngt werden m\u00fcsste. Aber das w\u00fcrde wiederum bedeuten, dass der Satz wahr ist, weil die Regel besagt, dass Wahrheitsliebende gek\u00f6pft werden.<\/p>\n<p>Da der Satz weder wahr noch gelogen sein kann, ohne dass es zu einem Widerspruch kommt, kann der K\u00f6nig nicht entscheiden, ob der Ritter geh\u00e4ngt oder gek\u00f6pft werden soll. Der Ritter hat also die Aufgabe gel\u00f6st und die Prinzessin muss ihn heiraten! &#x1f604;&#8216;<\/p>\n<p>Die Prinzessin erbleichte. Dass gleich der erstbeste das rauskriegt, h\u00e4tte sie nicht nicht gedacht, und zudem, ohne ein bisschen nachzudenken. Sie sp\u00fcrte schon die Schmerzen, die es bereiten w\u00fcrde, sich diesem Lackaffen hingeben zu m\u00fcssen und ihm sogar Thronfolger zu bescheren.<\/p>\n<p>Hilfesuchend blickte sie zu ihrem Vater auf, der in Sinnen versunken war. &#8222;Man rufe meinen Mathematicus herbei&#8220;, befahl der K\u00f6nig, der sogleich, noch mit einem Wuschelkopf vom Nachdenken, erschien. Der brachte das R\u00e4tsel der Prinzessin zu Papier und besah es sich eine Weile und notierte auch den Satz des Prinzen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich empfehle Ihrer Majest\u00e4t, diesem Prinzen anzudrohen, erst seiner Erwartung gem\u00e4\u00df gehenkt zu werden und dass er, falls er von seinem Antrag nicht absteht, zudem noch gek\u00f6pft werde, weil er ja dann die Wahrheit gesagt hat. Dass er gehenkt wird, wenn er l\u00fcgt, bedeutet ja nicht, dass er nicht auch gehenkt werden k\u00f6nnte, wenn er die Wahrheit sagt. Er muss dann eben nur noch auch gek\u00f6pft werden, wie es die Prinzessin offenbar w\u00fcnscht. Man nennt das in Mathematikerkreisen Implikation. Die Wirkung, dass er gehenkt wird, kann durch mehrere Ursachen eintreten, nicht nur durch L\u00fcge, sondern auch durch die Erwartung gehenkt zu werden.&#8220;<\/p>\n<p>Das verstand nun zwar der weise K\u00f6nig und der Prinz lediglich, dass ihm etwas Unangenehmes bl\u00fchen k\u00f6nnte, packte seinen Tross mitsamt KI ein und verlie\u00df fluchtartig der Thronsaal.<\/p>\n<p>&#8222;War dieser Satz das, was Du erwartet hattest?&#8220;, wandte sich der K\u00f6nig an die Prinzessin, der die Gegenwart des Mathematicus sichtlich unangenehm war, dessen Unterricht sie nur allzu oft mit m\u00e4dchenhaftem Schabernack sabotiert hatte. Sie nickte verlegen.<\/p>\n<p>&#8222;K\u00f6nnen Sie das R\u00e4tsel irgendwie reparieren?&#8220;, wandte sich nun der K\u00f6nig an den Mathematicus.<\/p>\n<p>Der sagte: &#8222;Korrekt ausgedr\u00fcckt, m\u00fcsste es hei\u00dfen: Der Freier werde dann und nur dann gek\u00f6pft, wenn er die Wahrheit sagte und dann und nur dann gehenkt, wenn er l\u00fcgt.&#8220;<\/p>\n<p>Das wurde nun erst einmal gr\u00fcndlich in eine Steintafel gemei\u00dfelt und gedruckt verbreitet, wobei sich lange Zeit kein Bewerber mehr fand.<\/p>\n<p>Nach etwa drei Wochen fand sich Ritter Thomas zu Prenzelberge ein. Er hatte noch das Flugblatt in der Hand und alle warteten auf seinen Satz. Er sog noch mal gen\u00fcsslich an seiner Pfeife, hob sie dann und in die eintretende Stille sagte er dann:<br \/>\n&#8222;Ich sage nichts.&#8220;<br \/>\nDas war nun allerdings des R\u00e4tsels L\u00f6sung und ganz aus sich heraus gefunden, aber die Prinzessin reckte sich zum Ohr des Vaters auf und fl\u00fcsterte: &#8222;BItte nicht.&#8220; Der K\u00f6nig h\u00fcllte sich in Schweigen.<\/p>\n<p>&#8222;Schmeckt Ihnen denn die Pfeife?&#8220;, wollte sich die Prinzessin als h\u00f6flich erweisen.<br \/>\n&#8222;Gewiss doch, sch\u00f6ne Prinzessin.&#8220;<br \/>\n&#8222;Jetzt droht Ihnen doch gek\u00f6pft zu werden, denn bisher haben Sie ja noch nichts gesagt und das war ein Satz von reiner Wahrheit. Aber, und das ist nun mein Ratschluss, ich will noch einen Bewerber abwarten und wenn der es nicht bringt, dann soll die Prinzessin in Gottes Namen als alte Jungfer sterben&#8220;, versetzte der K\u00f6nig. <\/p>\n<p>Und noch ehe sich der Qualm und der vorletzte Freier verzogen hatten, kniete vor dem Thron schon ein neuer Bewerber in einem golddurchwirkten brokatenen Gewand. Sein Antlitz war gef\u00e4llig und auch er hatte eines der Flugbl\u00e4tter in der Hand:<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag&#8220;, sagte er.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig war verdutzt: &#8222;Meinst Du einen guten Tag f\u00fcr mich, oder f\u00fcr die Prinzessin?&#8220; (er hatte sich des wohlgef\u00e4lligen Blicks seiner Tochter auf diesen Ritter der als Mark II. von Entenfangswerder gemeldet worden war, versichert) &#8222;F\u00fcr mich ist es ein guter Tag und wie ich sehe f\u00fcr  die Prinzessin auch, aber wenn das stimmen sollte, ist es nicht gerade ein guter Tag f\u00fcr Dich. &#8230; Aber ich muss sagen, ich habe den ganzen Firlefanz jetzt satt. Gef\u00e4llt sie Dir, wie Du ihr?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Soll ich jetzt lieber sagen: Ja und Nein? Da warte ich lieber bis zur Hochzeitsnacht, wo ich sie ohne alle Drapage w\u00fcrde bewundern k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Recht so&#8220;, sprach der K\u00f6nig, gab beider H\u00e4nde ineinander, und so ward der Bund ohne allen Pomp geschlossen. Die beiden konnten schon in dieser Nacht einander erkennen. Der Mathematicus wurde zu Nachhilfestunden bestellt und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.<\/p>\n<p>CER, TS und MT 8.12.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sch\u00f6ne, gewitzte und etwas grauselige Prinzessin Einige M\u00e4rchen beginnen nicht einfach mit &#8222;Es war einmal &#8230;&#8220;, sondern wie dieses hier mit dem allenthalben bekannten Dilemma. 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