{"id":5025,"date":"2025-12-05T01:55:30","date_gmt":"2025-12-04T23:55:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5025"},"modified":"2025-12-05T01:55:30","modified_gmt":"2025-12-04T23:55:30","slug":"das-rathaus-corona-forever","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5025","title":{"rendered":"Das Rathaus &#8211; Corona forever"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Rathaus &#8211; Corona forever<\/strong><\/p>\n<p>Der werdende Sch\u00f6nefelder, Herr Hentschke war wohl sein Name, seines Zeichens ein betagter Herr von nunmehr 90 Lenzen, hatte sich erkundigt, wo denn das Haus der B\u00fcrger in Sch\u00f6nefeld sei. Er hatte zu nichts weniger die Absicht, als sich polizeilich anzumelden. Vorbei an Kunstwerken zweifelhafter Qualit\u00e4t schob er seinen Rollator auf den Eingang zu, der sich als eine Art Schleuse erwies. Die erste T\u00fcr schob sich automatisch auf und ging hinter ihm wieder zu. Nicht so die zweite Schiebet\u00fcr. Sie blieb mit bedrohlicher Geste der Gefangennahme geschlossen. Da stand er nun in dem Glaskasten und es trat ein Moment verlegener Stille ein, denn die an einer Front sichtbare Dame in schwarzer Kleidung hatte erst noch anderes zu tun. Endlich verstand sie sich eine kleine \u00d6ffnung in Form eines flachen Rechtecks ein wenig anzuwinkeln.<br \/>\n&#8222;Was wollen Sie?&#8220;, herrschte sie den alten Mann an, &#8222;haben sie einen Termin?&#8220;<br \/>\n&#8222;Guten Tag, ich wollte mich eigentlich erst mal ein bisschen umsehen im Hause der B\u00fcrger und dann polizeilich anmelden&#8220;, versetzte Herr Henschke.<br \/>\n&#8222;Sie sind ja noch gar kein B\u00fcrger von Sch\u00f6nefeld, jedenfalls kenne ich Sie nicht&#8220;, gab die Dame ihre pers\u00f6nliche Bekanntschaft wohl mit allen der etwa 15 000 Sch\u00f6nefelder Gro\u00dfgemeindeinsassen zu erkennen.<br \/>\n&#8222;Das ist es ja gerade, ich will mich rasch anmelden. Es gibt doch hier sicher eine Meldestelle?&#8220;<br \/>\n&#8222;Die gibt es schon, aber seit Corona haben wir uns hier was ausgedacht, was sich so bew\u00e4hrt hat, dass wir daran festhalten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und was w\u00e4re das, wenn ich fragen darf? Sie sehen, ich halte mich an meinem Rollator fest.&#8220;<br \/>\n&#8222;Den k\u00f6nnen Sie getrost wieder rausschieben, denn erst m\u00fcssen Sie \u00fcber unsere Internetseite einen Termin beantragen. Dann d\u00fcrfen Sie ihr Handy nicht vergessen, wenn Sie kommen, denn ich werde das genauestens kontrollieren.&#8220;<br \/>\n&#8222;???&#8220;<br \/>\n&#8222;Fahren sie getrost wieder nach Hause mit Ihrem Rollator. Es wird schon jemanden geben, der Ihnen da weiter hilft. Ich habe daf\u00fcr keine Zeit.&#8220; <\/p>\n<p>Und das schmale flache Rechteck schloss sich wieder endg\u00fcltig und die erste Schleusent\u00fcr schob sich auf. Die zweite war standhaft zugeblieben, sodass der zuk\u00fcnftige Sch\u00f6nefelder immer noch nicht wusste, wie es in seinem zuk\u00fcnftigen Rathaus \u00fcberhaupt aussieht. Wehm\u00fctig dachte Herr Henschke an vergangene Zeiten zur\u00fcck, wo man sogar einen B\u00fcrgermeister auf ein Wort treffen konnte. Dieser war ja gew\u00e4hlt und ein gewisser Rest von B\u00fcrgerverbundenheit hatte sich bei ihm auch \u00fcber die Amtszeit bewahrt.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen und noch mit dem Eindruck der Gefangennahme durch die &#8222;Schleuse&#8220; und dem Vorbeigehen an einer unf\u00f6rmigen Skulptur, die wohl aus Faulheit des K\u00fcnstlers weitgehend unbearbeitet geblieben war, wohl eine dicke Matrone darstellen sollte, aus deren Kopf noch eine Antenne ragte, die irgendwie albern wirkte, behelligte Herr Henschke seine Enkelin Emmi, um ihm bei der Terminvereinbarung zu helfen.<\/p>\n<p>Emmi half wirklich. Die meisten Fragen waren einfach, aber am Captcha Code, der so gestaltet war, dass jede k\u00fcnstliche Intelligenz daran scheitern musste, scheiterte auch sie. Die komplizierten Zeichen waren einfach nicht zu erkennen. Sie gab auf.<\/p>\n<p>Was blieb Herrn Hentschke, als sich noch mal ins Rathaus Sch\u00f6nefeld zu begeben. Die unf\u00f6rmige Skulptur beachtete er diesmal nicht, oder war sie sogar entfernt worden? Beide Schiebet\u00fcren \u00f6ffneten sich diesmal und statt der missmutigen Schwarzen stand diesmal eine Frau in von Phantasie und Farben zeugender Kleidung, mit einem kleinen Nasenpiercing und einem hinrei\u00dfenden L\u00e4cheln hinter dem Tresen. Herr Hentschke z\u00fcckte das Handy, das er sich von Emmi geborgt hatte, aber die junge Frau winkte nur ab:<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag. Lassen Sie nur, ich regle das f\u00fcr Sie&#8220;; sie tippte eine Nummer in ihr eigenes Telefon und sprach einige bestimmte S\u00e4tze. Dann sagte sie, wieder an Herrn Hentschke gewandt:<br \/>\n&#8222;Gehen sie nur zur Meldestelle im ersten Stock. Die haben dort nicht viel zu tun, weil es vielen so ging wie Ihnen und sie keinen Termin vereinbaren konnten. Jetzt weht hier ein anderer Wind. Sie werden so schnell mit Ihrem Anliegen fertig werden, dass sie sich erst danach Zeit werden nehmen k\u00f6nnen, auf den verschiedenen Etagen die Flugmodelle anzusehen. Leider hatte sich seit Corona hier der Schlendrian breitgemacht und die Kollegen waren der Meinung: Corona forever.&#8220;<\/p>\n<p>Herr Hentschke erwachte erholt, denn das war ein wirklich guter Traum. Nicht &#8222;Corona forever&#8220;, sondern &#8222;forever young&#8220;.<\/p>\n<p>CER 4.12.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Rathaus &#8211; Corona forever Der werdende Sch\u00f6nefelder, Herr Hentschke war wohl sein Name, seines Zeichens ein betagter Herr von nunmehr 90 Lenzen, hatte sich erkundigt, wo denn das Haus der B\u00fcrger in Sch\u00f6nefeld sei. 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