{"id":5021,"date":"2025-12-02T00:17:15","date_gmt":"2025-12-01T22:17:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5021"},"modified":"2025-12-02T00:17:15","modified_gmt":"2025-12-01T22:17:15","slug":"momo-das-leseerlebnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5021","title":{"rendered":"Momo &#8211; das Leseerlebnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Momo &#8211; das Leseerlebnis<\/strong><\/p>\n<p>Nur drei lange Abende hat es gedauert, dass ich meiner Freundin Momo vorgelesen hatte. Die Kinder h\u00e4tten sich die Neuverfilmung dazu um ein Haar angesehen, aber da der Film bereits halb drei begann, waren sie noch nicht ganz startklar. Da hatten wir uns kurz entschlossen und haben uns den f\u00fcr Kinder gedachten M\u00e4rchenfilm angesehen. Da ich das Buch noch nicht gelesen hatte, besorgte ich es mir anschlie\u00dfend aus der Bibliothek, wo es zwar gerade verliehen war, aber nach zwei Tagen ein weiteres Exemplar zur Verf\u00fcgung stand, das zwar nur ein Paperback war, aber immerhin die eigenh\u00e4ndigen Zeichnungen von Michael Ende enthielt. Eigentlich sollte dieses ans Philosophische grenzende Buch nur in Goldschnitt gefasst und ledergebunden angeboten werden.<\/p>\n<p>Der Film, obwohl mit gro\u00dfem Aufwand hergestellt, hatte mich nicht ganz \u00fcberzeugt. Er verbleibt im typisch Europ\u00e4ischen, das in deutscher Version (obwohl der Film in Englisch aufgenommen wurde) sich versucht den amerikanischen Vorbildern anzudienen, ihm aber der Schuss Seele und das Gran Humor fehlen, das die originalen Produktionen auszeichnet.<\/p>\n<p>Was bringt nun das Buch, was der Film nicht kann. Zun\u00e4chst regt es viel st\u00e4rker die Phantasie an, was nun leider durch den Film schon weitgehend verdorben war. Dabei ist es ein Buch der Phantasie, wenn der Autor Michael Ende die Spiele der Kinder in dem verlassenen Amphitheater, in dem Momo haust, beschreibt. Da sieht man dann, wie ein gew\u00f6hnliches freies Spiel zu einer erz\u00e4hlten Geschichte gerinnt, die immer noch ahnen l\u00e4sst, mit welcher Hingabe die Kinder sie gespielt haben m\u00fcssen. Da wird Kritik ge\u00fcbt an dem mechanischen und teuren Spielzeug, das die Phantasie verk\u00fcmmern l\u00e4sst. Da wird glaubhaft gemacht, welche Geschichten Gigi Fremdenf\u00fchrer, einer der engsten Freunde von Momo den staunenden Zuh\u00f6rern erz\u00e4hlt und wie er sie austrickst.<\/p>\n<p>Aber auch die stringente Logik ist hervorzuheben. Alle gemachten Aussagen sind belastbar und die grauen M\u00e4nner, die die gestohlene Zeit aufrauchen (was im Film aus p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden durch rauchlose Inhalatoren ersetzt ist) sind sehr intelligent und handeln folgerichtig, w\u00e4hrend man sich im Film mehr vordergr\u00fcndig eines Nazi \u00e4hnlichen Sujets bedient. Auch die Illusion, etwas durch Klamauk und Demonstrationen zu erreichen, ist im Film viel st\u00e4rker strapaziert als im Buch. Das so weise wie der Autor darzustellen, h\u00e4tte wohl zu sehr das Vertrauen in die schon so oft missbrauchten Mechanismen der Demokratie besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Auch das Schicksal von Beppo Stra\u00dfenkehrer musste man, dem Nazi Bild entsprechend, etwas anders darstellen und hat mich als Psychiatrieerfahrenen im Buch sehr ber\u00fchrt. Da wird er n\u00e4mlich nicht von einer inzwischen korrumpierten Polizei in Gewahrsam genommen, sondern die viel subtilere Methode eines Sanatoriums angewendet. Dort h\u00f6rt man sich n\u00e4mlich seine Geschichte in herzloser und gespielter Geduld wieder und wieder an und meint, ihn noch nicht wieder auf freien Fu\u00df setzen zu k\u00f6nnen, weil die Wissenschaft mit seiner Diagnose noch nicht fertig sei.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die Allsicht-Brille und das schwere R\u00e4tsel, das der H\u00fcter der Zeit, Meister Hora, Momo stellt, ist nat\u00fcrlich im Film kein Platz. Das Buch ist eben nicht einfach ein M\u00e4rchen, es ist auch eine Kr\u00fccke f\u00fcr eigene Gedanken. Da ist Raum, sich in die Lage der grauen M\u00e4nner zu versetzen, die in einer Passage bis zu zehn Redner nacheinander zu Wort kommen lassen und einem jeweils auch nichts besseres einf\u00e4llt, als der n\u00e4chste Redner jeweils gerade einwirft. Genau wie man sich bei dem Meister Hora R\u00e4tsel, das doch sicher mit der Zeit zu tun habe, Momo unterlegen f\u00fchlen muss, weil man nicht darauf kommt, wer die drei Br\u00fcder sein k\u00f6nnten, meine Freundin sofort einwirft: Stunde, Minute und Sekunde, aber damit auch nicht ganz richtig liegt. So richtig besch\u00e4mt ist man dann erst durch die L\u00f6sung, die so einfach ist, dass man nicht fassen kann, dass man nicht darauf kam.<\/p>\n<p>Immerhin kann der Film bei manchem anderen auch zum gleichen Impuls f\u00fchren, statt eines Nachmittags auf dieses Meisterwerk drei lange Abende zu verwenden, weshalb ich es morgen gleich wieder in die Bibliothek geben werde. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es doch, auch bei anderen den Wunsch zu wecken, wie Momo die Sph\u00e4renmusik des Universums h\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>CER 1.12.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Momo &#8211; das Leseerlebnis Nur drei lange Abende hat es gedauert, dass ich meiner Freundin Momo vorgelesen hatte. 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