{"id":5003,"date":"2025-11-01T09:46:40","date_gmt":"2025-11-01T07:46:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=5003"},"modified":"2025-11-01T09:46:40","modified_gmt":"2025-11-01T07:46:40","slug":"die-wahlverwandtschaften-eine-annaeherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5003","title":{"rendered":"Die Wahlverwandtschaften &#8211; eine Ann\u00e4herung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Wahlverwandtschaften &#8211; eine Ann\u00e4herung<\/strong><\/p>\n<p>Es galt zu seiner Zeit als skandal\u00f6s, dass Menschen ihren Neigungen, ihrer Liebe folgten, ohne R\u00fccksicht auf gesellschaftliche Bande. Goethes Frau, Christiane, die ihn vor den heranr\u00fcckenden Franzosen bewahrt hatte und daraufhin vom &#8222;Bettschatz&#8220; zur Gattin gemacht wurde, verabscheute den Roman. Die Chemie wird herangezogen, die Chemiker als Scheidek\u00fcnstler, worauf die Dame des Hauses, Charlotte, einwendet, dass das Verbinden wohl die gr\u00f6\u00dfere Kunst sein m\u00f6ge, was sich ja denn auch die Synthetiker zu Herzen nahmen und uns so etwas wie Plastik bescherten.<\/p>\n<p>Goethe redet nicht der ausschweifenden, sinnlichen Liebe, alles bewegt sich im Anst\u00e4ndigen, aber dennoch geht es um Liebesbeziehungen, die auf der gegenseitigen Gew\u00e4hrung von Freiheiten und einer magischen Verbundenheit fu\u00dfen. Sich gegenseitig derart angenehm zu empfinden und zusammenzustimmen, ist ihm Anlass genug, eine starke Liebe darzustellen, die bis in den Tod reicht.<\/p>\n<p>So auf die \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Merkmale beschr\u00e4nkt, bleibt viel Raum, sich auszumalen, wie die Liebenden, wenn sie sie nur gehabt h\u00e4tten, in den innigsten Stunden gef\u00fchlt haben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die junge Dame Ottilie, die geradewegs aus dem Pensionat kommt, also blutjung sein muss und in die sich der Hausherr, Eduard, verliebt, war nicht gerade ein geistiger und gesellschaftlicher \u00dcberflieger und da deren Liebe im Roman gar nicht recht zum Zuge kommt, kann man sich auch schwer vorstellen, wo sie, au\u00dfer von \u00e4u\u00dferen Reizen, wohl hergekommen sein mag. Auch der Hausherr gl\u00e4nzt nicht gerade durch irgendwelche einzigartigen Eigenschaften und h\u00e4lt sich den halben Roman lang \u00fcberhaupt fern. Das geht bei ihm so weit, dass er seine seelischen Verwicklungen durch einen Freund geregelt wissen will und sich selbst weitgehend fernh\u00e4lt. Die ganze Entscheidung lastet auf seinem Freund, dem Hauptmann und auf den beiden Frauen.<\/p>\n<p>Ich lese so etwas immer, um m\u00f6glichst auch dem Autor gerecht zu werden, der mit seinen 60 Jahren schon zu den erfahrenen zu rechnen ist und ein recht kunstvolles Gewebe da vorlegt. Man hat seine Freude an den Dialogen und \u00fcberhaupt an der altert\u00fcmlichen Sprache. Die Charaktere sind an gegenseitiger R\u00fccksicht und Feingef\u00fchl kaum zu \u00fcberbieten. Auch l\u00e4sst es Goethe nicht an schicksals-, also romanhaften Wendungen fehlen, die wir doch aus seltenen Momenten aus dem eigenen Leben kennenlernten, m\u00f6glichst ohne dabei in Aberglauben zu verfallen.<\/p>\n<p>Urteilen m\u00f6chte man da nicht. Man m\u00f6chte sich eher in Ehrfurcht verneigen vor dem den Frauen zugetanen Dichter Goethe.<\/p>\n<p>Aber auf ein Detail m\u00f6chte ich noch besonders verweisen, und das ist die P\u00e4dagogik. Wie in einem guten Kriminalroman, wo dann eine Nebenfigur, der G\u00e4rtner, dann der M\u00f6rder ist, ist es auch eine der Nebengestalten und dessen Wirken, die mich bei aller \u00e4u\u00dferen Dramatik ein Juwel deuchte. Es ist dies n\u00e4mlich der Geh\u00fclfe des Pensionats, dessen Anschauungen man so fruchtbar auf die heutige Zeit beziehen kann. Er umrei\u00dft nicht nur die Unterschiede in der Erziehung der Knaben, die zum Dienen zu erziehen seien, und M\u00e4dchen, die zu M\u00fcttern herangebildet werden sollten &#8211; eine Vorstellung, bei der sich heutigen Gender&#8220;forschern&#8220; die Haare str\u00e4uben, die alles gleichhaben wollen, sondern er rei\u00dft auch die Thematik an, wie man sich zum Fremden verhalten sollte und nach heute g\u00fcltigen Ma\u00dfst\u00e4ben als Rassist eingestuft sich finden w\u00fcrde. So sagt der Geh\u00fclfe:<\/p>\n<p>Man frage sich, ob nicht ein jedes fremde, aus seiner Umgebung gerissene Gesch\u00f6pf einen gewissen \u00e4ngstlichen Eindruck auf uns macht, der nur durch Gewohnheit abgestumpft wird. Es geh\u00f6rt schon ein buntes, ger\u00e4uschvolles Leben dazu, um Affen, Papageien und Mohren um sich zu ertragen.<\/p>\n<p>Und allen, die ihr Gl\u00fcck in der Fremde suchen wollen, gibt er zu bedenken:<\/p>\n<p>Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen \u00e4ndern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind. <\/p>\n<p>Das alles kann man als unmodern einstufen und Goethes Zeitl\u00e4uften geschuldet, aber ich nehme das f\u00fcr bare M\u00fcnze.<\/p>\n<p>CER in Zeuthen, den 31.10.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahlverwandtschaften &#8211; eine Ann\u00e4herung Es galt zu seiner Zeit als skandal\u00f6s, dass Menschen ihren Neigungen, ihrer Liebe folgten, ohne R\u00fccksicht auf gesellschaftliche Bande. Goethes Frau, Christiane, die ihn vor den heranr\u00fcckenden Franzosen bewahrt hatte und daraufhin vom &#8222;Bettschatz&#8220; zur&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/5003\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5003","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5003","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5003"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5003\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5004,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5003\/revisions\/5004"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5003"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5003"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5003"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}