{"id":4885,"date":"2025-03-30T19:05:20","date_gmt":"2025-03-30T17:05:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4885"},"modified":"2025-03-30T19:05:20","modified_gmt":"2025-03-30T17:05:20","slug":"die-troika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4885","title":{"rendered":"Die Troika"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Troika<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe ja letztens Die Br\u00fcder Karamasow von Dostojewski gelesen. Dieser psychologisierende Schriftsteller hatte sich ja viel in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aufgehalten und ist auch nicht sonderlich alt geworden. Viele seiner Romane sind einigerma\u00dfen blutr\u00fcnstig, kommen kaum ohne einen demonstrativen und brutalen Mord aus und auch ein solcher steht im Mittelpunkt des o. a. Romans. Die drei Br\u00fcder, oder vielleicht sind es auch vier, die bis auf den eventuellen schon aus dem Haus sind, sind recht verschieden. Dieser eventuelle ist ein Diener, der aus Reue \u00fcber einen eventuellen Fehltritt des Vaters, der in diesem Falle zu Tode kommt, in das Haus als Koch und Leibdiener aufgenommen wurde. Der Vater hatte sich um keinen der Kinder gek\u00fcmmert, die freilich dann auch ein recht distanziertes Verh\u00e4ltnis zum Vater aufgebaut hatten. Der Diener stammte von einer stadtbekannten, und der Roman spielt auch in einer russischen Kleinstadt, also einer stadtbekannten Bettlerin, die als die Stinkende verschrien war.<\/p>\n<p>Auch die drei legitimen S\u00f6hne stammen von zwei M\u00fcttern ab und sind sehr unterschiedlich. Der \u00c4lteste, der dann seinen Vater ermordet, so will es auch mir einleuchten, auch wenn der Schriftsteller das im Ungewissen l\u00e4sst, hat einen Erbteil vom Vater, ist leidenschaftlich und draufg\u00e4ngerisch, w\u00e4hrend man im zweiten einen typischen Intellektuellen wiederfindet und der dritte f\u00fchlt sich zum M\u00f6nchsein hingezogen und ist die eigentliche Hauptfigur, nicht nur was den Umfang des Buches anbelangt, das ihm gewidmet ist, sondern auch, was dessen Anteil an der russischen Seele betrifft, die zu ergr\u00fcnden ich mich mal wieder aufgemacht hatte, um auch die Gegenwart besser zu verstehen. Unser Atheismus geht ja so weit, dass wir bel\u00e4cheln, dass 80 % der Russen heute gl\u00e4ubig sind.<\/p>\n<p>Der \u00c4lteste, Dimitri, verk\u00f6rpert eine Seite, n\u00e4mlich die leidenschaftliche Verehrung einer Frau, die mit seinen Gef\u00fchlen ihren Schabernack treibt und er annehmen muss, dass sie ihm der eigene Vater streitig macht, der bereits eine Summe Geldes f\u00fcr sie bereitgelegt hat, was dann Dimitri von dem vermeintlichen Sohn Nummer vier gesteckt wird. Die \u00dcbergabe des Geldes an die von Vater und Sohn Geliebte soll anl\u00e4sslich ihres Besuchs bei dem Alten stattfinden, was den \u00e4ltesten Sohn bewog, am Vaterhaus Wache zu schieben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kulminiert dann alles in der Mordnacht, nicht aber der Roman, der die entscheidenden Momente ausl\u00e4sst. Der folgende Prozess gegen Dimitri ist der eigentliche H\u00f6he- und Schlusspunkt. Dieser erregt angeblich die ganze \u00d6ffentlichkeit in Russland. Der Staatsanwalt und die Geschworenen sind Ortsans\u00e4ssige, w\u00e4hrend der Verteidiger aus Petersburg herbeigeholt wurde von der einigerma\u00dfen betuchten und  zugunsten der Geliebten sitzengelassenen Braut Dimitris.<\/p>\n<p>In den Pl\u00e4doyers kommt noch mal die russische Seele zum Tragen, wie sie sich bis in die Gegenwart wohl erhalten hat. Da ist das Bedauern, dass der stadtbekannte und aufopferungsbereite Arzt ein Ausl\u00e4nder sei. Da ruft der provinzielle Staatswalt das Bild einer russischen Troika auf, die daherprescht und die V\u00f6lker achtungsvoll zur\u00fcckweichen. Dieses Bild greift dann der Petersburger Verteidiger ganz zum Schluss seiner Rede auf und spricht dagegen von einem majest\u00e4tischen russischen Triumphgef\u00e4hrt, das gelassen zu seinem Ziel gelangt.<\/p>\n<p>Das klingt alles beides nicht nach einem Volk, das verstritten und zweifelnd nach ein bisschen Patriotismus mit der Lupe sucht, aber die Macht der Worte: \u201eUnd nicht \u00fcber und nicht unter\/ andern V\u00f6lkern woll\u2019n wir sein\u201c hat sich auch schon abgenutzt. Wir trauen uns nicht mal mehr, in der Vergangenheit danach zu suchen, und das, ohne dabei eventuelle Lehren aus der Vergangenheit zu vergessen. So sind wir aus der Zeit gefallen.<\/p>\n<p>CER 30.3.25<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Troika Ich habe ja letztens Die Br\u00fcder Karamasow von Dostojewski gelesen. Dieser psychologisierende Schriftsteller hatte sich ja viel in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aufgehalten und ist auch nicht sonderlich alt geworden. 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