{"id":4879,"date":"2025-03-09T22:21:19","date_gmt":"2025-03-09T20:21:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4879"},"modified":"2025-03-09T22:21:19","modified_gmt":"2025-03-09T20:21:19","slug":"lieber-t","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4879","title":{"rendered":"Lieber T"},"content":{"rendered":"<p>Lieber T,<\/p>\n<p>schon tagelang meinst Du mich mit Schweigen strafen zu m\u00fcssen, aber vielleicht ist das auch die Erkenntnis, dass diese, unsere auf so fl\u00fcchtige Weise ausgetauschten Nachrichten eben vom Wesentlichen ablenken, n\u00e4mlich sich wieder mal der M\u00fche und der Vergn\u00fcglichkeit hinzugeben, gro\u00dfe Kunst in sich aufzunehmen und gar zu versuchen, etwas k\u00fcnstlerisches zu schaffen. Und ja, ich versuche diese Durststrecke dazu zu nutzen, habe ich doch seit l\u00e4ngerem kein dickes Buch mehr gelesen, aber mir wurde ein solches zum Geburtstag.<\/p>\n<p>Dass ich jetzt wieder einmal Dostojewski lese, hat mit drei Dingen zu tun:<\/p>\n<p>Erstens habe ich es geschenkt bekommen und zum Gl\u00fcck kein weiteres, so dass es zu schaffen scheint, es zu lesen.<\/p>\n<p>Zweitens haben wir wohl alle Anlass uns eingehender mit der Seele, besonders der tiefen russischen zu besch\u00e4ftigen, denn das Erstaunliche an diesem neuerlichen Sterben der M\u00e4nner an den Fronten ist weniger ein Autokrat, der diesen Schritt in kriegerische Vergangenheiten wagte, sondern das russische und ukrainische Volk, das sich f\u00fcr diesen Bruderkrieg aufopfert. Wenn man sich bei uns \u00fcberhaupt noch vorstellen kann, was es bedeutet sein \u0436\u0438\u0437\u043d einzusetzen f\u00fcr eine staatliche Sache und wir diejenigen als Helden ansehen, die sich jeder kriegerschen, ja auch nur gewaltsamen Handlung entschlagen, so wird man Anlass haben, die russische Seele zu verstehen zu suchen.<\/p>\n<p>Der dritte Anlass ist zu ermessen, ob man von Dostojewski etwa lernen kann, selbst etwas zu schaffen, wenn auch satt, sicher und zufrieden vom Sofa aus. Dostojewski war ja einem Todesurteil nur knapp entronnen und keiner seiner russischen Romane scheint ohne eine Bluttat ausgekommen zu sein. Die Abgeschiedenheit voneinander macht er als wesentliche Malaise der Gesellschaft aus und wie steht es damit zwischen uns beiden, die wir uns doch im schriftlichen Austausch befruchtet hatten, was Du aber letzthin als einseitig und nicht mehr zu ertragende M\u00fchsal eingestuft hast und bald darauf verstummtest.<\/p>\n<p>Wir als \u0438\u043d\u043e\u0441\u0442\u0440\u0430\u043d\u043d\u044b\u0435 haben ja erleben k\u00f6nnen, was die russische Seele von uns h\u00e4lt, von der Dejurnaja bis zur Intelligenzia, waren wir als Wohlstandsb\u00fcrger fast aus dem Westen reicher und \u00e4rmer zugleich. In den Ess- und Trinkgelagen &#8211; Ausdruck russischer Gastfreundschaft &#8211; die Erwartungen an seelische Tiefe meistens entt\u00e4uschend. Einen Zugang findet man nur, wenn man die Sprache Gottes spricht, also russisch, und freilich \u00e4u\u00dfern wir uns da nur wie Minderbemittelte. Trotzdem werden diese laienhaften Versuche dankend zur Kenntnis genommen und man ist ihnen ein ganzes St\u00fcck n\u00e4her. Unsere Dichter wurden jedenfalls von dieser russischen Seele, so man deren gebildeten Teil meint, weitaus gr\u00fcndlicher zur Kenntnis genommen als umgekehrt.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zur Beilegung heutiger Verwerfungen liegt bei den V\u00f6lkern, nicht bei den jeweiligen Machthabern. Wo der Schl\u00fcssel zu Deinem Schweigen, ja nicht mal mehr Lesen meiner Nachrichten liegt, darauf bin ich noch nicht gekommen.<\/p>\n<p>So sei gegr\u00fc\u00dft von mir<br \/>\nCER 9.3.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber T, schon tagelang meinst Du mich mit Schweigen strafen zu m\u00fcssen, aber vielleicht ist das auch die Erkenntnis, dass diese, unsere auf so fl\u00fcchtige Weise ausgetauschten Nachrichten eben vom Wesentlichen ablenken, n\u00e4mlich sich wieder mal der M\u00fche und der&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4879\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4879","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4879"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4880,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4879\/revisions\/4880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}