{"id":4809,"date":"2024-11-18T17:34:44","date_gmt":"2024-11-18T15:34:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4809"},"modified":"2024-11-18T17:34:44","modified_gmt":"2024-11-18T15:34:44","slug":"republique-des-lettres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4809","title":{"rendered":"R\u00e9publique des Lettres"},"content":{"rendered":"<p><strong>R\u00e9publique des Lettres<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Begriff wurde im 17. und 18. Jahrhundert gepr\u00e4gt und soll soviel besagen wie Gelehrtenrepublik. Man kann diese Wortsch\u00f6pfung an keinem Einzelnen festmachen, wohl weil sich damals keiner hervortun wollte, was man von heutigen Politikern, die dieses Gesch\u00e4ft \u00fcbernommen haben, nicht sagen kann und ihnen doch auch bei Strafe des Untergangs nicht gegeben ist. Genauer \u00fcbersetzt bedeutet dieses Worttrio allerdings: Republik der Briefe. Tats\u00e4chlich hatten sich Gelehrte in jenen Zeiten auch sehr \u00fcber Briefe verst\u00e4ndigt, was heute unter den einfachen Menschen durch oft rudiment\u00e4re Kommentare geschieht oder auch ausufernder Abhandlungen, die alle nur den Autor selbst \u00fcberzeugen bzw. ihm Spa\u00df machen und oft von Au\u00dfenstehenden als Zeitverschwendung angesehen werden.<\/p>\n<p>Ich habe es selbst mit Politikern versucht, ihnen einen Brief zu schreiben, aber erhielt in der Regel keine Antwort, oder wenn, dann nach einem halben Jahr und recht nichtssagend. Dabei gibt es Traditionen, gerade in Deutschland, wo sich die zwar adlige, aber nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben unbedeutende Bettina von Arnim an den preu\u00dfischen K\u00f6nig wandte und der nicht nur im Bilde war \u00fcber die Romantik seiner Zeit, sondern auch antwortete. Ein Otto von Bismarck hat es nicht nur bei Reden belassen, sondern das Deutsche Reich durch Briefe herbeigeschrieben, die er an die Oberh\u00e4upter der kleinen Staaten sandte. So sicherte er den Bayern den Beibehalt ihrer eigenen Briefmarken zu \u2013 ein Zugest\u00e4ndnis, \u00fcber das man heute l\u00e4cheln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch nun zu einem Buch von der bekannten Ulrike Gu\u00e9rot und Hauke Ritz \u201eEndspurt Europa\u201c, das viele Details der Entwicklung oder besser des Scheiterns der politischen Einigung in Europe darlegt und dabei insbesondere die kriegerischen Auseinandersetzungen im Blick hat. Ihr Glaube an intellektuelle Bew\u00e4ltigung aller Probleme scheint unersch\u00fctterlich und da bleibt es nicht aus, dass sie auch zuweilen das Gras wachsen h\u00f6rt. Sie entwirft mutig ein Ideal eines f\u00f6derierten Europas von Lissabon bis Wladiwostok, und das unter dem Eindruck des Ukrainekrieges, denn ihr Buch erschien im Herbst 2022.<\/p>\n<p>Dieses Problem, so meint sie, k\u00f6nne man quasi unter uns, unter Ausschluss der USA l\u00f6sen, deren thinktanks ihr ein bisschen das F\u00fcrchten lehren. Im jetzigen Zustand bef\u00e4nden wir uns voll unter dem Einfluss der USA, die naturgem\u00e4\u00df andere Interessen haben als wir.<\/p>\n<p>Ein Kapitel ist allerdings auch der europ\u00e4ischen Kultur gewidmet und der kulturellen Autonomie, was schon zu Bismarcks Zeiten die Achillesferse einer F\u00f6deration gewesen ist und neben Geld- und Kapitalfl\u00fcssen, die dann wiederum im Verdacht stehen, wenn einer der Partner reich ist und zahlt, dass das wieder Hegemoniebestrebungen geschuldet ist. Die Autonomie auf das Bildungswesen auszudehnen, wie in der aktuellen Bundesrepublik, kann man getrost als gescheitert ansehen.<\/p>\n<p>In der heutigen Verfassung Europas hatte man versucht, alles mit Geld zu regeln, was mit Geld zu regeln schien, aber schon an der Bildung muss das scheitern. In der Kunst und im allt\u00e4glichen Leben sehen wir einige Alltags- und Kunstobjekte, die europ\u00e4isch gef\u00f6rdert wurden. Doch schaut man hinter die Fassaden, so entstanden sie durch komplizierte Antrags- und Ausschreibungsverfahren. Die B\u00fcrokratie ist etwas, an dem schon andere Gesellschaftssysteme scheiterten.<\/p>\n<p>Was das Geistesschaffen anbelangt, so fehlt es einfach an den anerkannten Pers\u00f6nlichkeiten, die da nicht mehr durchdringen k\u00f6nnen. Wollte man nach Pablo Picasso fragen, wer heute die ber\u00fchmtesten Maler oder Komponisten sind in Europa, man w\u00e4re verlegen.<\/p>\n<p> Andererseits gibt es an jedem Ort inzwischen ernstzunehmende kleine K\u00fcnstler, die noch nicht einmal einer systematischen Ausbildung bedurften. Im ganz kleinen gibt es also viel Ambitionen.<\/p>\n<p>Kann man ein Buch schon zur R\u00e9publique des Lettres rechnen? Es wendet sich immerhin aufkl\u00e4rend an die kleinere Gemeinde, die ausgerechnet das wissen m\u00f6chte, was drinsteht. Die Autoren beziehen sich auch darauf, dass dies ein Essay ist, also ein Versuch. In diesem Fall ein Versuch, andere zu \u00fcberzeugen. Das Briefeschreiben ist ein viel m\u00fchsameres Unterfangen, wenn man sich jeweils an einen Menschen wendet. Realistisch erscheint es aber dadurch, dass wenn das eine Massenerscheinung w\u00e4re, f\u00fcr jeden ein \u00fcberschaubarer Aufwand entst\u00fcnde. Mir kommt das jedenfalls fruchtbarer vor als m\u00fcndliche Anfeindungen, wie sie heute \u00fcblich sind, wo keiner dem anderen zuh\u00f6rt oder ihn auch nur ausreden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Alles l\u00e4sst sich nicht durch noch so scharfsinniges Denken l\u00f6sen. Es bedarf der Akteure, die wir in der Politik noch zu verzeichnen haben, aber ich w\u00fcrde sie mir markanter in Kunst und Kultur w\u00fcnschen. Und die Kultur beginnt dort, wo man auf einen Brief (lettre) eine Antwort bekommt.<\/p>\n<p>CER 17.11.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00e9publique des Lettres Dieser Begriff wurde im 17. und 18. Jahrhundert gepr\u00e4gt und soll soviel besagen wie Gelehrtenrepublik. 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