{"id":4703,"date":"2024-05-23T17:13:27","date_gmt":"2024-05-23T15:13:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4703"},"modified":"2024-06-01T11:49:41","modified_gmt":"2024-06-01T09:49:41","slug":"dritter-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4703","title":{"rendered":"Dritter Traum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dritter Traum<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte eigentlich zu tun. Ich betrieb Studien zu Wohnprojekten, die nicht selten auch \u00f6kologische Aspekte beinhalteten. Diese Wege f\u00fchrten mich auch bis in die ehemalige Sowjetunion. Was mich dort faszinierte, dass dort nicht nur die Pflanzenkunde und Tierzucht betrieben wurde, sondern in aller Gottesfurcht (denn Gott ist ja Russe) das, was wir mit Recht Wissenschaft nennen k\u00f6nnen. Wieder verpasste ich einige Termine und kehrte versp\u00e4tet in die Heimat zur\u00fcck. Das trug mir nicht nur die Kritik meiner Verlobten ein, sondern auch die Geheimdienste interessierten sich daf\u00fcr, ob die ambitioniert forschenden russischen Wohngemeinschaften nicht etwa auch an einer neuen Wunderwaffe arbeiteten. Dass ich meine R\u00fcckreise mehrfach verschoben hatte und die russische Sprache so liebe, r\u00fcckte mich in den Verdacht der verschwiegenen Mitwisserschaft. Auf jeden Fall machte man mir das Leben hintenrum etwas schwer, f\u00e4lschte meine Blutwerte, sodass ich der Meinung h\u00e4tte sein m\u00fcssen, wenn ich nur etwas davon verst\u00fcnde und etwas drauf g\u00e4be, dass mir ein baldiger, qualvoller Tod bevorsteht.<\/p>\n<p>Ich hatte bei meinen Reisen in russischen Gefilden auch einen Deutschen getroffen, Philipp Zaulek, den ich noch von fr\u00fcher kannte und der seinen Beitrag zur dortigen Wohngmeinschaft leistete, indem er ganz ohne Computer auf die Signale des auf dem Grundst\u00fcck befindlichen 35 m Radioteleskops lauschte, in der Hoffnung, irgendeine Nachricht der allgegenw\u00e4rtigen kosmischen Intelligenz zu entschl\u00fcsseln, wie es Mathematikern ansteht. Da er auch ein Freund meines Bruders Thomas war, erz\u00e4hlte ich diesem davon. Nat\u00fcrlich hatte ich im Old Germany dann auch an einem den russischen Vorbildern \u00e4hnlichem Wohnprojekt teil, aber eben ohne diesen Forschungsaspekt bislang. Thomas sah das mit Skepsis, zumal sich unser Wohnprojekt um ein Haus gruppierte, das die Geschwister hatten teuer verkaufen wollen, das das Haus ist, in dem diese grundst\u00fcrzenden Tr\u00e4ume getr\u00e4umt werden, was allerdings nicht jedermann und auch nicht Thomas, der jetzt mal zum Helfen vorbeigekommen war, gegeben war, sondern nur dem Nachkommen des Schafopas, der jeden Abend, wenn das Fu\u00dfballspiel zufriedenstellend ausgefallen war, erst das selbstgespielte und sp\u00e4ter im Fernsehen, der also gut einschlafen konnte, ohne vorher Schafe z\u00e4hlen zu m\u00fcssen, denn diese trug er schon im Namen, den ihm seine \u00e4lteste Urenkelin mal zu seinem Unmut verpasst hatte. Dann passierte es, dass das Traumhaus auch auf ihn wirkte und er den einen oder anderen sehr sch\u00f6nen Traum hatte, was er f\u00fcr das sch\u00f6nste im Leben hielt, die aber nicht an das herankommen, was mir so schwitzend und halb wach an Traum manchmal wird.<\/p>\n<p>Thomas hatte sich also meine russischen Eindr\u00fccke mit nicht gerade gro\u00dfem Interesse angeh\u00f6rt, aber war immer noch im tiefsten Innern Mathematiker genug, um von Gregor Chaitin geh\u00f6rt zu haben, der bewiesen hatte, dass man von einer endlichen, und was ist nicht eben endlich hier auf Erden, dass man nicht sagen k\u00f6nne, ob dieser Nachricht ein Code zugrunde liegt. Irgendwie stellt Thomas auch ganz sch\u00f6n noch was auf die Beine und vom Bahnsteig siebeneinhalb gehen die Z\u00fcge direkt in SEIN Traumland, in das er mich einlud. Zun\u00e4chst bekam ich es mit einem Mitarbeiter zu tun, der an einem Ger\u00e4t sa\u00df, das mit einem Supercomputer verbunden war und gleichm\u00e4\u00dfig vor sich hinpiepte. Das kam offenbar von einem Rechteckgenerator mit Tr\u00e4gerfrequenz. Es war klar, dass er auf dem Holzweg war und ich sagte es ihm. Dann schloss ich die Frage an, ob er das Buch Cosmic Code kenne. Nach einer Verlegenheitspause, bekam ich die Antwort, nat\u00fcrlich, eine brandneue Ausgabe, die sehr teuer war. Brandneu gibt es die gar nicht, gab ich zur\u00fcck, und die gebrauchten Ausgaben sind auch schon teuer genug. Da fing der junge Kerl doch glatt an zu streiten mit mir und ich lie\u00df ihn mit seinem sinnlosen Frequenzgenerator allein.<\/p>\n<p>Nach dieser virtuellen Reise nach Hogwards war mir eher nach Familienausflug und wir, die Rempels und vielleicht sogar die Schr\u00f6ders, die sowas gern immer wieder anberaumten, gelangten \u00fcber eine malerische Br\u00fccke an einen Abenteuerspielplatz, der sich an die Br\u00fcckenkonstruktion anschmiegte und ich sogleich f\u00fcr alle erkundete. Er \u00fcberragte die Br\u00fccke bei weitem und dann wurde, der Schr\u00f6derschen Tradition gem\u00e4\u00df, Aufstellung zum Familienfoto genommen. Das war dann eine ganze Horde von Erwachsenen und Kindern. Ich hatte mich erst abseits gehalten, entschloss mich aber dann doch, mich nach Fu\u00dfballermanier auf einen Ellenbogen gest\u00fctzt davorzulegen, allerdings mit geschlossen gehaltenen Augen, in Erwartung eines Blitzlichts und wie es mir meinem baldigen Dahinscheiden gem\u00e4\u00df erschien. Ein richtiger Reporter interviewte die Stehenden und ich konnte nicht beurteilen, ob er mir zum Schluss auch noch das Mikro vor den Mund gehalten hat, sagte aufs Gratewohl, dass die Atome Wesen seien, aus denen ja auch wir zur G\u00e4nze bestehen, und sie viel weniger und viel mehr als wir k\u00f6nnen. Eigentlich k\u00f6nnten sie nur da sein und ebenso gut verschwinden, was sie aber zu vermeiden wissen und ihre Disziplin aufrechterhalten, weil sie uns und unsere Kunst lieben. Wir m\u00fcssten daher alles zur Kunst machen, unsere Seele hineinlegen, allein schon, um ihnen, den Atomen und Elektronen weiter zu gefallen und auch mit uns selbst nicht zu hadern. Ich wei\u00df bis heute nicht, ob diese S\u00e4tze, die im wirklichen Traum noch weitaus schl\u00fcssiger waren, nun bewahrt wurden oder nicht. Sonst nehme man diesen schwachen Abglanz hier f\u00fcr alles, was es zu merken gibt.<\/p>\n<p>Es ging nun also ans Lehren und es waren nicht Menschen, denen ich die Geheimnisse offenbarte, sondern Puppen, die ihr Gesicht jeweils nahe an meines heranf\u00fchrten, ihre Knopfaugen und Gesichtsz\u00fcge, die ja immer nur die vom Puppenmacher kunstvoll ersonnene Emotion verrieten und festgelegt blieben. Nach einer Weile solcher Puppenbelehrungsereignisse kam ein besonders groteskes Gesicht einer Stoffpuppe vor meines und das kleine Kringelohr taugte bestimmt nicht zum H\u00f6ren im gel\u00e4ufigen Sinne. Es schien mir zum Sprechen, wie der Mathematiker Bernhard Riemann in seinen letzten Lebensjahren angenommen hatte, so gut geeignet wie wohl auch zum H\u00f6ren. Ich fl\u00fcsterte: &#8222;Wir werden das Geheimnis der Fusion entschl\u00fcsseln und davon als Kunst Gebrauch machen oder auch das sein lassen und uns wie Urmenschen in Felle notd\u00fcrftig geh\u00fcllt an offenen Feuern w\u00e4rmen. Wir werden mit den Planeten&#8230;.&#8220; Es \u00fcberw\u00e4ltigte mich eine gehobene Stimmung, was die Menschen wohl alles k\u00f6nnen werden und zur Kunst machen w\u00fcrden, dass ich nicht fortsetzen konnte, und wohl auch nicht musste, denn kein Deut des Verstehens spiegelte sich im vom Puppenmacher erdachten Gesicht, wohl aber sprach es zu mir &#8230;<\/p>\n<p>CER 23.5.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dritter Traum Ich hatte eigentlich zu tun. Ich betrieb Studien zu Wohnprojekten, die nicht selten auch \u00f6kologische Aspekte beinhalteten. Diese Wege f\u00fchrten mich auch bis in die ehemalige Sowjetunion. 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