{"id":4555,"date":"2023-12-24T14:57:09","date_gmt":"2023-12-24T12:57:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4555"},"modified":"2023-12-24T14:57:21","modified_gmt":"2023-12-24T12:57:21","slug":"physikalischer-advent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4555","title":{"rendered":"Physikalischer Advent"},"content":{"rendered":"<p><strong>Physikalischer Advent<\/strong><\/p>\n<p>Die Experimentierhalle stand voller Ger\u00e4tschaften. Nur ein schmaler Gang am Rand war vom Chaos verschont und frei geblieben. Alle anderen vakanten Pl\u00e4tze f\u00fcllten sich unvermeidlich mit irgendwelchen Apparaturen, die dann meistens wochenlang oder gar Jahre herumstanden, ohne benutzt zu werden. Jeder leere Schrank f\u00fcllte sich nach kurzer Zeit mit ger\u00fcmpel\u00e4hnlichem Zeug. Das Brauchbare war schnell verschwunden und das \u00dcberfl\u00fcssige suchte sich einen Ruheplatz f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Winterschlaf in den Schr\u00e4nken und Regalen. Es gibt auch einen Aufenthaltsraum, in dem man Essen und umsonst Kaffee und Kakao trinken kann. Auf jedem der sechs Tische stand ein Weihnachtsstern und an den Fenstern hingen beleuchtete aus Holz, die sehr rot waren und sehr sch\u00f6n durchbrochen. Sah man diese Schmuckst\u00fccke, wusste man, hier ist Ikea- und Astrid Lindgrenland und auch, dass es Weihnachtszeit ist.<\/p>\n<p>Wie viele Menschen der neun Millionen Schweden und Ausl\u00e4nder in dieser Halle arbeiten, konnte man nicht wissen, denn ausgehend von der Mitte, einer Insel mit dicken Betonmauern und dicken T\u00fcren, zog sich ein Gewirr von Vakuumapparaturen, so genannter Beamlines durch die Halle. Beam ist ein Strahl und Line nat\u00fcrlich eine Linie. Beam kennt inzwischen jeder, weil man sich ja irgendwo hinbeamen kann, d.h. sich selbst an einen anderen Ort \u00fcbertragen. Was hier aber \u00fcbertragen wurde, das waren nicht fernwehkranke Menschen, sondern eben ganz kleine K\u00fcgelchen, \u00fcber die man schon so lange nachdenkt, wie es Licht und nachdenkliche Menschen gibt. Newton hatte sie Globuli genannt. Dieser Begriff hat sich aber mit der Zeit verloren. Der Beam besteht also aus Lichtteilchen, Photonen, wie wir heute dazu sagen. Sie sind so klein, dass man sie gar nicht fragen kann, ob sie die Reise \u00fcber etwa 30 m aus dem betonierten Bunker in der Mitte durch so eine Beamlinie antreten wollen, sondern man schickt sie einfach los. Da sie ein ziemlich bunter Haufen sind und man sich gern mit einer bestimmten Sorte besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, werden die richtigen ausgesondert mit einer Farbe, wie sie gerade gew\u00fcnscht wird. Das besorgt eine volumin\u00f6se Vakuumkammer mit optischen Elementen.<\/p>\n<p>Gar nicht wunschgem\u00e4\u00df verliefen die Tage f\u00fcr Gerhard, der mit einigen Kollegen seiner Firma eine solche Beamline neu installieren sollte. Alles war bereits aufgebaut, aber jetzt mussten die Dinge zum Laufen gebracht werden. Das w\u00fcrde mindestens zehn Tage dauern, und wenn er zur\u00fcckkommt w\u00fcrde bereits der dritte Advent sein. Gerhard war kein Physiker sondern Ingenieur. In der Installationsgruppe waren zwar alle anderen Physiker, sie schrieben die Software, setzten die s\u00fcndhaft teuren Spiegel und die K\u00fchlungen ein, denn dieser Beam von Photonen hatte so viel Energie, dass er die vergoldeten Spiegel der Beamline leicht aufheizen konnte. Auch wenn das nur wenige Grad gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tte sich dadurch die Spiegelform bereits um ein Geringf\u00fcgiges ver\u00e4ndert und die ganze Abbildung der Photonen h\u00e4tte nicht mehr geklappt. Es erforderte starke Nerven mit diesen l\u00e4nglichen quaderf\u00f6rmigen Spiegeln im Cleanroom umzugehen, denn sie waren unersetzlich und sehr teuer. Eigentlich war es ein Erfordernis, dass alle gute Laune haben, dass dabei nichts passiert. Aber Gerhard hatte keine gute Laune, sondern verzog sich sofern er konnte in den Fr\u00fchst\u00fccksraum, wo er dann ganz allein an einem der Tische mit den Weihnachtssternen sa\u00df, Kakao trank und nichts sagte. Gerhards Gedanken waren auf der anderen Seite der Ostsee, zu Hause. Gedankenverloren las er in einem Buch von Reinhold Messner: Mein Leben am Limit. Das war wenigstens etwas, auch wenn er seinen Bruder am Nangha Parbat verloren hatte.<\/p>\n<p>Jetzt kam Sebastian, der eine Physiker, in den Pausenraum: \u201eWollen wir nicht langsam anfangen, Gerhard?\u201c \u2026 \u201eInjection\u201c, murmelte Gerhard nach einigem Z\u00f6gern mehr vor sich selbst hin und zeigte mit einer wegwerfenden Geste auf einen gro\u00dfen Monitor auf dem Schrank. Das bedeutete, dass der Speicherring gerade mit frischen Elektronen beschickt wurde, wobei sch\u00e4dliche R\u00f6ntgenstrahlung, die ja aus sehr harten Photonen besteht, austreten kann. Da durfte man sich nicht an der Beamline aufhalten und musste sich notgedrungen anderweitig besch\u00e4ftigen, weshalb sich dann auch mehrere Leute an dem Kaffeeautomaten im Pausenraum sammelten. Aber heute war auch noch Sonnabend, und so waren es noch weniger Leute in der Halle als sonst. Sebastian und Gerhard waren die einzigen Deutschen der Gruppe, auch wenn es eine deutsche Firma war, f\u00fcr die sie arbeiteten. Der Flei\u00dfigste war Pavel, ein Tscheche und Nikolai, ein Moskauer, sa\u00df fast den ganzen Tag am Computer, worin im Prinzip auch seine Aufgabe bestand. Was er allerdings genau tat, war den anderen ein R\u00e4tsel. Die beiden hatten Gerhards schlechte Laune schon bemerkt und Sebastian gebeten, ihn ein bisschen aufzuheitern.<\/p>\n<p>\u201eHast Du Sorgen?\u201c Etwas Besseres war Sebastian nicht eingefallen, den ihm vertrauten jungen Kollegen zu fragen. Erwartungsgem\u00e4\u00df bekam er keine Antwort, auch wenn Sebastian das Schweigen als ein wenig ungeh\u00f6rig empfand, denn Gerhard musste klar sein, dass alle unter seiner Laune litten. Au\u00dferdem war Sebastian der Projektleiter, woraus Gerhard sich aber wenig machte, denn sie waren ja nur eine kleine Firma. Gerhard hatte die Statur und Physiognomie eines gutaussehenden Boxers. Seine Kraft wurde auch gebraucht, denn das Festziehen der gr\u00f6\u00dferen Vakuumflansche war ein athletischer Akt, der wegen des Platzmangels manchmal auch noch von Verrenkungen begleitet war. Die Kabel mussten auf dem Boden liegend eingef\u00e4delt werden. Aber mit dem Schrauben war es noch nicht so weit, erst musste die Optik installiert werden und dann folgten noch ewige Tests.<\/p>\n<p>Nachdem genug Zeit verstrichen war, dass man die folgende Bemerkung nicht mehr als Antwort auf die Frage h\u00e4tte werten k\u00f6nnen, sagte Gerhard: \u201eDas ist doch alles Mist was wir hier machen. Ob so ein Beschleuniger arbeitet oder nicht, das bringt ja doch nichts ein.\u201c \u201eAber wir leben immerhin davon\u201c, wandte Sebastian ein. Ja diese Teile, die sie bauten, waren wirklich einigerma\u00dfen teuer, und wo bekam man schon so schnell mal eine Million als Auftrag zusammen. \u201eIhr lebt ganz gut, aber ich bekomme ja nicht mehr als ein normaler  Facharbeiter\u201c, damit spielte er auf sein Gehalt an, das wirklich nicht \u00fcppig war. \u201eEs m\u00fcsste doch einen Sinn haben. Man m\u00f6chte doch an etwas arbeiten, das auch einen Zweck hat. Wenn ich jemandem versuche zu erkl\u00e4ren, was wir hier treiben, werde ich immer nur ganz entgeistert angesehen, so als k\u00f6nnte man das gar nicht verstehen.\u201c Gerhard war ja noch in dem Alter, wo man in die Disko geht, wo ohnehin kaum eine Verst\u00e4ndigung m\u00f6glich ist. Wie sollte man da etwas kompliziertere Sachen erkl\u00e4ren. Gerhard schob die leere Kakaotasse \u00fcber den Tisch, was so viel hie\u00df, wie: Ich brauche sie nicht mehr, Du kannst sie wegr\u00e4umen. Wieder so eine kleine Unversch\u00e4mtheit, aber Sebastian wollte keinen Streit und als k\u00f6nnte von seiner Vers\u00f6hnlichkeit gute Laune erzeugt werden, nahm er die Tasse und warf sie in den M\u00fcllbeh\u00e4lter.<\/p>\n<p>Jetzt sagte der Lautsprecher: \u201eInjection completed\u201c, was so viel hie\u00df, dass man sich wieder an die Arbeit begeben m\u00fcsste. Sie durchschritten den langen Gang und r\u00e4umten an ihrer Beamline die Warnleine wieder weg. Es war immer noch beliebig viel zu tun, auch wenn man eben nicht in Hektik verfallen konnte, denn diese Injektionspausen, die regelm\u00e4\u00dfig einzulegen waren, unterbrachen einen ohnehin.<\/p>\n<p>Es war immer ein ziemlicher Ger\u00e4uschpegel in der Halle. \u00dcberall liefen Vakuumpumpen, denn die meisten Photonen der Farbe, f\u00fcr die man sich vorwiegend interessierte, konnten l\u00e4ngere Strecken nur im Vakuum zur\u00fccklegen. Noch h\u00f6here Anspr\u00fcche stellten die Elektronen in dem Speicherring, die hinter der Betonbarriere in einer engen R\u00f6hre ihre Kreisbahn zogen und die bei der geringsten Wechselwirkung mit irgendwelchen Gasatomen sofort auf nimmer Wiedersehen verschwunden waren. Weil in dem Ring trotz des Vakuums aber immer noch solche Atome enthalten waren, gingen sie immer nach ein paar Stunden nach und nach verloren, und dann musste es eben eine neue Injektion geben.<\/p>\n<p>Die Kammer, an der sie gerade pumpten, ging nicht im Druck herunter, so dass sie vermuten mussten es sei eine Undichtigkeit vorhanden, eben ein Leck. Sebastian legte das Ohr an die st\u00e4hlerne Kammer, die etwa die Gr\u00f6\u00dfe einer Badewanne hatte. Da h\u00f6rte er in dem allgemeinen Ger\u00e4uschpegel so etwas wie einen leisen Chor. War das nicht der ber\u00fchmte Gefangenenchor aus Nabucco? Es war \u2013 ganz leise, kaum zu h\u00f6ren. Das konnte nat\u00fcrlich nicht sein, es sei denn, jemand an einer an den anderen Beamlines hatte sich einen Scherz erlaubt und eine Melodie in das riesige ver\u00e4stelte Metallgef\u00e4\u00df eingespeist. \u201eH\u00f6r mal\u201c, sagte er zu Gerhard. Der lauschte und sagte: \u201eEs rauscht, wir haben bestimmt ein Leck.\u201c Sebastian versuchte ihm klarzumachen, dass er etwas anderes meine, aber traute sich nicht, die langsam in ihm aufsteigende Vermutung zu \u00e4u\u00dfern. Photonen hatten sie ja noch nicht in der Beamline, denn die Schieber waren alle noch geschlossen. Also wenn ein Scherz oder Sinnest\u00e4uschung ausgeschlossen w\u00e4ren, dann musste es aus dem Inneren des Betonbunkers kommen. Diesen zu betreten war streng verboten, es durfte sich w\u00e4hrend des Betriebes \u00fcberhaupt kein Mensch dort aufhalten. Soviel wusste Sebastian von diesen Maschinen.<\/p>\n<p>Gerhard war nicht aufzuhalten. Mit seinen starken Muskeln zog er die Schrauben nach. Dann lauschte er wieder, dann sah er auf das Messinstrument, dann zog er noch eine Runde um den Flansch. \u201eDas ist ein Krach hier, man kann das feine Rauschen gar nicht h\u00f6ren\u201c, maulte er. Sebastian war jetzt am Flansch, der direkt an der Betonwand war. Er hatte so eine Art Stethoskop mit einem Metallstab am Ende aufgetrieben, auch so eine nutzlose Sache, die irgendwo herumlag, und hatte damit am ersten Flansch gelauscht. \u201eHier h\u00f6r mal\u201c, reichte er es Gerhard. Der st\u00fclpte es sich \u00fcber und legte den Metallstab an den Austrittsflansch. \u201eH\u00f6rt sich an wie Musik, doch was soll das, wir wollen endlich fertig werden.\u201c Schon hatte er das Stethoskop weggelegt und bereits wieder die Schraubenschl\u00fcssel in der Hand. Damit hatte er eigentlich Recht, denn sie mussten sehen, dass sie im Zeitplan blieben.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich lie\u00dfen sie es dabei bewenden, machten sich noch ein Abendbrot im Aufenthaltsraum und fuhren dann ins Hotel. Gerhard verstand sich auch als Kraftfahrer und maltr\u00e4tierte den Firmen-Kleinbus, dass man in den engen Stra\u00dfen der Universit\u00e4tsstadt nur so hin und her geworfen wurde. Als sie am Hotel ausgestiegen waren, ging er allein davon, ohne ein Wort zu sagen und lie\u00df die anderen drei allein auf ihre Zimmer gehen. Sebastian machte sich noch Sorgen, was wohl w\u00e4re, wenn Gerhard nun einfach seiner Wege ging und sie keinen Autoschl\u00fcssel mehr h\u00e4tten. Dann w\u00fcrden sie mit dem Taxi zur Arbeit fahren m\u00fcssen. Aber am n\u00e4chsten Morgen war Gerhard wieder da und a\u00df allerdings nur ein paar Cornflakes, sonst nichts, ganz gegen seine Gewohnheit. Er w\u00e4re lieber mal nach Stockholm gefahren, als schon wieder einen ganzen Tag am Wochenende an der Beamline zuzubringen. Aber daran war nun nicht zu denken, wo es so schleppend voranging. Man schwieg beim Fr\u00fchst\u00fcck, bis Nikolai auf Englisch sagte: \u201eVor zweihundert Jahren war die Schlacht von Austerlitz.\u201c Er war Napoleonfan, das wusste Sebastian. Pavel verbesserte ihn: \u201eDas war gestern.\u201c Er hatte es auch im Internet gesehen. Nikolai hatte Ende November vergessen das Datum an seiner Uhr einen Tag weiterzustellen. Pl\u00f6tzlich lebte der schlechtgelaunte Gerhard etwas auf: \u201eDas mit der Musik aus dem Tunnel passt doch ganz zu Deiner \u201aTheorie\u2019 Sebastian.\u201c Auch er hatte englisch gesprochen, damit alle Anteil nehmen k\u00f6nnen an seinem kleinen Angriff, der nicht anders enden konnte als diese Schlacht vor zweihundert Jahren und einem Tag.<\/p>\n<p>Die anderen konnten nicht wissen, was gemeint war, denn diese Theorie hatte Sebastian nicht weiter verbreitet, zumal sie eigentlich nur in einer einfachen Hypothese bestand, n\u00e4mlich dass die Mikrowelt belebt sein k\u00f6nnte, mit einem Bewusstsein begabt, wie wir Menschen das gemeinhin nur von uns selbst annehmen. Was er definitiv wusste, war, dass Elektronen nur in Wechselwirkung mit der Umwelt treten, wenn sie irgendwie gefangen sind, und sie tun es mit Photonen. Zwingt man sie von ihrer geraden Bahn abzuweichen, dann senden sie eben Photonen aus, und gerade das benutzte man in dieser Maschine als Lichtquelle. Oder wenn Elektronen im Atom gefangen sind, dann senden und empfangen sie auch st\u00e4ndig Photonen vom Atomkern, was man aber nicht nachweisen kann. Es gibt sie nur in der Theorie, einer richtigen, weil physikalischen Theorie, und daher nennt man sie vorsichtig virtuelle Photonen. Aber das mit dem Gesang war sicher Quatsch.<\/p>\n<p>Als sie wieder an die Beamline kamen, war diese mit einer Lichterkette verziert. Lauter bunte L\u00e4mpchen waren um das Strahlrohr gewunden und keiner wusste so recht, wer das gemacht hatte. Dann war wieder Injection und so konnten sie nicht nah an die Maschine heran. Sie mussten sich wohl oder \u00fcbel wieder in den Aufenthaltsraum begeben. \u201eWas ist denn Deine Theorie?\u201c, kn\u00fcpfte Pavel an das Hotelfr\u00fchst\u00fccksgespr\u00e4ch an. Er konnte sehr gut Deutsch und unterhielt sich gern mit Sebastian in dieser Sprache. Sebastian wollte sich nicht vor seinen Kollegen blamieren und gab eine ausweichende Antwort. Doch Gerhards Spott war unbezwingbar: \u201eSo nah warst Du wahrscheinlich noch nie am Nobelpreis\u201c. Was das f\u00fcr ein Nobelpreis sein sollte? Vielleicht der Friedensnobelpreis f\u00fcr den Frieden zwischen den bewussten Wesen auf der Welt, des Mikro- und des Makrokosmos, denn diesen Frieden sah Sebastian im Stillen als bedroht an. Es stand wohl au\u00dfer Frage, dass man die Elementarteilchen benutzen durfte, aber hatte nicht selbst Gerhard daran gezweifelt, dass es in diesem Fall \u00fcberhaupt Sinn hatte. \u201eErz\u00e4hl doch mal von der Musicbox und was Du Dir darauf f\u00fcr einen Reim machst\u201c, dr\u00e4ngte er Sebastian noch einmal. \u201eWas meint ihr, wer die Lichterkette angebracht hat?\u201c, wollte sich Sebastian aus der Aff\u00e4re ziehen. \u201eNein erz\u00e4hl mal, wof\u00fcr Du den Nobelpreis bekommen m\u00f6chtest\u201c, hakte nun auch Pavel nach. \u201eIch m\u00f6chte ihn gar nicht bekommen, auch wenn ich nat\u00fcrlich m\u00e4chtig stolz auf so eine Anerkennung w\u00e4re. Meine Frau und ihre Freundin haben sich schon gefragt, was sie da anziehen w\u00fcrden. Ich habe nur gestern am Austrittsflansch Nabucco geh\u00f6rt, das ist alles, mit dem Stethoskop, das da rumlag.\u201c \u201eSicher den Gefangenenchor\u201c, sagte Pavel, der der Einzige war, der \u00fcber gen\u00fcgend Bildung verf\u00fcgte, um das zu kennen, \u201eder ist wirklich vorz\u00fcglich.\u201c \u201eDu sagst es\u201c, gab Sebastian zu, der nat\u00fcrlich wusste, wie absurd so eine Sache erscheint, auch wenn er sich sehr gut denken konnte in seinen animistischen Vorstellungen, dass diese Elektronen, die da herumgejagt werden, eben so einen Gesang von sich geben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eInjection completed\u201c, sagte die Lautsprecherstimme, aber alle vier blieben sitzen, denn schlie\u00dflich war heute Sonntag, der zweite Advent, und sollte man sich wie diese armen Elementarteilchen in die Sielen begeben, immer auf Befehl? \u201eMan m\u00fcsste mal ein richtig interessantes Experiment machen, was die Welt aufhorchen l\u00e4sst\u201c, schw\u00e4rmte auf einmal Gerhard los und zog sofort wieder alle Sympathien auf sich: \u201eVielleicht ist da ja mit den musikalischen Elektronen was dran. Wie w\u00e4re es, wenn man mal ein Photon in einer Art Falle einfangen k\u00f6nnte und es dann untersuchen.\u201c \u201eDas geht nicht\u201c, sagte Kolja jetzt auf Russisch, was w\u00f6rtlich hie\u00df: Es arbeitet nicht. Soviel verstand selbst Gerhard noch von dieser Fremdsprache, dass er wusste was Nikolai meinte, aber er wollte es trotzdem nicht wahrhaben: \u201eEinige Sekunden Aufenthaltsdauer sollten schon gen\u00fcgen, um es ein bisschen abzuklopfen.\u201c \u201eAch Rudi\u201c, sagte jetzt Sebastian, \u201edas ist es doch gerade, der entscheidende Fehler, dass man \u00fcberall Fallen stellt, statt den Dingen ihren nat\u00fcrlichen Lauf zu lassen. Schon bei dem Gedanken an Ionenfallen, die es ja schon gibt, wird mir immer schlecht. Das funktioniert immerhin, aber Entscheidendes ist dabei auch nicht gerade herausgekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhr schafft doch Euren Kram heute alleine\u201c, verabschiedete sich Gerhard von den Physikern und verschwand in dem Cleanroom am Rande der Experimentierhalle, wo er ein starkes Mikroskop fand. Die drei anderen hatten sich wieder an die Arbeit getrollt, keiner achtete weiter auf den jungen Ingenieur. Gerhard suchte in der Optikhutch und fand ein paar hervorragende Spiegel von etwa einem Zoll Durchmesser. Er kratzte mit einer Rei\u00dfnadel ein kleines Loch in die Spiegelschicht des einen und f\u00fcgte beide Spiegel mit Knete mit den Spiegelfl\u00e4chen parallel zueinander zusammen. Durch das Loch w\u00fcrde ein Photon eindringen k\u00f6nnen und wenn er Gl\u00fcck hatte, w\u00fcrde es sich eine Weile darin aufhalten. Sein Plan war, sich das Verhalten des Photons unter dem Mikroskop genau anzusehen und legte sich einen Notizblock zurecht, um aufzuschreiben, was er dabei beobachtete. Als erstes musste er seine Falle nat\u00fcrlich aufladen. Da das Loch mikroskopisch klein war, w\u00fcrde er es starkem Licht aussetzen m\u00fcssen, damit sich vielleicht ein Photon darin h\u00e4uslich einrichtet. Aber an solchen Beamlines, die beliebig viele Photonen hergaben, war ja in der chaotischen Halle kein Mangel. Fast alle Arten von Photonen schwirrten da herum, und eines w\u00fcrde bestimmt f\u00fcr seine selbstgebastelte Falle passen. Er ging an eine der herrenlosen Beamlines, suchte auf dem Computer nach dem Strahlshutter, \u00f6ffnete die Beamline und hielt seinen kleinen Apparat an deren Ende, mit dem winzigen Loch zum Strahl hin. Dann wickelte er das Ganze in ein St\u00fcck Aluminiumfolie und kehrte rasch in den Cleanroom an das Mikroskop zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Durch das kleine Loch, das freilich unter dem Mikroskop haust\u00fcrgro\u00df erschien, konnte er in den verspiegelten Zwischenraum sehen. Die von weitem glatt aussehende Spiegelschicht war in Wirklichkeit ein bisschen rau, sie sah aus wie eine Wand aus Kristalliten, die aneinander stie\u00dfen. Zun\u00e4chst war nichts zu sehen au\u00dfer dieser Mondlandschaft, dann endlich sah er so etwas wie ein kleines blaues Funkeln hinter einem dieser Tr\u00fcmmer. Jetzt kam ihm der Gedanke, dass er keinerlei M\u00f6glichkeiten hatte, sein Experiment zu steuern, und Geduld war auch nicht gerade seine St\u00e4rke. Vielleicht w\u00fcrde eine Willensanspannung gen\u00fcgen, das Fl\u00e4mmchen hinter dem Kristallit hervorzulocken, wahrscheinlicher war aber, dass man besser abwarten sollte, so schwer das auch fiel.<\/p>\n<p>Lange musste er auch nicht warten, da wagte es sich hervor, war ganz Schimmer und schien fast durchsichtig. Die Korona war kugelf\u00f6rmig, aber in dem Schein zeichneten sich feine phosphoreszierende Kn\u00f6chelchen ab, die ein richtiges Gerippe bildeten. Das Gesicht war wie von einer gl\u00e4nzenden Fl\u00fcssigkeit gebildet und konnte sich bewegen, indem es etwa so langsam wie die Blase einer Wasserwaage sich nach oben wendete und skeptisch die k\u00fcnstlich geschaffene \u00d6ffnung, die haust\u00fcrgro\u00dfe be\u00e4ugte, als wolle es sofort wieder fliehen. So musterten sie sich Auge in Auge durch das Mikroskop, und Gerhard verstand so viel von Optik, dass er wusste, dass wenn ihm das Wesen dort unten so nah erschien, er selbst deshalb um so entfernter f\u00fcr das Photon erscheinen musste. Daher wohl lie\u00df dieses das Gesichtchen wieder in die Vertikale schwimmen und begann sich in seiner H\u00f6hle n\u00fctzlich zu machen. Es rieb an den Zacken der Spiegelschicht, und machte sie noch ein bisschen gl\u00e4nzender. Je mehr dieser Spitzen erstrahlten, desto heller wurde auch das Weslein. Soviel Gerhard durch die Haust\u00fcr der Photonwohnung ersp\u00e4hen konnte, verwandelte sich die Oberfl\u00e4che der Spiegel in eine glitzernde Lichtmatte, wie sie manche Leute zur Weihnachtszeit \u00fcber die Lebensb\u00e4ume breiten, um deren Konturen in Lichtlein nachzubilden. Und wie sich die Helligkeit des Wesleins verst\u00e4rkte, so beschleunigte sich auch dessen Arbeitstempo.<\/p>\n<p>Schon war die Helligkeit des Bildes f\u00fcr das normale Auge nicht mehr zu ertragen und Gerhard nahm gerade noch den Kopf vom Okular, da sah er schon, wie ein Laserstrahl daraus hervorscho\u00df, der scheinbar dem entfernten Beobachter gegolten hatte, welcher sich aber rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Der Strahl hinterlie\u00df an der Decke eine ru\u00dfige Stelle, die noch nach Minuten etwas qualmte. Allm\u00e4chtiger! Gerhard traute sich kaum noch die beiden verkitten Spiegel unter dem Mikroskop hervorzunehmen, um den Zwischenraum vielleicht noch einmal aufzuladen oder seinen Apparat den immer leicht arroganten Physikern zu pr\u00e4sentieren. Als er sich doch dazu entschloss, verbrannte er sich die Finger, so hei\u00df war das Ding geworden. Die Knete lief an der Seite herunter. Der Abstand der Spiegel musste jetzt sehr klein geworden sein. Vielleicht war es dem Photon einfach zu eng geworden und es f\u00fchlte sich wohl doch nicht so wohl in einer Falle.<\/p>\n<p>Was Gerhard nicht wissen konnte, war, dass zu jedem Photon manchmal auch ein zweites geh\u00f6rt, ein sogenanntes verschr\u00e4nktes Photon. Alles was das eine Photon tut, erleidet dann auch das andere verschr\u00e4nkte und sei es auch noch so weit entfernt. Es konnte also sein, dass dieses Experiment an ganz anderer Stelle verfolgt wurde und zu genau der gleichen Zeit. Was sollte er nun anfangen mit seiner Entdeckung. Er holte Sebastian und zeigte ihm den Fleck an der Decke. \u201eDas ist aus dem Mikroskopokular gekommen?\u201c, fragte Sebastian, \u201eeinfach so?\u201c Gerhard best\u00e4tigte das und erz\u00e4hlte, dass er Gl\u00fcck gehabt hat, dass er den Strahl nicht selbst abbekommen hat.<\/p>\n<p>Der Tag zog sich hin ohne weitere Zwischenf\u00e4lle und etwa 5 Stunden sp\u00e4ter war wieder Injection und wieder sa\u00dfen sie im Aufenthaltsraum. Da kamen drei gut gekleidete Herren herein, die seltsamerweise jeder eine Laterne mit einer echten Kerze in der Hand hielten. \u201eHier wurde vor kurzem eine entscheidende Entdeckung gemacht\u201c, begann der eine, der grauhaarig war und eine Barttracht trug, wie ein echter Weihnachtsmann. \u201eUnsere Photonwatcher haben angesprochen, es muss ein au\u00dferordentlicher Effekt sein, der bisher noch v\u00f6llig unbekannt ist. Da sind wir sofort aus Stockholm angereist um in diesem Jahr das zweite Mal den Nobelpreis f\u00fcr Physik zu verleihen.\u201c Alle starrten auf Sebastian, der ja diese Melodie geh\u00f6rt hatte, aber der B\u00e4rtige fuhr fort: \u201eEs muss sich um den hochenergetischen Lasereffekt eines einzelnen Photons handeln.\u201c \u201eDa sind sie richtig hier, das habe ich heute Morgen entdeckt, an einer Photonenfalle\u201c, sagte der J\u00fcngste der vier. \u201eWie hei\u00dfen Sie bitte?\u201c, fragte der zweite Herr. \u201eGerhard Rudolph, ich bin Ingenieur.\u201c \u201eOb das in Alfreds Sinn ist, es sollte doch wohl besser ein Physiker sein?\u201c, fragte der Dritte seine Begleiter. Doch der Erste ignorierte das und sagte zu Gerhard: \u201eW\u00fcrden Sie uns gleich nach Stockholm begleiten k\u00f6nnen, um die Formalit\u00e4ten schnell zu erledigen?\u201c. Der zweite Mann: \u201eUnser Wagen steht drau\u00dfen bereit.\u201c \u201eNat\u00fcrlich, wenn ich bis \u00fcbermorgen wieder hier sein kann\u201c, sagte Gerhard, stand auf und schob seine ausgetrunkene Plastiktasse \u00fcber den Tisch zu Sebastian hin. \u201eDann bis \u00fcbermorgen\u201c, er hatte sich schon seine Jacke \u00fcbergezogen und begleitete die seltsamen Herren nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Alle sa\u00dfen verdutzt da. So schnell war wohl noch nie eine Nobelpreisentscheidung gefallen.  Mit einem Mal sprang Sebastian auf und st\u00fcrzte zur T\u00fcr den Verschwundenen nach und versuchte sie noch einzuholen: \u201eRudi, die Autoschl\u00fcssel, Du hast noch die Autoschl\u00fcssel mit!\u201c Aber es war schon zu sp\u00e4t, die Limousine war bereits abgerauscht. Dann m\u00fcssen wir eben jetzt ein paar Tage mit der Taxe fahren, dachte er resigniert.<\/p>\n<p>Die anderen waren jetzt nat\u00fcrlich neugierig geworden, besahen sich den Ru\u00dffleck im Cleanroom und wollten wissen, worin die Entdeckung denn nun bestanden h\u00e4tte. \u201eEin Photon und dann so ein Laserstrahl? Das kann schon energetisch gar nicht sein\u201c, sagte Pavel. Aber eine Entdeckung ist eben eine Entdeckung. Sebastian konnte nicht anders, als noch einmal mit dem Stethoskop an der Kammer zu lauschen und sich seiner eigenen kleinen Entdeckung noch einmal so recht hinzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Physikalischer Advent Die Experimentierhalle stand voller Ger\u00e4tschaften. Nur ein schmaler Gang am Rand war vom Chaos verschont und frei geblieben. 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