{"id":4312,"date":"2023-08-06T09:07:09","date_gmt":"2023-08-06T07:07:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4312"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"compositio-oppositorum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4312","title":{"rendered":"Compositio Oppositorum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Compositio Oppositorum<\/strong><\/p>\n<p>Die Welt scheint aus klaren Widerspr\u00fcchen zu bestehen: Innen und Au\u00dfen, kontinuierliches und k\u00f6rniges, ruhendes und bewegtes, Vakuum und Materie, fernes und nahes, Gro\u00dfes und Kleines, Vergangenes und Gegenw\u00e4rtiges, Alles und Nichts, Sein und Nichtsein und was da noch mehr an Gegens\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Von Herbart haben wir gelernt, dass es sich beim r\u00e4umlichen und zeitlichen vielleicht nur um Erscheinungen handelt und Nikolaus von Kues gab ein anschauliches Beispiel f\u00fcr eine coincidentia oppositorum, indem er den Vorgang betrachtet, dass man zwei zur Geraden verschmolzene St\u00e4bchen so verlegt, dass sie einen spitzen Winkel bilden und diesen Winkel immer weiter vergr\u00f6\u00dfert, bis er 180 \u00b0 ist und die beiden St\u00e4bchen wieder eine Gerade bilden, oder eben bis 360 \u00b0 und die Ausgangssituation wieder hergestellt ist. Man kann das auch umgekehrt betrachten, indem man ein vormals gerades St\u00e4bchen etwas knickt und dadurch ein gro\u00dfer stumpfer Winkel entsteht, den man bei weiterem Tun immer mehr verkleinert, bis der dann spitze Winkel so klein ist, dass sich wiederum eine Gerade ergibt.<\/p>\n<p>Das alles kann man in Gedanken verfolgen und die aus einer Einheit hervorgegangene Dreiheit \u2013 zweier unterscheidbarer Dinge (geknickter und nicht abgeknickter Teil) und eine Qualit\u00e4t (Winkel) \u2013 wieder in eine Einheit \u00fcbergehen, wodurch die Qualit\u00e4t nicht vernichtet wird, aber nicht mehr wahrnehmbar ist. Sehen wir so ein gestrecktes St\u00e4bchen vor uns und haben schon mal das Kuessche Experiment gedacht, so kennen wir die M\u00f6glichkeit, dass es zwei sein k\u00f6nnten oder auch selbst einen Winkel bilden, diesen vergr\u00f6\u00dfern oder verkleinern und schlie\u00dflich wieder so daliegen als w\u00e4re nichts gewesen.<\/p>\n<p>Man kann das Kuessche Experiment auch auf die Spitze treiben und den Winkel der St\u00e4bchen immer weiter vergr\u00f6\u00dfern oder verkleinern, wodurch uns eine weitere Qualit\u00e4t entgegentritt: das Periodische, denn alle 180 oder 360 \u00b0 h\u00e4tten wir die gleiche Situation, der coincidentia, aber um den Verstand nicht zu verlieren \u00fcber diese triviale Betrachtung, bei der eine neue Qualit\u00e4t hinzuk\u00e4me, n\u00e4mlich die der Periodizit\u00e4t, braucht es eine Begrenzung, sonst setzte sich dieser Gedanke bis zur Langenweile bis in alle Ewigkeit fort, und es k\u00f6nnte dabei wohl auch noch etwas ganz Neues entstehen, das wir noch gar nicht ahnten, weshalb etwas Sch\u00f6pferisches einsetzen muss, das wir als compositio bezeichnen wollen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt den Einfall zu haben, so ein St\u00e4bchen zu knicken ist ein elementarer sch\u00f6pferischer Akt, oder zwei St\u00e4bchen so zu legen, dass sie einen spitzen oder stumpfen Winkel bilden oder deckungsgleich sind.<\/p>\n<p>Besondere Schwierigkeiten d\u00fcrfte die compositio oppositorum bei: das Gro\u00dfe und das Kleine haben. Das Gr\u00f6\u00dfte, was wir uns vorstellen k\u00f6nnen und dem das Interesse vieler Menschen gilt, ist das Universum, das wir uns als Kugel vorstellen mit einem Radius von 1026 m. Das ist hunderttausendmal gr\u00f6\u00dfer als unsere Galaxis, die Milchstra\u00dfe, und messen wir am Gang k\u00f6rniger Lichtteilchen (Photonen). Von diesen Lichtteilchen k\u00f6nnen wir nur sagen, dass sie sich uns als k\u00f6rnig zeigen und nicht anders, dass das aber nicht ihr ganzes Sein ist, denn um ihr Auftauchen oder Verschwinden zu beschreiben, m\u00fcssen wir Periodizit\u00e4ten heranziehen, die uns an das unaufh\u00f6rliche Anbranden an der K\u00fcste erinnern. Ein Lichtteilchen einer genau bestimmten Farbe ist ewig und kann in jedem Moment erscheinen, scheinbar altert es auch in keiner Weise, wenn wir das nicht hineinkomponieren.<\/p>\n<p>Haben wir zwei Punkte A und B im Raum, was nach Herbart eine Illusion ist, aber wir uns nun mal nicht anders denken k\u00f6nnen, und von A geht ein Lichtteilchen aus, so sagt der Common Sense, dass, wenn es in B registriert wurde, es sich auf einer geraden Bahn dorthin bewegt haben sollte. Das l\u00e4sst sich aber nur korrekt beschreiben, wenn man alle Wege, die nur m\u00f6glich sind, einbezieht, so verschlungen oder krumm sie auch sein m\u00f6gen. Es gibt da nicht nur diesen einen, geradlinigen Weg, sondern unendlich viele, wobei wir bei einem weiteren oppositorum, dem einen und dem unendlich vielen angelangt w\u00e4ren. Meistens kommen wir da mit dem Common Sense zurecht, sonst h\u00e4tte er auch keine Berechtigung, aber es gibt Erscheinungen, bei denen man ein Mehr an Wahrheit \u2013 unendlich viele Bahnen oder ein Kontinuum \u2013 einbeziehen muss.<\/p>\n<p>Das Licht aber ist sicher das gr\u00f6\u00dfte der R\u00e4tsel und so wollen wir zum noch ungekl\u00e4rteren \u00fcbergehen \u2013 der Gravitation \u2013 oder wenn man so will \u2013 der Kraft. Wenn ein K\u00f6rper einer Kraft ausgesetzt ist, so kann man das manchmal an einer Deformation erkennen, was man zum Beispiel an einem Wassertropfen auf einer Glasplatte erkennen kann. Geht man aber ins Mikroskopische \u00fcber und betrachtet zum Beispiel ein Proton, so kann man diesem in keiner Weise mehr eine wirkende Kraft ansehen. Wir sind es gewohnt, das dann von einer einsetzenden Bewegung her zu beurteilen, die aber Zeit braucht. Im ersten Moment der Kraftwirkung ist nichts zu sehen, diese Information kann dann nur unsichtbar gespeichert sein. Im Gro\u00dfen ist ein Beispiel f\u00fcr so eine deformierende Kraftwirkung die Bewegung der Wassermassen auf der Erde unter der Anziehungswirkung des Mondes \u2013 die Gezeiten. Im Mikroskopischen versagt dieses Bild und wir k\u00f6nnen uns nichts vorstellen, was in einem mathematischen Punkt gespeichert sein k\u00f6nnte, f\u00fcr den Moment des Einsetzens, und m\u00fcssten unter Umst\u00e4nden unendlich lange warten, bis sich eine Wirkung zeigt.<\/p>\n<p>Zu unseren Compositios geh\u00f6rt aber inzwischen auch, dass wir wissen, dass die Leere, das Vakuum angef\u00fcllt ist mit unendlich vielen potenziellen Teilchen, die daraus unter Energiezufuhr ins Wahrnehmbare treten k\u00f6nnen und sich Materie und Antimaterie unter Energieabgabe zu Vakuum vereinigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte, nebenbei bemerkt, die Monisten auf den Schluss, dass das einzige Wesentliche Energie sein k\u00f6nnte, aber in unseren Compostioversuchen wollen wir diesen Gedanken als zu dr\u00f6ge verwerfen.<\/p>\n<p>Alles, was wir von der Gravitation wissen, ist wieder im Common Sense, dass deren Wirkung mit dem Quadrat des Abstandes abnimmt (Newtons Gravitationsgesetz) und dass man deren Wirkung durch Bewegung aufheben kann \u2013 im einfachsten Fall durch kreisende Bewegungen und bei n\u00e4herem Hinsehen durch Kepler, durch bestimmte elliptische Bahnen, wie wir an den Kosmonauten in den Raumstationen sehen, wenn wir uns die R\u00e4umlichkeit wieder durch eine oder mehrere Kugeln versinnbildlicht denken. F\u00fcr eine Ebene w\u00e4re das dann eine Parabelbahn, wie man sie von Gescho\u00dfbahnen oder dem Parabelflug kennt, und der Common Sense versagt schon bei der Frage, ob man schwerelos auch schon im aufsteigenden Ast ist.<\/p>\n<p>Kann man also die Gravitationswirkung f\u00fcr eine als Monade angesehene Raumstation nur durch geeignete Bewegung aufheben? Nein, das ist nur im \u00c4u\u00dferen der Fall. Im Innern einer Kugelschale, die die Gravitationswirkung aus\u00fcbt, ist man auch in Ruhe schwerelos. Was w\u00e4re das f\u00fcr eine Freizeitparkidee, w\u00e4re die Erde eine Kugelschale m\u00f6glichst geringer Dicke: Man k\u00f6nnte schwebend an jeden denkbaren Ort gelangen mit dem geringsten denkbaren Energieaufwand. Nur indem man den Raum zur Illusion erkl\u00e4rt, wie das die Griechen auch mit der Bewegung an sich, die wir ja an Raum und Zeit festmachen, auch schon erdacht hatten. Ein Pfeil, in gen\u00fcgend kurzer Zeit betrachtet (Sport- oder Hochgeschwindigkeitskamera) ist immer ruhend (Parmenides, Zenon).<\/p>\n<p>Meines Erachtens ist das zeitliche bei der etwas fragw\u00fcrdigen Betrachtung von Kraft und Energie nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt. Wenn sich in B ein Teilchen befindet und in A taucht eins auf, liegt mit einem Mal eine Kraftwirkung vor und beide besitzen instantan eine potenzielle Energie, die offenbar mitgeteilt sein muss. Dann w\u00e4re das Teilchen \u201eau\u00dfen\u201c entstanden. Entsteht das Teilchen im Punkt A und ist B eine Kugelschale, die A umgibt und der Einfachheit halber als homogen, also gar nicht irgendwie k\u00f6rnig gedacht sein soll, so hat das neu entstandene Teilchen keine potenzielle Energie, aber die Kugelschale, der dies in irgendeiner Weise mitgeteilt werden m\u00fcsste. Wir sind es gewohnt, oder ist jedenfalls der Common Sense, dass sich eine Wirkung nicht schneller ausbreiten kann als mit Lichtgeschwindigkeit und kennen bisher nur ein Beispiel, wie das instantan \u00fcber beliebige Entfernungen funktionieren kann \u2013 bei verschr\u00e4nkten Teilchen. Diese Wirkung hat sich aber als komplett selbstbestimmt herausgestellt, sodass man sie nicht weiter nutzen kann.<\/p>\n<p>Das instantane Entstehen von Teilchen (Paarerzeugung) steht auf der Roadmap f\u00fcr verf\u00fcgbare Laserleistungen noch in weiter Ferne. Wenn da der Energiehaushalt genau festgestellt werden k\u00f6nnte, erg\u00e4ben sich daraus interessante Aspekte. Der Sitz der potenziellen Energie w\u00e4re doch ganz unterschiedlich. Entst\u00fcnde es im Zentrum des Universums, das wir uns als homogene Kugel denken mit einer Dichte von etwa einer Protonenmasse pro Kubikmeter, m\u00fcsste das Universum auf irgendeine Art mit potenzieller Energie versehen werden, die etwa 10 % der Eigenruheenergie des Neugeborenen entspricht. Entst\u00fcnde es dagegen am Rande des Universums, w\u00e4re das Teilchen mit ca. 7 % potenziellem Energieanteil an seiner Eigenenergie zu versehen und der gleiche Betrag dem Universum \u201emitzuteilen\u201c. Man kann sich auch fragen, welchen Anteil die potenzielle Energie an der Eigenruheenergie des Universums ausmacht. Das sind so etwa 4 %.<\/p>\n<p>Dieser Artikel sollte zum Mitdenken einladen, denn bei der Compositio sind alle gefragt, weil doch die Natur die Menschheit zu dem Zweck erschaffen hat, um ihr Ziel zu erreichen, das unter anderem darin bestehen k\u00f6nnte, sich selbst ein wenig besser zu verstehen.<\/p>\n<p><em>C.R. 5.8.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Compositio Oppositorum Die Welt scheint aus klaren Widerspr\u00fcchen zu bestehen: Innen und Au\u00dfen, kontinuierliches und k\u00f6rniges, ruhendes und bewegtes, Vakuum und Materie, fernes und nahes, Gro\u00dfes und Kleines, Vergangenes und Gegenw\u00e4rtiges, Alles und Nichts, Sein und Nichtsein und was da&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4312\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-4312","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4312"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4312\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4318,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4312\/revisions\/4318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}