{"id":4251,"date":"2023-05-21T10:00:09","date_gmt":"2023-05-21T08:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4251"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"die-deklination-der-atome","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4251","title":{"rendered":"Die Deklination der Atome"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Deklination der Atome<\/strong><\/p>\n<p>Wenn hier von Atomen die Rede ist, so k\u00f6nnten das auch andere Urk\u00f6rper sein, wie zum Beispiel die Lichtteilchen, die Photonen oder die Globuli, wie sie Newton nannte, der, nachdem er der Welt die hellsten Erkenntnisse und seine drei Axiome geschenkt hatte, dann jahrelang im Buch der B\u00fccher suchte und es nicht bekannt ist, was er dabei dann noch gefunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte er in einem Buch mit vergleichbarer poetischer Kraft suchen sollen, das Lukrez verfasste, der seinem Vorg\u00e4nger Epikur vor allem in einem nicht folgte, dass er versuchte, die Welt poetisch zu fassen, was jener abgelehnt hatte, genau wie eben der weise Platon die Dichter aus der Akademie verjagte.<\/p>\n<p>Trotzdem h\u00e4lt sich heute hartn\u00e4ckig die These, der auch ein wichtiger Erfinder einer speziellen Geometrie, die Einstein dann f\u00fcr seine Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie weiterentwickelte, Bernhard Riemann wohl vertrat, dass in den Bereichen, in denen wir uns nicht so genau auskennen k\u00f6nnen, weil sie vielleicht jenseits des Erfahrbaren liegen, die Poesie als Kriterium f\u00fcr die Stimmigkeit der Ansichten dar\u00fcber dienen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>G\u00f6nnen wir uns eine Kostprobe:<\/p>\n<p>Dass die K\u00f6rper des Stoffs, da sie senkrecht fallen im Leeren<\/p>\n<p>Durch ihr eignes Gewicht, in nicht zu bestimmenden Zeiten,<\/p>\n<p>Noch am bestimmten Ort von der Bahn abtreiben ein wenig.<\/p>\n<p>Wenig, soviel du nur magst die mindeste \u00c4nderung hei\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00e4nde dieses nicht statt, so fielen die K\u00f6rper gerade<\/p>\n<p>Wie die Tropfen des Regens herab, durch Tiefen des Leeren:<\/p>\n<p>Ansto\u00df w\u00fcrde nicht sein, nichts w\u00fcrd&#8216; auch treffen zusammen;<\/p>\n<p>Und so h\u00e4tte Natur nichts bilden k\u00f6nnen noch schaffen.<\/p>\n<p>Lukrez, \u00dcber die Natur der Dinge, 2. Buch Vers 217-224<\/p>\n<p>Dieses Abtreiben von der vorbestimmten Bahn, das gerade ist eben die Deklination der Atome, was ja so viel hei\u00dft wie Ausbeugen, das man wiederum einer \u00e4u\u00dferen Gewalt oder einer gewissen Autonomie zuschreiben k\u00f6nnte, oder eben, wenn man es ganz profan haben m\u00f6chte, dem Chaos oder dem Zufall. Letzteres geht mir aber gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig gegen den Strich, was allerdings ohne jegliche Bedeutung sein mag und jeder sich Gedanken nach freiem Gusto dar\u00fcber mache.<\/p>\n<p>Befragt man noch mal den Poeten Lukrez, der nicht alt wurde und \u00fcber den wenig verb\u00fcrgt ist, so gibt er auch davon ein Bild, was diese K\u00f6rper sein k\u00f6nnten:<\/p>\n<p>N\u00e4mlich die Stoffe kichern und werden vom Lachen ersch\u00fcttert,<\/p>\n<p>Oder ein Tr\u00e4nentau flie\u00dft ihnen die Wangen herunter.<\/p>\n<p>Auch verstehen sie klug von der Mischung der Dinge zu sprechen,<\/p>\n<p>Forschen den Stoffen nach, aus welchen sie selber gemacht sind.<\/p>\n<p>Sintemal sie belebt und gleich sind eignen Gesch\u00f6pfen,<\/p>\n<p>M\u00fcssen aus anderen Stoffen auch sie zusammengesetzt sein,<\/p>\n<p>Diese wieder aus andern, dass nirgends ein Ende zu finden.<\/p>\n<p>Denn ich folgere fort: was spricht und lacht, wie du sagest,<\/p>\n<p>Klug auch ist, das besteht aus andern, die Gleiches verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Lukrez, \u00dcber die Natur der Dinge, 2. Buch Verse 975 \u2013 985<\/p>\n<p>\u201eBelebt und gleich eigenen Gesch\u00f6pfen\u201c, ja das sind ja auch wir Menschen, d. h. die gesamte Menschheit, aber auch der ruhende Stein. Und jedes bestehe wieder aus anderen, \u201edie Gleiches verm\u00f6gen.\u201c<\/p>\n<p>Da tr\u00e4gt es den Dichter hinaus zu H\u00f6hen, die der tiefere Grund sind, warum man sie verjagen sollte, wohl aber zumindest ihnen mit Skepsis begegnen.<\/p>\n<p>Wie weit nun lehnen sich Naturwissenschaftler aus dem Fenster, von den Dichtern und Philosophen wollen wir einstweilen pausieren, wie zu guter letzt noch von Henri Bergson, der gegen Einstein die Auffassung zu begr\u00fcnden suchte, dass es eine Vielzahl von nebeneinander existierende \u201eerlebte\u201c Zeiten geben k\u00f6nnte, und zu h\u00f6ren bekam, dass dieser die \u201eZeit der Philosophen\u201c wegen deren Inkompetenz ablehne. Also wieder eine der H\u00e4rten, von denen uns schon Epikur heilen wollte.<\/p>\n<p>Der Nobelpreistr\u00e4ger Ilya Prigogine feierte schon das Ende solcher Ausrutscher, indem er sagte:<\/p>\n<p>Unsere Wissenschaft ist endlich zu einer physikalischen Wissenschaft geworden, denn sie hat endlich einger\u00e4umt, dass die Dinge, und nicht nur die belebten Dinge, autonom sind.<\/p>\n<p>Ilya Prigogine: Dialog mit der Natur, S. 293<\/p>\n<p>Wie weit ist man noch bei diesem \u201eEinr\u00e4umen\u201c einer Autonomie davon entfernt, diesen Entit\u00e4ten, die etwas sehr abstraktes sowohl als auch ganz konkretes sein k\u00f6nnen, einen flie\u00dfenden Tr\u00e4nentau zuzuschreiben.<\/p>\n<p>Doch kehren wir zur\u00fcck zu Lukrez, der fabuliert frank und frei weiter:<\/p>\n<p>Und so sind sie wirklich beraubt jedweder Empfindung?<\/p>\n<p>Endlich, wenn jeglichem Tiere zu seinem Empfindungsverm\u00f6gen<\/p>\n<p>Stoffe empfindsamer Art sind beizulegen, <\/p>\n<p>so m\u00f6chte\u2018 ich wissen, woraus der Mensch doch eigent\u00fcmlich best\u00fcnde?<\/p>\n<p>Lukrez, \u00dcber die Natur der Dinge, 2. Buch Verse 970-975<\/p>\n<p>Einen wahren Reichtum legt Lukrez da in den Menschen, aber auch jeglichen Stein, Pflanzen und Tiere. Es hat etwas f\u00fcr sich, so zu denken, weil wir mit Epikur und Lukrez in einer vers\u00f6hnten Welt leben, in der dann, mehr dem Politischen zugeneigt, Dante sogar ein Ziel ausmacht.<\/p>\n<p>F\u00fcgt sich da nicht ein Bild zusammen, das jenseits allen Haders um Realit\u00e4t oder nicht, um Materialismus oder nicht, um die verschiedensten Religionen, die Menschheit wirklich vers\u00f6hnt, nach dem das Sehnen seit jeher geht und die Grundlage des Friedens ist. Die Grundlage des Strebens allerdings, das vielleicht ebenso wichtig ist, ist das Vorhandensein eines, wenn auch vagen Zieles, das allein sinnstiftend scheint.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcberall beobachten wir vielf\u00e4ltige Experimente, deren Ergebnis ungewiss ist und von denen einige gelingen, w\u00e4hrend andere nur von kurzer Dauer sind\u201c, wollen wir Prigogine und Isabelle Stengers 1980 schlie\u00dfen lassen. <\/p>\n<p>Gern w\u00fcrden wir diesen Optimismus teilen. Doch wie viele sehen wir, die ihr Leben einfach dahinbringen, vielleicht auch das: eines der Experimente. Man soll sich ja auch nicht \u00fcber Geb\u00fchr in Geistiges hineinsteigern, wenn einem im Streben nicht gerade diese eine der Aufgaben zugedacht ist.<\/p>\n<p>Auch Lukrez war ein solcher Tr\u00e4umer und Optimist, wenn er sagt:<\/p>\n<p>Dass die Natur f\u00fcr sich so hei\u00df nichts fordert, als dass wir,<\/p>\n<p>Ist nur der K\u00f6rper von Schmerzen befreit, <\/p>\n<p>des Geistes genie\u00dfen,<\/p>\n<p>Frohen Gef\u00fchls, entfernet von Furcht und jeglicher Sorge.<\/p>\n<p>Lukrez, \u00dcber die Natur der Dinge, 2. Buch Vers 16-18<\/p>\n<p><em>C. R. in Zeuthen, den 17.5.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Deklination der Atome Wenn hier von Atomen die Rede ist, so k\u00f6nnten das auch andere Urk\u00f6rper sein, wie zum Beispiel die Lichtteilchen, die Photonen oder die Globuli, wie sie Newton nannte, der, nachdem er der Welt die hellsten Erkenntnisse&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4251\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-4251","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4251"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4252,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4251\/revisions\/4252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}