{"id":4224,"date":"2023-04-30T10:00:14","date_gmt":"2023-04-30T08:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4224"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"der-chemiker-scheint-der-wahrheit-naeher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4224","title":{"rendered":"Der Chemiker scheint der Wahrheit n\u00e4her"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Chemiker scheint der Wahrheit n\u00e4her<\/strong><\/p>\n<p><em>Mechanik<\/em><\/p>\n<p>Alle so genannten Modelle, die wir in der Physik zu Rate ziehen, um etwas richtig zu verstehen, sind mechanischer Natur. Der Prototyp des Mechanismus ist ein Uhrwerk, das wir heute kaum noch benutzen, und vielleicht liegt es daran, dass wir mehr und mehr beginnen, uns von mechanischen Vorstellungen zu l\u00f6sen. <\/p>\n<p>In einem Uhrwerk greifen die Zahnr\u00e4der ineinander, bewegen sich gesetzm\u00e4\u00dfig, und jede Ungenauigkeit der Bewegung l\u00e4sst sich auf irgendwelche klaren Dinge zur\u00fcckf\u00fchren. So ist das Ineinandergreifen der Zahnr\u00e4der mit Reibung verbunden, die mechanische Energie in W\u00e4rme umwandelt, was man als den Grund ansehen kann, dass das Pendel nicht unendlich lange schwingt und man die Uhr aufziehen muss. Auch die Reibung des Pendels an der Luft l\u00e4sst sich auf diesem Wege einbeziehen. Wenn zwischen den Zahnr\u00e4dern ein Spiel oder eine zeitabh\u00e4ngige Reibung auftritt, dann hat das seinen Grund in mechanischen Ungenauigkeiten der Ausf\u00fchrung der Zahnr\u00e4der, und letztlich hat eine immer genauere Fertigung der Elemente zu einer immer h\u00f6heren Ganggenauigkeit gef\u00fchrt, bis man zu v\u00f6llig anderen Prinzipien \u00fcbergegangen ist. <\/p>\n<p><em>Atome<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn man die Welt sich aus Atomen aufgebaut denkt, \u00e4ndert das nicht viel an diesen Vorstellungen, denn sie sind derart klein und ihre Bewegungen sind derart statistisch, dass man dennoch ganz gut bei dem Bild der mechanischen Bewegung bleiben kann.<\/p>\n<p><em>Chemiker und Biologe<\/em><\/p>\n<p>Soweit erscheint ziemlich klar, was mechanisch ist, aber das Bild geht in der Wissenschaft noch weiter. Der Chemiker stellt sich die Atome als kleine bunte B\u00e4lle vor, jede Atomsorte mit einer anderen Farbe, und sofern der Durchmesser bekannt ist, auch mit unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen. Der Biologe schlie\u00dflich, der mit dem organischen Leben zu tun hat, stellt sich alles von physikalischen und chemischen Gesetzen bestimmt vor und symbolisiert das gr\u00f6\u00dfte Geheimnis, die Vererbung, mit einer kleinen Maschine, die aus in der Zellfl\u00fcssigkeit schwimmenden Ketten besteht, die dann wie ein Schl\u00fcssel in ein Schl\u00fcsselloch passend einen bestimmten Code kopieren und \u00fcbertragen. Nur letzterer ist mit unangenehmen Fragen konfrontiert: \u201eWorin besteht denn nun das Leben, das uns so ins Auge springt, das sich \u00fcber Millionen Jahre entwickeln konnte und uns heute all die Vielfalt und Sch\u00f6nheit darbietet, an der wir uns auf unserem Planeten freuen k\u00f6nnen?\u201c <\/p>\n<p><em>Ratlos?<\/em><\/p>\n<p>Der Biologe ist ratlos, schielt auf den Physiker, der aber den Kopf sch\u00fcttelt und sagt: \u201eWir besch\u00e4ftigen uns auch nur noch mit den toten Dingen. &#8211; Daf\u00fcr aber mit den grunds\u00e4tzlichsten Fragen der Materie.\u201c Da sucht der Biologe Rat bei dem Chemiker, und dieser sagt: \u201eWir sind zwar keine Mechaniker, denn die Substanzen, mit denen wir uns besch\u00e4ftigen zeigen Hydrophobie, Hydrophilie, Reaktions-freude oder -tr\u00e4gheit. Das ist sicher keine Mechanik, das ist Chemie. Aber mit dem Leben haben wir auch nichts am Hut, es sei denn im Arbeitsschutz.\u201c <\/p>\n<p><em>Psychologe der Substanzen<\/em><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nun auf, dass der Chemiker erst wie ein Arzt gesprochen hat: Hydrophobie, Hydrophilie, dann wie ein Sportreporter: Reaktionsfreude, Reaktionstr\u00e4gheit. Wollte man einen durchg\u00e4ngigen Bergriff f\u00fcr seine Betrachtungsweise finden, so h\u00f6rt sich das an, wie ein Psychologe der Substanzen. Darauf aufmerksam gemacht, weist der Chemiker das von sich, das seien eben nur so Bilder, die aus dem Lebensbereich entlehnt sind, um die Sache anschaulich zu machen.<\/p>\n<p>Wie die Chemie solche Bilder gebraucht, die wir nicht ohne weiteres als mechanisch einordnen wollen, und wie sie in Verbindung stehen mit dem menschlichen Bewusstsein, hat Goethe einmal darzustellen versucht in seinen Wahlverwandtschaften: <\/p>\n<p><em>Wahlverwandtschaften<\/em><\/p>\n<p>Ich habe das Buch gerade nicht zur Hand und es w\u00e4re wohl auch m\u00fc\u00dfig dieses Kunstwerk durch Zitate wiedergeben zu wollen, so will ich es aus dem Ged\u00e4chtnis versuchen. Eine Substanz, es sei im einfachsten Fall ein Salz, das aus den beiden Substanzen A und B besteht, bildet ein Paar. Der Vergleich mit dem einsam lebenden Ehepaar, das sich auf seinem l\u00e4ndlichen Anwesen langweilt, ist nur zu naheliegend. Dieses Paar lebt in Liebe und Eintracht, bis sie aus Langerweile je eine weitere Person einladen, die ihnen die Tage verk\u00fcrzen sollen. <\/p>\n<p>Es sind dies ein Hauptmann und eine junge Dame Ottilie, deren Liebreiz zwar nicht beschrieben wird, den zu ahnen uns aber der Dichter Anlass gibt. Diese beiden Personen kann man in nicht vollkommener Analogie als<br \/>\nCD bezeichnen, denn sie sind ja in der menschlichen Form kein Paar. <\/p>\n<p>In der Chemie w\u00e4re das eine S\u00e4ure, die selbst so ein Paar darstellt, aber da es nicht vollkommen pervers in dieser Geschichte zugeht, sind das zwei tugendhafte unabh\u00e4ngige Personen.<\/p>\n<p>Nun kommt es zum Fall der Wahl: A-Eduard verliebt sich in C-Ottilie, B-Charlotte wird aus dem Salz verdr\u00e4ngt und geht halb notgedrungen eine Bindung mit D, dem Hauptmann ein. Als man noch gar nichts von der Parabel ahnt, wird diese Begebenheit aus der Naturwissenschaft abends am Kamin vorgelesen, denn alle vier begeistern sich f\u00fcr solche Darlegungen, und bei dieser Gelegenheit kommt es zu einer Erscheinung, die wir heute wohl nicht mehr kennen: <\/p>\n<p>Die Damen empfinden ein lebhaftes Mitgef\u00fchl mit den Substanzen. Sie bedauern die Aufl\u00f6sung des Paares AB und machen sich lebhafte Sorgen um das Schicksal der Reaktionspartner. Das ganze delikate Geschehen des Romans, dass sich, wie wir gesehen haben, nicht auf eine blo\u00dfe Kopie des in der Natur Vorgefundenen beschr\u00e4nkt, entwickelt sich mit Anstand und gegenseitiger R\u00fccksichtnahme und nimmt mit dem Tod zweier Teilnehmer ein tragisches aber ebenso getragenes Ende. <\/p>\n<p>Goethes Frau, Christiane soll emp\u00f6rt gewesen sein \u00fcber den skandal\u00f6sen Roman, der da verfasst wurde, und in der Tat ist es wohl ein hei\u00dfes Eisen, das er da angefasst hat, aber der Nachruhm, wenn dieser ein Ma\u00df von Qualit\u00e4t sein sollte, gibt dem Meister recht.<\/p>\n<p>Indem nun der Chemiker seinen Substanzen solche Charaktereigenschaften beilegt, macht er nichts weiter, als uns eine einfache Richtschnur f\u00fcr den Umgang zu geben. Wir brauchen nicht erst zu versuchen, ob eine starke S\u00e4ure auch unsere Haut zerfressen wird, wenn sie damit in Ber\u00fchrung kommt, sondern die allgemeine Reaktionsfreude gibt gen\u00fcgend Anlass zur Vorsicht auch bei noch nicht erprobter Reaktion. <\/p>\n<p><em>Was lernt man?<\/em><\/p>\n<p>Dennoch wollen wir die verbalen Entgleisungen der Chemiker nicht einfach ad acta legen, sondern noch ein bisschen dabei verweilen. Neben den mechanischen K\u00fcgelchen benutzt der Chemiker offenbar eine bildhafte Sprache, um darin etwas auszudr\u00fccken, das sich so wohl am besten wiedergeben l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Wenn wir bei dem interessanten Gebiet der Liebe bleiben wollen, so sieht man diese als sicher an, wenn die Chemie stimmt. Das hei\u00dft noch nicht romantische Liebe mit all ihren H\u00f6hen, Tiefen und unvergleichlicher Romantik, aber das, was in der Natur notwendig ist, um als Paar zu existieren, sei immerhin gegeben. <\/p>\n<p>\u00dcbrigens kann die Chemie ja nicht nur zwischen verliebten Menschen stimmen, sondern auch zwischen M\u00e4nnern oder Frauen, die nie die Absicht haben, miteinander ins Bett zu steigen. Das ist also bei aller Verschwommenheit ein Ma\u00df der Stimmigkeit zwischen zwei Partnern, und die Chemie stimmt immer noch, wenn man sich dann doch eher mal f\u00fcr einen anderen entscheidet. <\/p>\n<p>Also die Chemie beansprucht nicht, das Geheimnis der Liebe zu kl\u00e4ren, sie beschr\u00e4nkt sich auf die vern\u00fcnftige, aber immerhin auch schon unfassbare Seite. Es kann nicht dazu dienen, solche Gleichungen aufzustellen, wie: Sie schl\u00e4ft gern lange und er steht stets fr\u00fch auf, um ihr das Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett zu bringen. Oder er spielt Klavier und sie lauscht f\u00fcr ihr Leben gern dem Piano. Wenn wir feststellen: Zwischen den beiden stimmt die Chemie, dann verlangt man von uns keine weitere Erkl\u00e4rung, denn das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Eindruck einer Tatsache, also etwas, das sich in uns festgesetzt hat. Und wir haben ja schlie\u00dflich Erfahrung.<\/p>\n<p><em>Wieder nur Mechanik?<\/em><\/p>\n<p>Wenn der Chemiker also so etwas ist wie der Psychologe der Substanzen und somit der Atome ist, dann kommt ihm allerdings der Physiker in die Quere und sagt: \u201eDas was Du Psychologie nennst, ich kann es erkl\u00e4ren! Wenn sich zwei Atome miteinander verbinden, dann hat das rein energetische Ursachen. <\/p>\n<p>Wenn AB mit CD zusammensto\u00dfen, dann ist das so, dass die Kombination AC und BD eine niedrigere Energie besitzt. Deshalb gehen die fremd.\u201c Der Chemiker ist nun platt. Das, was er eben noch mit psychologischen Begriffen belegte, hat nun eine berechenbare Grundlage. Der Physiker gibt nun eine l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung ab, berechnet die Energie des Systems AB und CD und von AC und BD und weist nach, dass im zweiten Fall die Gesamtenergie kleiner ist und die \u00fcbersch\u00fcssige Energie als W\u00e4rme abgeht. <\/p>\n<p>Der Chemiker fragt, wie denn die Lehre hei\u00dfe, die solche Berechnungen erlaubt. Der Physiker ist sicher, den anderen zu beeindrucken, indem er sagt, das sei die<br \/>\nQuantenmechanik. Die meisten Menschen k\u00f6nnen sich darunter nichts vorstellen, so auch der Chemiker. Trotzdem bem\u00e4ngelt er: \u201eDas soll alles mechanische Ursachen haben, wenn es sich dabei um eine Mechanik handelt?\u201c <\/p>\n<p>Der Physiker ist unwirsch, dass der Chemiker das jetzt an einem unzul\u00e4nglichen Namen aufh\u00e4ngen m\u00f6chte und will sich retten, indem er sagt, es g\u00e4be auch die Quantenelektrodynamik. \u201eAber das ist doch auch eine Mechanik, nur eben die von bewegten K\u00f6rpern\u201c, l\u00e4sst der Chemiker nicht locker. \u201eDann eben Quantentheorie. Sie stimmt aber hervorragend mit der Natur \u00fcberein.\u201c \u201eAha, eine Theorie also\u201c, sagt der praktische Chemiker nicht sehr beeindruckt.<\/p>\n<p><em>Psychologie?<\/em><\/p>\n<p>Wir wissen es nun nach Jahren besser, das wurde ja fast alles schon vor 1927 erfunden. Es handelt sich dabei wirklich um eine Mechanik, denn sie beschreibt per se tote Dinge, die keinesfalls mehr eine Psychologie haben d\u00fcrfen, die wir ja nicht nur dem Menschen zuschreiben, denn schlie\u00dflich gibt es auch eine Tierpsychologie. <\/p>\n<p>Wir wissen, dass Psychologie eben nicht mechanisch ist, sondern eine unersch\u00f6pfliche Quelle der Erforschung, wahrscheinlich sogar die Beschreibung des Lebens selbst. Also auch eine Pflanzenpsychologie, eine Stein-, eine Elektronen- und Photonenpsychologie? Wir wissen, dass es das nicht gibt, dass nur die Esoteriker einen Einfluss der Pflanzen auf unsere Psyche und eine Psyche in ihnen sehen. Auch die Steine und das ganze Universum bleiben nicht verschont, und schon werden ihnen magische Kr\u00e4fte einger\u00e4umt. <\/p>\n<p>All das darf man heute denken, schreiben und publizieren, und es unterziehen sich wesentlich mehr Menschen der M\u00fche, das zu verstehen, als dass sie zum Beispiel versuchen die Gedanken des Physikers nachzuvollziehen.<br \/>\nUm das richtig zu sehen, m\u00fcssten wir uns in das Reich der Mathematik, der Symbole begeben, und das liegt den Wenigsten. <\/p>\n<p>Es gibt eine ganze Reihe von Physikern, die f\u00fcr die Quantenmechanik sogar einen Nobelpreis bekommen haben, die aber trotzdem selbst an der Richtigkeit dieser Modelle zweifelten. <\/p>\n<p><em>Radioaktiv<\/em><\/p>\n<p>Als Beispiel wollen wir einen Prozess nehmen, der gar nicht durch die Quantenmechanik beschrieben wird, der aber am einfachsten das Problem veranschaulicht: Wie jeder wei\u00df, k\u00f6nnen Atome zerfallen. Sie verwandeln sich dann in kleinere Bruchst\u00fccke und senden dabei manchmal Strahlung und andere Teilchen aus. Das ist besonders ausgepr\u00e4gt bei radioaktivem Material, das manchmal schon nach wenigen Jahren zerf\u00e4llt. Hat man eine gr\u00f6\u00dfere Menge von diesem Stoff, sagen wir ein paar Gramm, dann kann man die Strahlung messen und daraus schlie\u00dfen, wie viele Atome pro Zeiteinheit zerfallen. <\/p>\n<p>Wenn noch ziemlich viele Atome in ihrem urspr\u00fcnglichen Zustand da sind, dann zerfallen sehr viele, und mit der Zeit werden es immer weniger, denn irgendwann sind ja die meisten schon zerfallen und das Angebot an unzerfallenen Atomen wird immer geringer. <\/p>\n<p><em>Zufall?<\/em><\/p>\n<p>Der Zeitpunkt, wann ein konkretes Atom zerf\u00e4llt, ist nicht genau bestimmt. Lange tat man sich schwer und versuchte herauszubekommen, wodurch dieser Zeitpunkt bestimmt ist, und fand nichts, bis man sich endg\u00fcltig entschloss, das als einen vollst\u00e4ndigen Zufall anzusehen, der nur einem statistischen Gesetz folgt, n\u00e4mlich einer bestimmten Zerfallskurve. Wenn man sich die Funktion f\u00fcr viele Atome anguckt, dann sagt das \u00fcber das konkrete Ereignis aus, dass es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nach einer gewissen Zeit eintritt, und das sei alles, was man herausbekommen kann.<\/p>\n<p>Das bedeutet nun aber sehr viel, weil dieser Zerfall ja etwas ausl\u00f6sen kann. Wir erfahren es etwa durch den Lichtblitz, den das zerfallende Atom aussendet. Uns k\u00f6nnte das egal sein, aber w\u00e4re dieses Atom der Z\u00fcnder einer Bombe, so w\u00fcrde sie zu einem Zeitpunkt explodieren, der durch das Atom vorgegeben ist. Der Zeitpunkt w\u00e4re dann ebenfalls ein absoluter Zufall. <\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten nur sagen, dass sie mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit nach der und der Zeit explodiert. Das konkrete Ereignis hat also keine Ursache, sondern bricht \u00fcber uns herein, wie das Leben selbst.<\/p>\n<p><em>Die Freiheit des Atoms<\/em><\/p>\n<p>Nun kommt die Crux. Wenn man dem Atom eine Freiheit zuschreibt, sich f\u00fcr den Zerfall zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst zu entscheiden, dann w\u00e4re das eben eine Entscheidung des freien Willens und wir m\u00fcssten dem Atom ein Bewusstsein zuschreiben. <\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner freier Wille sei das, der erlaubt zu einem bestimmten Zeitpunkt eine genau vorgegebene<br \/>\nSache zu machen! Aber wir werden sehen, dass es ich dabei um einen komplizierten Vorgang handelt, den nicht einmal wir Menschen nachvollziehen k\u00f6nnten, wollten wir mal so ein Ensemble von sagen wir 8 Milliarden Atomen spielen. <\/p>\n<p><em>Das Gedankenexperiment<\/em><\/p>\n<p>Dazu erinnern wir uns an die Tatsache, dass solch ein Ensemble die von uns beobachteten Naturgesetze einhalten muss. Die Zerfallskurve muss ziemlich genau eingehalten werden, und zwar umso genauer, je mehr Atome wir in dem Ensemble sind. Das sind die Gesetze der Statistik. Und das Gesetz der Physik gibt vor, wie genau diese Zerfallskurve auszusehen hat, und alles muss perfekt zuf\u00e4llig erscheinen.<\/p>\n<p>Die ganze Menschheit spielt nun also so ein atomares System. Jeder hat einen roten Knopf, auf den er nur einmal dr\u00fccken kann, dann hat der \u201eZerfall\u201c stattgefunden und denjenige ist aus dem Spiel. Diese \u201eZerf\u00e4lle\u201c werden auf einem Computer gesammelt und in einer Kurve im Fernsehen \u00fcbertragen . Wir sehen also die Sollkurve, das Naturgesetz, und eine Istkurve, die genau die Anzahl der bereits gedr\u00fcckten Kn\u00f6pfe registriert. <\/p>\n<p>Die Messung beginnt: Eine Menge unbedarfter Leute dr\u00fccken gleich einmal auf den Knopf und man registriert eine ordentliche Zerfallsrate. Dann sieht man allerdings, dass die Kurve zu hoch liegt, und viele entscheiden sich lieber etwas zu warten, um im entscheidenden Moment einzugreifen. Jeder kann ja nur einmal dr\u00fccken, also muss man sich schon genau \u00fcberlegen, wann man das letztendlich tut, ob man sich selbst aufspart, bis es mal so bedrohlich aussieht, dass man sich selbst einbringen muss, oder eben warten und warten, bis die Kurve ganz weit abgeklungen ist und man vielleicht sogar der letzte ist, der auf den Knopf dr\u00fcckt. <\/p>\n<p>W\u00e4re dieser Knopfdruck auch das wirkliche Ende dieses Teilnehmers, wie es bei dem Atom der Fall ist, dann w\u00fcrde vielleicht jeder warten, solange wie m\u00f6glich, und das ganze Experiment w\u00e4re im Eimer. Man kann sich vorstellen, wie schwierig die Einzelentscheidung sein w\u00fcrde, dass es vielleicht sogar zu Panik kommen k\u00f6nnte und mit einem Mal sehr viele Menschen dr\u00fccken w\u00fcrden. Ein vern\u00fcnftiges Experiment k\u00e4me wahrscheinlich nicht heraus.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist der Mensch, so er spielt.\u201c<br \/>\n(Schiller)<\/em><\/p>\n<p>Gute Chancen f\u00fcr einen exakten Ausgang des Experimentes best\u00fcnden dagegen, wenn die Menschen es als Nebensache ansehen w\u00fcrden, gelegentlich mal eben auf diesen kleinen roten Knopf zu dr\u00fccken, wenn sie spielen w\u00fcrden wie Kinder, die dann mal eben das rote Ding entdecken und mal draufdr\u00fccken, um zu sehen, was da passiert. Das w\u00e4re wesentlich entspannter und h\u00e4tte wahrscheinlich auch das richtige Ergebnis. Der Beobachter, dem sehr viel an diesen roten Kn\u00f6pfen gelegen ist, w\u00fcrde das Ergebnis als mittleren Intelligenzquotienten dieser Spieler ansehen und alles w\u00e4re in Ordnung. <\/p>\n<p>Das spielende Kind kann nat\u00fcrlich nicht wissen, ob es sich bei dem Knopf um eine Gefahr, eine gleichg\u00fcltige Sache handelt oder ob es eine Belohnung verspricht, denn es hat ja nur einen Versuch. Es sei denn, es w\u00fcrde bereits aus dem Beispiel der anderen die Konsequenzen erlernen, aber dann m\u00fcssten sie nicht nur selbst Bewusstsein haben, sondern auch auf die anderen achten, was zweifellos der Fall w\u00e4re. <\/p>\n<p>W\u00e4re das nicht sogar eine h\u00f6here Intelligenz zu nennen?<\/p>\n<p><em>Disziplin?<\/em><\/p>\n<p>Uns ist nicht bekannt, ob ein radioaktives Atom dahin strebt zu zerfallen, oder ob das als eine unangenehme Begleiterscheinung des manchmal kurzen Lebens angesehen wird. Deshalb k\u00f6nnen wir auch nicht entscheiden, ob sie klug oder unklug handeln, wenn sie sich entschlie\u00dfen auf den roten Knopf zu dr\u00fccken. W\u00fcrde das den Tod bedeuten, dann w\u00e4re ihre Disziplin, trotzdem irgendwann darauf zu dr\u00fccken, ein Opfer, wie es Soldaten bringen, die in den Krieg ziehen. <\/p>\n<p>W\u00e4re es mit der Belohnung verbunden, ein anderes Wesen zu werden oder eben einen niedrigeren Energiezustand anzunehmen, dann w\u00e4ren sie sehr geduldig, wenn sie dabei ein solches statistisches Gesetz einhielten, was, wie wir oben gesehen haben, so etwas wie eine kollektive Weisheit voraussetzt.<\/p>\n<p>Wir sehen, eine ganze Welt k\u00f6nnte sich hinter dieser Statistik verbergen und es ist nicht ganz auszuschlie\u00dfen, dass es sich dabei um Entit\u00e4ten handelt, die ein Eigenleben f\u00fchren, von dem wir aber nur sehr wenig wissen. Ein Gebiet, das seit geraumer Zeit der Metaphysik zugerechnet wird, den Bereichen, \u00fcber die wir nichts erfahren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>F\u00fcr andere Systeme ist bereits bewiesen, dass es keine zus\u00e4tzlichen Parameter gibt, die die gew\u00fcnschte vollst\u00e4ndige Beschreibung erm\u00f6glichen. <\/p>\n<p><em>Das geheimnisvolle Reich<\/em><\/p>\n<p>Wir wollen diese Grenze des Erfahrbaren mal einfach anerkennen und uns fragen, was in diesem geheimnisvollen Reich sein k\u00f6nnte, das wir den Mikrokosmos nennen. Wenn es dort eine Psyche geben sollte, dann k\u00f6nnen wir getrost unsere eigene als Ma\u00dfstab nehmen, um den Umgang damit zu regeln. F\u00fcr das erste stellen wir fest, dass wir dann von den Motiven des Atoms oder eines anderen Mikroteilchens wenig wissen, auch nicht von dem Reifegrad dieser Psyche. <\/p>\n<p>Es bietet sich uns eine wahrscheinlich unzug\u00e4ngliche Welt dar, die sich in unserer Welt nur sehr einfach \u00e4u\u00dfert, wie in dem Beispiel mit den roten Kn\u00f6pfen. Dennoch sollte es m\u00f6glich sein, wenn wir nur diese nicht auszuschlie\u00dfende M\u00f6glichkeit einmal annehmen wollen, unser Gef\u00fchl so zu stimmen, dass wir uns hineindenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der erste Impuls w\u00e4re vielleicht, nun gar nichts mehr zu tun, nicht mehr zu atmen, oder wenigstens wie die Buddhisten jede Fliege von unserem Weg sanft fortzufegen, bevor wir unseren Fu\u00df auf den Fliegenschwarm von Elektronen setzen, aus denen der Asphalt sowohl als auch die Steine bestehen. Selbst das w\u00e4re zu unterlassen, da wir nicht wissen, welches Leid wir in die kleine Welt tragen.<\/p>\n<p>Das kann es sicher nicht sein. Unser Gef\u00fchl sagt uns, so unterschiedlich gebildet es auch sein mag, dass man wohl atmen, gehen, essen kann. Wenn wir aber unbedingt etwas wissen wollen, von dem bereits bekannt ist, dass es nicht gehen kann, wenn wir der Mikrowelt immer und immer wieder Sinnloses abgewinnen wollen, dann k\u00f6nnte es schon einmal sein, dass diese kleinen Wesen, von denen wir noch gar nicht wissen, wie m\u00e4chtig sie sind, einmal der Geduldsfaden rei\u00dft und sie ihre Disziplin aufgeben. <\/p>\n<p>Von einigen Physikern und Philosophen wurde schon die Frage er\u00f6rtert, ob nicht vielleicht unsere unstrittige Freiheit eigentlich die Freiheit dieser Atome ist. Das wurde abgelehnt, denn die Wirkungen eines einzelnen Atoms werden als zu klein angesehen und nichts deutet darauf hin, dass sich ohne unser Zutun, ein einzelnes Atom quasi zum Diktator aufschwingen w\u00fcrde und alle anderen so synchronisiert, dass es zu einer handfesten Wirkung kommt. Es k\u00f6nne nicht sein, dass ein genialer Gedanke von Einstein von einem einzelnen Atom ausgel\u00f6st wurde, meint Sir Arthur Stanley Eddington, einer der wenigen, die \u00fcber solche Fragen je nachdachten. <\/p>\n<p>Dem kann man nur zustimmen, so kann man sich die Welt nicht vorstellen, unser Makrokosmos gesteuert von einem Mikrokosmos. Aber wir befinden uns auf schwankendem Boden, mitten in der Metaphysik, wo es kaum eine Richtschnur gibt, wann dort eine Wahrheit gefunden ist. Manchmal wurde ein Gebiet der Metaphysik zugerechnet, das sich dann sp\u00e4ter als doch wahrnehmbar herausstellte. Nur daran k\u00f6nnen wir die Wahrheiten, die auf diesem Wege gefunden wurden, messen. Oft genug waren sie richtig, wie die Atomhypothese, oft genug waren sie falsch.<\/p>\n<p>Ein Wahrheitskriterium k\u00f6nnte die Poesie einer Hypothese sein, weshalb wir uns hier des k\u00fcnstlerischen nicht ganz verschlie\u00dfen und versuchen, uns vern\u00fcnftig auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wo nun nach und nach die mechanischen Uhren nicht mehr unsere Wahrnehmung verkleistern, k\u00f6nnte es sein, dass wir uns in Ruhe dieser M\u00f6glichkeit widmen k\u00f6nnten, denn mehr ist es ja auch nicht, als eben eine M\u00f6glichkeit. Die ersten Kolonisatoren, als sie die Neger sahen, gingen nicht davon aus, dass es sich bei diesen um Menschen handelt, sondern irgendwie niedere Wesen. In den Zeiten der mechanischen Uhren, der Autorit\u00e4ten, des Ehrgeizes, der Technik entstand die Quantenmechanik. Jetzt stagniert das Ganze schon eine geraume Zeit, Zeit zum Nachdenken, zum Mitf\u00fchlen.<\/p>\n<p><em>C.R. 14.01.2006<\/em><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3559\">Leben in der Physik<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chemiker scheint der Wahrheit n\u00e4her Mechanik Alle so genannten Modelle, die wir in der Physik zu Rate ziehen, um etwas richtig zu verstehen, sind mechanischer Natur. Der Prototyp des Mechanismus ist ein Uhrwerk, das wir heute kaum noch benutzen,&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4224\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-4224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4224"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4228,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4224\/revisions\/4228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}