{"id":4221,"date":"2023-04-23T10:00:51","date_gmt":"2023-04-23T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4221"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"johann-friedrich-herbart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4221","title":{"rendered":"Johann Friedrich Herbart"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johann Friedrich Herbart<\/strong><\/p>\n<p>Es ist mir fast unerkl\u00e4rlich, wie ich mich in einen der Altvorderen verlieben konnte, von dem ich erfahren musste, dass Platon die Dichter aus der Akademie verjagte, wo ich mich doch fast eingeschlossen f\u00fchlen muss. Ein Mensch auch, der jeglichem Scherz, jedem Spiel als Verw\u00e4sserung des Ernstes der Tage abhold war, die zu seinen Zeiten wohl die des Vorm\u00e4rz waren, er aber nun auch gar kein politischer Mensch gewesen zu sein scheint, weil diese Tagesfragen wiederum der reinen Wissenschaft, wie man sie an zweien ihrer Horte, an denen er sich aufhielt, in G\u00f6ttingen und K\u00f6nigsberg, zu pflegen hatte, abtr\u00e4glich waren. Selbst kinderlos hatte er sich der Psychologie und P\u00e4dagogik verschrieben, auf die sich heute noch sein Ruhm gr\u00fcndet, und die mir aber v\u00f6llig undurchdringlich erscheinen, wo man eigentlich nur das Handtuch werfen kann unter heutigen Bedingungen, unter denen man allgemein und systemisch gem\u00fctskrank ist und die Sch\u00fcler der Spielsucht hoffnungslos verfallen scheinen. Dem kann man nicht mehr mit Konzepten begegnen, da kann man nur noch seinen pers\u00f6nlichen Reim drauf zurechtmachen und versuchen etwas zu tun.<\/p>\n<p>Und dann eben noch die Metaphysik, die sich hineinsteigert in logische Konstruktionen \u00fcber Materie und Bewusstsein, die wortreich sind und in den physikalischen Vorstellungen der Zeit gem\u00e4\u00df geradezu infantil vorgetragen werden und auf der die ganze B\u00fcrde der Scholastik noch lastet. Das alles war noch so an den Mann zu bringen, dass man gen\u00fcgend H\u00f6rer hatte, f\u00fcr eintr\u00e4gliche Kolleggelder, und zudem kann man heute zweifeln, ob Universit\u00e4ten, die auf Glanz nach au\u00dfen eingestellt sind und jedes dort t\u00e4tige Ich sich selbst so gut wie m\u00f6glich zu verkaufen sucht, noch wirklich als die Horte origineller Ideen gelten k\u00f6nnen. Heute hat jeder, wenn er die gewonnene Freizeit nur darauf verwenden m\u00f6chte, die M\u00f6glichkeit zu schreiben und das Problem besteht eben eher darin, dass es inzwischen mehr Schreiber als Leser gibt.<\/p>\n<p>Herbart f\u00fchrt in seiner Metaphysik ein Modell aus, das meinen Vorstellungen sehr nahe kommt. Nicht nur, dass er dem Idealismus eine Absage erteilt und meint diesen widerlegt zu haben. Er sieht zwar vollkommen die Bedingtheit der Wahrnehmungen, aber vermutet hinter dem Schein, mit dem wir es immer zu tun haben und zu dem er auch Raum und Zeit z\u00e4hlt, dennoch reale Dinge, n\u00e4mlich einfache Wesen, die einzig real sein sollten.<\/p>\n<p>Diese einfachen Wesen k\u00f6nnten die Elementarteilchen sein, wenn man die moderne Physik nimmt, die vermutet, dass selbst das Vakuum ausgef\u00fcllt ist mit Teilchen, die sich gegenseitig kompensieren und bei Energiezufuhr aus diesem auftauchen k\u00f6nnen, also unseren Sinnen und Instrumenten zug\u00e4nglich werden.<\/p>\n<p>Das kann er nicht richtig deutlich machen, was er mit den einfachen Wesen meint, aber ein Rezensent hat es herausgelesen: <\/p>\n<p> Wie wenig wir darum auch geneigt sind die Ableitung der \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse aus den inneren Zust\u00e4nden einfacher Wesen zu verwerfen und damit einen viel verhei\u00dfenden Erkl\u00e4rungsgrund von vornherein aufzugeben: \u00fcberzeugen k\u00f6nnen wir uns nicht, dass er f\u00fcr sich genommen zur Ableitung der R\u00e4umlichkeit und ihrer Erscheinungen hinreichen sollte.<\/p>\n<p>Nach seiner Metaphysik, die in dieser Beziehung wirklich diesen Namen verdient, bieten diese einfachen Wesen uns Erscheinungen dar, also ein Bild ihrer selbst, das ihnen nicht mehr und damit auch nicht der Realit\u00e4t zuzurechnen ist, und r\u00e4umliche und zeitliche Bez\u00fcge w\u00e4ren dann eine Konstruktion des Subjekts, oder wie das Modewort damals hie\u00df, des Ich.<\/p>\n<p>Diese einfachen Wesen, und einfach sollten sie sein, weil sie nur \u00fcber eine Qualit\u00e4t verf\u00fcgen, und das sei die Selbsterhaltung, sollen dennoch die vielf\u00e4ltigen Erscheinungen hervorrufen, mit denen wir es in der Natur zu tun haben, die man dann aber als m\u00f6gliche Gedankengebilde weniger zu achten h\u00e4tte. Solche kleinen Zauberer, die zudem eben die Realit\u00e4t ausmachen sollen, k\u00f6nnte man aber gar nicht genug achten. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Wirkung der einfachen Wesen bis in all die Erscheinungen, mit denen wir es zu tun haben, hineinreicht. Dann entf\u00e4llt auch die Bedingung, dass sie einfach sein m\u00fcssen und nur \u00fcber die Qualit\u00e4t der Selbsterhaltung verf\u00fcgen, dann k\u00f6nnen es ganze Welten sein, man stelle sich vor, jedes Teilchen der Mikrowelt k\u00f6nnte eine ganze Welt sein.<\/p>\n<p>Gustav Theodor Fechner, den wir letztens in Berlin zu Gast hatten und der immerhin die Poesie gelten l\u00e4sst, zog nun die Materie zu Atomen zusammen, die nach seinen Vorstellungen mathematische Punkte seien, wo dann freilich gar kein Platz mehr ist f\u00fcr jegliche Qualit\u00e4t, sondern sieht solche nur in den Beziehungen der Atome zueinander.<\/p>\n<p>Fechners Lieblingsdichter ist Friedrich R\u00fcckert und ich will hier sinngem\u00e4\u00df einige Verse von diesem wiedergeben:<\/p>\n<p>Nicht fertig ist die Welt, sie ist im ew\u2019gen Werden<br \/>\nUnd ihre Freiheit m\u00f6cht\u2018 die Deine nicht gef\u00e4hrden<br \/>\nMit totem R\u00e4derwerk greift sie nicht in Dich ein<br \/>\nDu bist ein Lebenstrieb ihr, gro\u00df wie klein<br \/>\nSie strebt nach ihrem Ziele zu \u2013 mit allen Geistern ringend<br \/>\nUnd nur, wenn auch Dein Geist ihr hilft, wird\u2019s ihr gelingend<\/p>\n<p>Das kommt schon der bei Dante in seiner Monarchia entdeckten Verantwortung der Menschheit f\u00fcr die Natur, also all das, was die Menschheit ist und sie umgibt, sehr nahe.<\/p>\n<p>Wir wollen auch noch einen Unbekannten aus der Versenkung holen, den Fechner in seinem Buch Zend Avesta zitiert, einen gewissen Schaller:<\/p>\n<p>Es ist nicht nur eine poetische Lizenz, wenn die ganze nat\u00fcrliche Umgebung des Menschen als empfindend dargestellt wird, wenn der Mensch die Natur zum Mitgef\u00fchle auffordert, wenn er sie befragt, wenn er ihr seine Freude, sein Leid mitteilt.<\/p>\n<p>Einem religi\u00f6sen Menschen mag es ungew\u00f6hnlich erscheinen, sich mit der Bitte um Mitgef\u00fchl nicht an Gott, sondern an die Natur zu wenden und ist vielleicht ein R\u00fcckfall oder auch eine R\u00fcckbesinnung an die Zeiten, wo Gottheiten in der Natur verehrt wurden. Wohl indem die Natur immer mehr erkannt wurde, wurden die Gottesvorstellungen immer mehr vergeistigt und auf einer Wolke schwebend mit seinen Engeln zur Seite denkt ihn sich wohl heute keiner mehr, und dennoch sagt die Sixtinische Kapelle mit der Erweckung Adams durch Gott sicher etwas Wahres aus.<\/p>\n<p>Auch Fechner ist sehr gottesf\u00fcrchtig und nimmt die Elemente der Natur, wie die Mutter Erde nur vorsichtig mit hinzu, w\u00e4hrend in der Metaphysik Herbarts von Gott gar keine Rede ist.<\/p>\n<p>Sollte man nun so weit gehen, dass man der Realit\u00e4t nur die einfachen Wesen zurechnet und diese vielleicht sogar als die Leibnizschen Monaden ansehen, diese fensterlosen Wesen, in denen es aber bei weitem nicht so einfach zugehen m\u00fcsste. In praktischer Hinsicht, ist das eigentlich sehr egal. Sollten wir auch nur in einer Scheinwelt leben, die aus diesen Wesen heraus uns vorgespiegelt wird, so h\u00e4tten wir doch eine andere Verantwortung daraus, und Trost k\u00e4me uns ohnehin nur von Subjekten, die wir auch als solche anerkennen.<\/p>\n<p>Dann doch lieber den Trost und gleichzeitig die Verantwortung etwas n\u00e4her und f\u00fcr jeden erlebbar, angefangen von unserem eigenen Geist und K\u00f6rper, \u00fcber unser Haustier oder die Zimmerpflanze bis hin zum Klimawandel, und nicht zu vergessen die anderen Ichs, an denen wir das alles schon lange \u00fcben k\u00f6nnen, sollten wir \u00fcber eine Moral verf\u00fcgen, und die uns eine Folie sein sollten, wie wir uns das allerkleinste und allergr\u00f6\u00dfte vorzustellen h\u00e4tten.<\/p>\n<p><em>C. R. 20.4.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Friedrich Herbart Es ist mir fast unerkl\u00e4rlich, wie ich mich in einen der Altvorderen verlieben konnte, von dem ich erfahren musste, dass Platon die Dichter aus der Akademie verjagte, wo ich mich doch fast eingeschlossen f\u00fchlen muss. 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