{"id":4206,"date":"2023-04-04T18:58:35","date_gmt":"2023-04-04T16:58:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4206"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"fortsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4206","title":{"rendered":"Fortsetzung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fortsetzung<\/strong><\/p>\n<p>Ich unterhielt mich mit den Sowjetsoldaten, die eigentlich mit ihrem Kranwagen nach Nauen wollten, ich aber ins Hauptquartier nach W\u00fcnsdorf, was ja nicht gerade am Wege lag. Ich fragte sie, was sie von den Berliner Ereignissen wussten, und musste feststellen, dass sie keinerlei Plan davon hatten. Trotzdem haben sie den Umweg gemacht und mich nach W\u00fcnsdorf mit Kranwagen chauffiert. Bei Zossen auf einem Feld stand eine IL 62, ein Passagierflugzeug, das gut und gerne f\u00fcr das lachende Pferd und seinen Anhang ausgereicht h\u00e4tte, falls es nach einem Milit\u00e4rputsch zu ungem\u00fctlich werden sollte in Ostdeutschland. \u201eAlles klar\u201c, dachte ich mir, \u201eso etwas muss man eben zu bemerken verstehen und seine Schlussfolgerungen ziehen.\u201c Tats\u00e4chlich waren dann auch die Aufnahmeformalit\u00e4ten im Hauptquartier, dank des riesigen Kranwagens, sehr locker und einige Offiziere versammelten sich und h\u00f6rten sich meine Bitte, an zu Gorbatschow ausgeflogen zu werden, um ihm die Augen zu \u00f6ffnen und schon immer mal um Hilfe zu bitten. Zum ersten Mal als Copilot in einer Suchoi, einem D\u00fcsenj\u00e4gerzweisitzer, das war schon was und nat\u00fcrlich landeten wir nicht auf dem Roten Platz, wie zwei Jahre zuvor Mathias Rust, sondern in \u0428\u0435\u0440\u0435\u043c\u0435\u0442\u0435\u0432\u043e. Ich qu\u00e4lte mich aus dem Cockpit und nach geschwinder und kurzer Fahrt lief ich um den Kreml, bis zu dem Turmfenster des K\u00e4mmerleins, in dem immer Licht gebrannt hatte, weil der Genosse Stalin ja noch arbeitete. Es war aber an diesem denkw\u00fcrdigen 10. November dunkel und irgendwie gelangte ich durch salutierende Wachen bis an die Doppelt\u00fcr des Prunksaals, der nun wirklich erleuchtet war, wie man durch eine T\u00fcrritze (kein russisches Bauwerk ist ja ganz ohne Makel) bemerken konnte. Ich klopfte und von drinnen Gorbis geliebte Stimme (mitten in der Nacht): \u00ab\u0425\u0435\u043b\u043c\u0443\u0442?\u00bb \u00ab\u041d\u0435\u0442, \u044d\u0442\u043e \u044f, \u0442\u043e\u0432\u0430\u0440\u0438\u0449 \u043a\u0440\u0438\u0441\u0442\u044f\u043d.\u00bb Das war nat\u00fcrlich eine kleine Entt\u00e4uschung f\u00fcr ihn und nach \u0432\u044b\u043f\u0438\u0442\u044c war mir auch nicht gerade. Ziemlich blau\u00e4ugig sei er wohl, meinte ich noch, mit Verlaub, und ich kann von Gl\u00fcck reden, dass er zwar ablehnte, aber mir, begleitet von seinen guten W\u00fcnschen und die Erinnerung an sein Wort, dass angeblich das Leben denjenigen bestrafe, der zu sp\u00e4t komme, freundlicherweise einen seiner Senkrechtstarter zur Verf\u00fcgung stellte, mit dem ich dann, direkt vom Roten Platz, auf Grund der Zeitverschiebung fr\u00fcher wieder in W\u00fcnsdorf anlangte, als ich in Moskau abgeflogen war.<\/p>\n<p>Die Genossen Kommandeure, die immer noch am Tisch sa\u00dfen ( was m\u00fcssen Gener\u00e4le nicht alles leisten, nicht nur in tiefen Gedanken und innerer Zufriedenheit nach der Schlacht durch Leichenfelder schreiten, sondern auch N\u00e4chte durchwachen und dennoch am Morgen frische Befehle geben, die f\u00fcr den einen oder anderen das Ende bedeuten). Jedenfalls haben sie meinen kurzen Bericht dann cool hingenommen (auch wenn mich eine kleine Explosion an Bord ereilt h\u00e4tte, wie es Werner Lamberz, dem Kronprinzen, elf Jahre zuvor ergangen war). Sie verstanden meine Sorgen durchaus und empfahlen mir, die n\u00e4chste Dienstelle des Schildes der Nation aufzusuchen und mich dort aber nicht unn\u00f6tig aufzuhalten, wenn sie mich dort bitten sollten zu warten. Wie dieser Schild nun arbeitete, war mir weitgehend unbekannt, aber wo er zu finden war, wohl. An dieser Stelle f\u00e4llt mir ein, wie Eberhard Aurich, unser damaliger FDJ Oberster, der aber wohl nie bei der Armee war, monierte, mit welch unzureichenden Mitteln und Waffen und welch hohem Blutzoll der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg durch die Sowjetunion unter Stalin gewonnen wurde. Nat\u00fcrlich prangerte er das nicht in jener, sondern in der Jetztzeit an, wo jeglicher Tat, die ja der Vergangenheit und Unab\u00e4nderlichkeit anheimgefallen ist, die Spitze zum Besserwissen verbogen wird und so keinen mehr kratzt.<\/p>\n<p> Nun war ein beschwerlicher Fu\u00dfmarsch in dieser ereignisreichen Nacht zur\u00fcckzulegen, von einigen Kilometerchen, und ich hielt es f\u00fcr angezeigt, immer wenn ein Shiguli entgegenkam, mich lieber hinter einem Baum zu verbergen bis die Scheinwerfer vorbeigehuscht waren. Ein bisschen Schlaf h\u00e4tte jetzt gutgetan und ich wusste die Datscha eines Etablierten, in der alles liebevoll von dessen eigener Hand gefertigt war und ich mir so manche Nacht an meiner damaligen Frau \u201edie Z\u00e4hne ausgebissen hatte\u201c, wie ihre Mutter verst\u00e4ndnisinnig am Fr\u00fchst\u00fcckstisch bemerkt hatte. Die T\u00fcr lie\u00df sich leicht aufbrechen, was mir dann allerdings dessen leichten, und doch verst\u00e4ndnisvollen Unmut eintrug, als ich meine Tat gestand. Nach kurzem Schlaf noch ein paar Kilometerchen bis Zossen, wo mich dann, als ich eines dieser Schilderh\u00e4user zwar in Augenschein genommen hatte und dann doch nicht betrat (wie weit h\u00e4tte denn die Bewaffnung mit einem zwar n\u00fctzlichen und gutm\u00fctigen Rat der Offiziere gereicht?), eine fr\u00f6hliche Schar von jungen Westberlin-DDR-Touristen mitnahm bis Sch\u00f6nefeld.<\/p>\n<p>Den Schild und wohl auch das Schwert der Nation lie\u00df ich dann doch, nach der \u00dcberlegung, mich noch einmal dieser Entscheidung in K\u00f6nigs Wusterhausen zu stellen, lieber au\u00dfen vor, wo mir doch die Milit\u00e4rs nicht mal eine Makarow \u00fcberlassen hatten (welchen Colt doch jedes ZK Mitglied hatte, wie ich erst sp\u00e4ter mitkriegte und mit dem man kein offenes Scheunentor treffen konnte, wenn man davorstand. Jedenfalls reichten meine eigenen Fertigkeiten gerade so weit, wie ich bei der Armee mal ausprobiert hatte) und meine Eltern und ich sorgten uns um Kathrin und die immer noch nicht viel \u00e4lter gewordene, vier Wochen war sie jetzt, Friederike. Mein Vater brachte sie zu den Schwiegereltern im fernen Th\u00fcringen in Sicherheit und ich muss wohl so durch den Wind gewesen sein, dass meine Mithausbesitzer mich dann auch weggeschafft haben und meinten, ich sei so ziemlich unertr\u00e4glich. Eine Malerin, zu der sie mich brachten, die in meinem Alter war, wohnte denn auch auf dem Dorf, das weit genug weglag und uns fast jedes Mal, wenn wir uns gesehen hatten, die Natur uns einen Wink gegeben hatte, das Animalische dieser romantischen Beziehung nicht allzusehr ausarten sollte. Immerhin hatte sie als recht frisch Geschiedene sogar einen Trabi, und ich bat sie am n\u00e4chsten Morgen, es war Sonntag! , nach Teltow zu bringen. Und es wurde in unserer Au\u00dfenstelle in Teltow gearbeitet, weil einiger Ausfall, entstanden durch die neuerworbene und ausufernde Tourismusm\u00f6glichkeit, nachgeholt werden musste. Ich sagte ihr, sie solle warten, bis ich mit einem Wagen das Gel\u00e4nde verlassen w\u00fcrde und winken w\u00fcrde, sonst m\u00fcssten wir und was anderes \u00fcberlegen. Ein Plan B war aber dann doch nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Bahn hatte ich ja Skepsis, war ich doch auch schon mal als Soldat auf dem Potsdamer Hauptbahnhof von den Feldj\u00e4gern mit vorgehaltener MPI verhaftet worden, und der Elektroniker, mit dem ich viele sch\u00f6ne Projekte gemacht hatte in der Friedenszeit, brachte mich bis Merseburg, wo ich den Bahnhof nur inspizierte und lieber per Anhalter auf einem S50 nach Wei\u00dfenfels mich mitnehmen lie\u00df. Dort borgte mir einer der nettesten Jenaer Kollegen und Genossen seinen Trabant, den er gern der gemeinsamen Sache und jetzt ja wohl eher meiner Sicherheit wegen, mir bis Montag \u00fcberlie\u00df, dass ich mich in meine zweite Heimat, nach Jena begeben k\u00f6nnte, wo in sehr ordentlichen Altneubauten mich Kathrin und meine j\u00fcngste Tochter bei den Schwiegereltern erwarteten.<\/p>\n<p>Es wurden in einem Familienrat die Ereignisse der letzten Tage ausgewertet, auch das, dass schon zwei Krankenwagen in meinem Leben aufgetaucht waren, die mir bis heute etwas suspekt sind und mehr Aufsehen erregen, als wirklich notwendig. Kurz, wir fuhren in die n\u00e4chste Klapsm\u00fchle und ich hatte es mit einem wirklichen Arzt zu tun, dem ich auch viel zu erz\u00e4hlen hatte. Nach einer Viertelstunde des Gespr\u00e4chs sagte er abschlie\u00dfend, wobei ich mal eben den \u201eMoskautrip\u201c lieber ausfallen lie\u00df: \u201eSie sind nicht verr\u00fcckt.\u201c Drauf ich: \u201eDas merken Sie sich mal gut, und wenn Sie einer mal danach fragen sollte, dann w\u00e4re es nett, wenn Sie diesen, Ihren Eindruck dann auch vertreten w\u00fcrden.\u201c <\/p>\n<p>Als ich nach einer Woche dann wieder in Berlin zur Arbeit erschien, behandelten die Kollegen und Genossen (deren Zahl allerdings zusehens dahinschmolz) nachsichtig und keiner fragte danach, wie mir diese aufregenden Tage im Griesingerkrankenhaus, und wer spricht schon \u00fcber einen solchen Aufenthalt unter den Verr\u00fcckten und notorischen Rauchern, wohl bekommen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Epilog: Als ich dann je in der durch die Umweltverschmutzung gebeutelten, aber immer noch sch\u00f6nen S\u00e4chsischen Schweiz meinen Enkeln zu erkl\u00e4ren versuchte, was der Unterschied zwischen Mensch und Natur ist, dass jene n\u00e4mlich nach der Physik in der Lage sei, alle M\u00f6glichkeiten einzubeziehen und sie ihre eigenen F\u00e4higkeiten mal daran erproben sollten, welche M\u00f6glichkeiten es gibt, ein Handy abzuh\u00f6ren oder auszulesen, sind sie wacker auf einige M\u00f6glichkeiten gekommen (zum Beispiel das Display zu fotografieren), ich aber auf ein paar mehr, wenn auch ebenfalls nicht auf alle, wie es eben nur die Natur kann. Der arme Erich und die anderen Altvorderen allerdings noch auf viel weniger, sonst h\u00e4tte ihnen ged\u00e4mmert, dass, wenn sie zu Hause bei Margot oder wem auch immer, per Funktelefon in ihren Zitronen und Volvos das Mittagessen bestellt hatten, dar\u00fcber dann nicht nur die holde Gattin Bescheid wusste und es gelte diesem gelernten Dachdecker und den anderen Kommunisten, die doch alle die zu Ihnen mehr oder weniger Aufschauenden oder kritisch Eingestellten &#8222;geliebt\u201c hatten, es gelte ihnen als Trost, dass man heute der Natur so nahe kommt, dass man ein paar M\u00f6glichkeiten mehr in Betracht zieht, m\u00f6gen sie wohl je das Licht der Erkenntnis erblicken oder nicht.<\/p>\n<p><em>C. R. 4.4.2023 im f\u00fcnften Stock<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung Ich unterhielt mich mit den Sowjetsoldaten, die eigentlich mit ihrem Kranwagen nach Nauen wollten, ich aber ins Hauptquartier nach W\u00fcnsdorf, was ja nicht gerade am Wege lag. 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