{"id":4204,"date":"2023-04-04T08:35:53","date_gmt":"2023-04-04T06:35:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4204"},"modified":"2023-12-08T22:59:04","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:04","slug":"kein-jahrestag-kein-anlass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4204","title":{"rendered":"Kein Jahrestag, kein Anlass \u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kein Jahrestag, kein Anlass \u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u2026 ist, sich der Tage Anfang November 1989 zu erinnern, was nun fast 34 Jahre her ist. Kein Tagebuch st\u00fctzt meine Erinnerungen und auch nicht der Wahrheitskaffee der STASI. Nicht nur unsere Altvorderen waren in den Dialog eingetreten, sondern wir in unserem Produktionsbetrieb ZWG, einem Fremdk\u00f6rper in der ansonsten einigerma\u00dfen beschaulichen Akademie. Wir hatten unsere Ausreisekandidaten, die wir zur Arbeit anhalten sollten, die sie aufgegeben hatten, wohl in der Annahme, dass das der einfachste Weg in den Westen sei, die wir am besten von zu Hause h\u00e4tten abholen sollen und die vor lauter Systemschmerz nicht das Geringste zustande brachten. Wir hatten unsere Umweltsch\u00fctzer, die um zwei bereits abgestorbene B\u00e4ume am Wege bangten und die dann nach der Wende sang- und klanglos abgeholzt wurden, als dann die Z\u00e4une um das Akademiegel\u00e4nde abgebaut wurden, was zu Ostzeiten unvorstellbar gewesen w\u00e4re. Und wir haben Sebastian Pflugbeil zu uns in die Parteiversammlung eingeladen, wohl auf mein Betreiben, und er hat denn auch die recht vern\u00fcnftigen Vorstellungen des Neuen Forums bei uns vertreten, was mit gro\u00dfem Interesse unsererseits aufgenommen wurde. Ich galt damals auch etwas als Reformer und war ja auch der ewige Nachwuchskader, eine Rolle, aus der ich nie wieder herausgefunden habe in meinem Leben.<\/p>\n<p>Die Parteiversammlungen fanden nicht mehr in der gewohnten Regelm\u00e4\u00dfigkeit statt, sondern h\u00e4uften sich, so wie auch immer gravierendere Probleme anstanden und wir das Gef\u00fchl nicht loswurden h\u00f6herenorts nicht geh\u00f6rt zu werden. Auf einer dieser Versammlungen, es war in der Woche vor dem denkw\u00fcrdigen 4. November, w\u00e4hlten wir unsere Parteileitung ab und ich wurde Sekret\u00e4r der Grundorganisation von etwa 200 Genossen. <\/p>\n<p>Was den 4. November anbelangt, diese gro\u00dfe Demonstration auf dem Alexanderplatz, fehlte jegliche Direktive, wie wir uns dazu verhalten sollten. Ich fuhr mit Kathrin, meiner damaligen Lebensgef\u00e4hrtin, und dem Kinderwagen mit unserer nicht ganz vier Wochen alten Tochter, Friederike, dorthin und es war einerseits interessant, was man sich alles an Plakaten hatte einfallen lassen (STASI in die Produktion) und die K\u00fcnstler redeten auch von der Seele weg, aber ich werde die Atmosph\u00e4re der Angst und des sich gegenseitigen Taxierens nicht vergessen. Alle standen auf Abstand und versuchten herauszubekommen, ob sich der Nebenstehende nicht als Zivilbeamter entpuppt, der einen im n\u00e4chsten Moment hopp nehmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der einzige \u201ePolitiker\u201c, der da auftrat war G\u00fcnter Schabowski und kam nicht besonders gut an. Auch der von mir gesch\u00e4tzte Markus Wolf, ehemaliger Abwehrchef und dann Schriftsteller, nicht. Da hatte ich mir gew\u00fcnscht, den einen oder anderen Genossen zu treffen, denn die Reden waren durchaus h\u00f6renswert und in aufgekratzter Stimmung und nicht weiter behelligt kamen wir wieder zu Hause an, wo eine Truppe junger M\u00e4nner uns gerade aus alten Zaunpf\u00e4hlen eine Heizung zusammenschwei\u00dfte, die ich allerdings erst in der Woche dann wiedersah. Ich forstete die NDs durch, die ja nicht viel vom wirklichen Geschehen berichteten, aber wir waren es ja gewohnt \u201ezwischen den Zeilen\u201c zu lesen. Es lie\u00df mir keine Ruhe, dass man die Hauptkraft, die nun mal nicht die STASI war, sondern die Partei, so hatte im Ungewissen lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir waren damals mit einem Paar befreundet, wo sie Gesellschaftswissenschaftlerin war und er kleiner Kulturfunktion\u00e4r. Ein ausgesprochen unkonventionelles Paar, das ich hier nicht benennen m\u00f6chte, mit denen sich sehr gut diskutieren lie\u00df und die in Marzahn wohnten. Auf Grund meiner Erfahrungen hielt ich es f\u00fcr besser, einen Spaziergang zu machen und setzte IHM meine Vorstellung auseinander, dass man nun endlich diese Hauptkraft, und die meisten darin waren ja auch besten Willens, auf die Stra\u00dfe bringen m\u00fcsse, und zwar vor das Zentrum der Macht, das ZK. Seltsamerweise wusste ich da auch schon den genauen Termin, es sollte der 8. November sein. Da wusste ich noch nicht, dass er mich im Stich lassen w\u00fcrde, was nun allerdings alle m\u00f6glichen Gr\u00fcnde gehabt haben konnte. Es arbeitete in mir fast ununterbrochen und bereits am n\u00e4chsten Morgen sollten wir wieder in die Stadt fahren (es war Sonntag), da da eine Aktivtagung der Partei der Akademie angesetzt war in der Nuschkestra\u00dfe, der Zentrale der Akademie. Diese besuchte ich mit IHM und wir standen, wie zu sp\u00e4t Gekommene in einer der T\u00fcren und konnten nur den Eindruck gewinnen, dass das alles am Leben vorbeigeht. Wir sind auch gar nicht bis zum Ende geblieben, sondern haben einen Abstecher in die Bezirksleitung gemacht, die sich im Hause des ZK befand. Da wurden wir nach einigem Hin und Her auch eingelassen und kamen bis ins Vorzimmer von G\u00fcnter Schabowski. Unseren Wunsch, ihn sprechen zu k\u00f6nnen, lie\u00dfen sie erst einmal offen. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch mit seiner Sekret\u00e4rin und sie sagte, dass er gestern au\u00dfer sich gewesen sei und geweint h\u00e4tte. Seine Rede war ja nicht sonderlich angekommen am 4. November. Dann wurden wir doch vorgelassen und sagten, dass wir vorh\u00e4tten, die Basis der Partei vor das ZK zu bringen. \u201eWas wollt ihr denn da?\u201c \u201eWir wollen sagen, wie die Dinge wirklich liegen\u201c, wir z\u00fcckten unsere roten B\u00fcchlein, hielten sie ihm entgegen und sagten: \u201eWir sind die Partei!\u201c Er: \u201eNur kein Pathos.\u201c Er hatte also nichts eingewandt und das sollten wir uns dann weidlich zunutze machen. <\/p>\n<p>Am Sonntagabend trafen sich die Mathematiker bei der Schriftstellerin Helga K\u00f6nigsdorf, die ich an diesem Abend zum ersten Mal sah und die selbst Mathematikerin war und einige sch\u00f6ne B\u00fccher publiziert hatte. Das waren lauter junge Mathematiker, die sich um sie geschart hatten, weil sie eine besondere Ausstrahlung hatte, obgleich oder gerade, weil sie schwerkrank war, und wir mussten ja eine Rednerin finden, sonst h\u00e4tten wir vielleicht gar nicht gewusst, was wir da vor dem ZK h\u00e4tten anstellen sollen. Sie erkl\u00e4rte sich auch bereit und gab zu bedenken, dass bei so einer heiklen Sache die STASI bestimmt eine Rolle spielen w\u00fcrde, deren Gepflogenheiten nun nach unserem Ermessen Markus Wolf noch am besten kennen m\u00fcsste. <\/p>\n<p>Wir hatten ja nun das Parteib\u00fcro unserer Einrichtung inne und au\u00dferdem war am Montagmorgen die Aktivtagung auszuwerten. Ich sagte den Genossen, dass wir eine Demonstration vor dem ZK planen und das Genosse Schabowski dagegen nichts einzuwenden gehabt hatte. Letzteres war notwendig und einer der ersten gl\u00fccklichen Umst\u00e4nde, denn die Parteidisziplin war doch geschriebenes Gesetz. Dann begaben wir uns ins frisch eroberte Parteib\u00fcro unserer Einrichtung und riefen alle, die wir erreichen konnten zu dieser Demonstration auf. Kopierer waren ja gesperrt und es war nur mit Genehmigung etwas kopieren zu lassen und wir produzierten solche Schnipsel, die zur Demonstration am 8. November aufrufen sollten. Wir baten weitere Genossen zu uns und starteten die Aktion \u201ePartei an die Werktore\u201c. Die Gruppen sollten zu den Betrieben am Dienstagmorgen gehen, wenn die Gro\u00dfbetriebe ihre Schichten begannen, fragen ob einer Genosse sei und bei Bejahung ihm einen solchen Schnipsel aush\u00e4ndigen. Wie uns am n\u00e4chsten Tag dann berichtet wurde, hatten da viele sich schon nicht mehr zu erkennen geben wollen und verleugneten ihre Mitgliedschaft.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich lief unser Telefon auch hei\u00df von der Kreisleitung unter der Leitung von Horst Klemm, aber wir reagierten nicht darauf und sagten, wir h\u00e4tten keine Zeit f\u00fcr einen Rapport und im \u00dcbrigen h\u00e4tten wir ja, wenn nicht das Einverst\u00e4ndnis, so doch die Duldung durch die Bezirksleitung. Zu diesem Zeitpunkt konnte nat\u00fcrlich keiner wissen, was daraus wird. Am Abend m\u00fcssen wir uns noch mal bei Helga K\u00f6nigsdorf gesehen haben, denn Markus Wolf berichtet in seinem Buch \u201eIm eigenen Auftrag\u201c, wie sie mir den H\u00f6rer gab, um die Konsequenzen unserer Handlungsweise in Erfahrung zu bringen. Ich fragte wohl, ob man so etwas anmelden m\u00fcsse bei der Polizei und er sagte, das \u00fcberlie\u00dfe er vollkommen unserem Ermessen. Also lie\u00dfen wir es, denn wer sollte schon den Genossen verbieten k\u00f6nnen, ihr eigenes ZK mal aufzusuchen. Wir hatten auch geschrieben, dass die Parteidokumente mitzubringen seien und schon am n\u00e4chsten Tag kursierten Ger\u00fcchte von einem kollektiven Niederlegen selbiger. Es sollte aber klar sein, dass es die Genossen der Parteibasis waren (Wir sind die Partei), die Rechenschaft forderten. Es bot sich auch an, da das ZK die ganze Woche ja in Permanenz tagte und Krenz am Montag das halbsch\u00e4rige Reisegesetz verk\u00fcndet hatte.<\/p>\n<p>Am Dienstag werteten wir erst den m\u00e4\u00dfigen und bedenklichen \u201eErfolg\u201c der Aktion:\u201cPartei an die Werktore\u201c aus und dann lie\u00df es sich nicht mehr vermeiden, dass ich in die Nuschkestra\u00dfe musste, wo Horst Klemm einige Wissenschaftlergenossen versammelt hatte, die nun alle darauf brannten, zu Wort zu kommen, ich das aber sehr skeptisch sah und darauf verwies, dass ich zwar der Organisator sei, aber nicht alles beeinflussen k\u00f6nne. In Adlershof waren noch einige Sachen zu kl\u00e4ren und von allen Seiten liefen dauernd Solidarit\u00e4tsbekundungen ein. Feliks Dzierzynski war auch solidarisch und sagte uns Lautsprecherwagen zu, falls es uns nicht gelingen sollte, eine Verst\u00e4rkeranlage aufzutreiben. Uns erreichte auch ein nicht genau auszumachender Anruf, dass sich vor dem ZK (heutiges Au\u00dfenministerium) Rosenrabatten bef\u00e4nden (heute nicht mehr), f\u00fcr deren Besch\u00e4digung ich als Organisator mit einigen Tausend zu haften h\u00e4tte. Am Morgen, ich habe bis dahin immer zu Hause \u00fcbernachtet, kam mein Vater recht aufgeregt. Mein Direktor habe ihn angerufen und ich sei im Griesinger Krankenhaus eingeliefert worden. Ich: \u201eDu siehst mich doch hier, dann stell doch mal eine Vermisstenanzeige.\u201c Eines dieser aufregenden Morgenstunden hatte sich auch eine \u00c4rztin mit einer Spritze eingefunden, die mich \u201eberuhigen\u201c sollte. Es war eine Bekannte und man kann da gute Absichten unterstellen, aber irgendwie kam es dann doch nicht dazu, dass ich eingeschl\u00e4fert wurde.<\/p>\n<p>Diese letzte Nacht vor dem Ereignis habe ich nicht zu Hause verbracht. Ein Fahrrad, das ich mir von diesen Freunden geborgt hatte, lehnte ich einfach an einen Zug und ging zu Fu\u00df \u00fcber die Auen am Morgen nach Hause. Es wurde dann sogar zur\u00fcckgebracht, so waren diese Zeiten.<\/p>\n<p>Nun war der 8. November heran und es war sogar eine Meldung \u00fcber das Radio gekommen. Ich begab mich in das Institut meines Vaters in der Franz\u00f6sischen Stra\u00dfe und bat im dortigen Parteib\u00fcro telefonieren zu d\u00fcrfen. Als der Betreffende merkte, was der Inhalt des Telefonats war und was ich eventuell f\u00fcr ein Sch\u00e4dling bin, musste ich sehen, dass ich schnell wieder wegkam und verschwand. Wir hielten uns dann in einem Institut der Akademie auf, an die Heizung gekauert, dass wir durch die Fenster nicht zu sehen waren. Zum Gro\u00dfen Haus wurde ein Parlament\u00e4r geschickt, der das mit der Verst\u00e4rkeranlage aushandeln sollte und dann auch erfolgreich zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>Eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit n\u00e4herten wir uns dem ZK, das verwaist aussah, bis auf einen Trupp von Westreportern, die wir erst \u201ewegkomplimentieren\u201c mussten und die ja das Folgende auch in der Versenkung haben verschwinden lassen. Daf\u00fcr war \u00fcberraschender Weise das DDR Fernsehen da und es sammelten sich auch immer mehr Genossen. In der Mitte stand auf der Terrasse vor dem Gro\u00dfen Haus das Mikrofon. Ich nahm es und stellte es unten hin, woraufhin der Techniker es abschaltete. Ich musste ihn erst ein bisschen durchsch\u00fctteln, dass er es wieder in Betrieb setzte. Zu guter letzt stand es dann aber doch wieder oben \u2013 einige kleine Kompromisse gab es schon. Die Kameras standen auf Hebeb\u00fchnen und es h\u00e4tte mich stutzig machen m\u00fcssen, als eine davon am Kabel in freien Fall versetzt wurde.<\/p>\n<p>Helga K\u00f6nigsdorf hielt die Er\u00f6ffnungsrede und wir befragten Genossen im Hintergrund, wozu sie gerne sprechen w\u00fcrden. Laufend gingen aus der Partei Meldungen von abgesetzten Parteifunktion\u00e4ren ein, denn man darf nicht vergessen, dass diese demokratische Grundlagen hatte, auf die man sich berufen konnte. Und so forderten wir, wie auch Markus Wolf am 4.11. als ausgepfiffener ehemaliger Abwehrchef, der dies aber als Nervenstarker verkraftet hatte, eine Parteikonferenz. Dieses f\u00fcr Krisensituationen vorgesehene Instrument w\u00e4re wahrscheinlich das Rechte gewesen, aber einen Monat sp\u00e4ter wurde daraus ein Sonderparteitag. Diese Reden, die fast durchg\u00e4ngig aus dem Herzen kamen, hat das DDR Fernsehen aufgezeichnet und life \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Dann passierte etwas Unvorhergesehenes. Die T\u00fcren flogen auf, wir wurden zur Seite gedr\u00e4ngt und das lachende Pferd trat mit seinem Gefolge heraus. Sofort wurde sein Vorname mehrmals skandiert von einigen, die sich ganz vorn postiert hatten. (Einen Tag sp\u00e4ter hat der Brigadier unserer Heizungsbrigade, die jeden Arbeitserfolg mit einem \u201eZupp\u201c bedachten, sich als Sekret\u00e4r von B\u00e4rbel Bohley geoutet und uns erkl\u00e4rt, dass die Claqueure von der Hochschule f\u00fcr Staat und Recht waren, was sich  nun gar nicht vermeiden lie\u00df). Es klang fast, wie der Vorname eines d\u00e4nischen Sympathietr\u00e4gers der DDR Fernsehzuschauer, schien mir.<\/p>\n<p>In dessen Gefolge hatte sich auch Horst Klemm befunden, der einem Leichnam glich und mir, um den es nicht viel besser stand, einen schlaffen H\u00e4ndedruck, vielleicht in Gemahnung an unser Einigkeitssymbol, gew\u00e4hrte. Als dieses hohe, selbstgewisse und immer lachende Pferd  dann verschwunden war, war es dann auch vor\u00fcber mit der so sch\u00f6n spontanen Demonstration, auf der unter Genossen das Wunder freier und von Herzen kommender Rede geschehen war. Alles verlief sich, und was nun? Die engsten Genossen wurden noch mal nach Adlershof eingeladen, ins Studio des Zweiten und das sollte eine Art Lebensversicherung sein, dass wir dort noch mal berichten durften. Dann zu meinen Eltern, die fast alles im Fernsehen verfolgt hatten und wohl auch ein bisschen stolz waren auf ihre S\u00f6hne, aber was nun?<\/p>\n<p>Ich jedenfalls hatte erst mal etwas Verfolgungswahn, aber auch noch einen Plan. Wenn das alles noch nichts bewirkt hatte, was war dann mit dem Volk? Ich fuhr mit meinem Trabbi irgendwo hin und f\u00fchlte mich am unberechenbarsten, wenn ich jetzt \u00fcber ein paar Z\u00e4une stieg. Es war die Gegend von Karlshorst und ich besuchte dann aufs Gratewohl eine Frau in einem Einfamilienhaus, der ich auseinandersetzte, dass das Eisen nun weiter durch das Volk, also meinetwegen das Neue Forum zu schmieden sei und ob sie von denen jemanden kenne. Sie sagte mir eine Adresse auf einem Hinterhof. Es war jetzt Donnerstag, der Tag, an dem am Abend die Mauer fiel. Ich hatte den Fizz, nun mal eben die B\u00fcrger aufzurufen, gleich mal allesamt vor dem ZK zu erscheinen und dann N\u00e4gel mit K\u00f6pfen zu machen. Ich hatte sogar eine Aktentasche mit, die ich dann einfach in einem Schreibwarenladen zur Aufbewahrung abstellte. Die Wohnung war die von Ingrid K\u00f6ppen, und war voller B\u00fcrgerbewegter. Ich habe ihr meinen Plan auseinandergesetzt und sie meinte, dass das bei dem Neuen Forum nicht so schnell ginge, sie seien eben eine demokratische Organisation mit Meinungsbildung und so. Da wollte ich es mit dem Rundfunk probieren und fragte sie, ob ihr Telefon sauber sei, was sie zwar bejahte, aber selbiges sofort seltsame Ger\u00e4usche von sich gab, sodass ich es vorzog, auch diesen Ort wieder zu verlassen. Es war nun wieder Friedhofsruhe und ich habe alles versucht, um meinen Plan umzusetzen. Letztlich war nur ein mir sehr nahestehender Mensch dann wirklich vorm ZK, alle anderen waren wohl mit Fernsehen besch\u00e4ftigt oder haben getagt, wie eben das ZK.<\/p>\n<p>Als ich dann von der Grenz\u00f6ffnungsnachricht h\u00f6rte, ging ich auch selbst noch einmal zum ZK, trat ein und zog meinen beachtlich schicken wei\u00dfen Anorak aus, \u00fcbergab ihm dem Pf\u00f6rtner mit der Ma\u00dfgabe: \u201eF\u00fcr das lachende Pferd\u201c. Hielt ich doch das Ganze f\u00fcr ein Ablenkungsman\u00f6ver und lebte f\u00fcr einige Tage in der Vorstellung, dass man beliebte, mit der Ma\u00dfnahme der Grenz\u00f6ffnung einen kleinen Milit\u00e4rputsch zu verbinden. Der Pf\u00f6rtner nahm auch diesen Anorak entgegen, man war in diesen Tagen einiges gewohnt, und nun sollten sie sehen, was sie damit wohl anfangen k\u00f6nnen. Auf jeden Fall, ihn erst mal f\u00fcr eine Weile untersuchen m\u00fcssen. Den mir nahestehenden Menschen hatte ich gar nicht mehr angetroffen, und er war wohl so entt\u00e4uscht, wie es die engsten Genossen wohl auch sein werden, die ich hier alle nicht mehr namentlich w\u00fcrdigen kann.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg hielt die S-Bahn auf freier Strecke, direkt an der Br\u00fccke in Baumschulenweg. Damals konnte man noch die T\u00fcren \u00f6ffnen, wann man wollte, und ich stieg einfach auf den Schotter runter, besuchte meinen Ex-Schwiegervater, der der einzige war, den ich kannte, der etwas mit dem Staatsapparat mal zu tun gehabt hatte. Auch da lief ich ein bisschen ins Leere, aber er lie\u00df hinterher mal in der Familie durchblicken, dass ich m\u00e4chtig Schwein gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, also Freitag, waren viele nicht arbeiten und holdrio in den Westen. Auch da hatte ich noch einen Plan, aus dem dann auch nichts mehr wurde. Immer dieses Ding mit dem Milit\u00e4rputsch im Hinterkopf, und wer Berlin damals gesehen hatte, alles voller parkender Autos und eben das blanke Chaos, der hatte vielleicht auch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese etwas panische Vorstellung. Man hatte mich schon vor der Demo als Parteisekret\u00e4r wieder abgesetzt, weil das ganze Unternehmen doch zu gewagt erschienen war und ja doch so glimpflich abging. Trotzdem konnte ich am Freitagmorgen noch Genossen um mich scharen und schlug mal eben einen Fu\u00dfmarsch von Adlershof zum Gro\u00dfen Haus vor, wo sich bestimmt noch einige dazugesellt h\u00e4tten, woraufhin mir der vorherige Parteisekret\u00e4r (Siegfried M\u00fcller) das wutschnaubend untersagte, dann verschwand und statt seiner dann zwei Krankenwagen auftauchten, ein ziviler und ein milit\u00e4rischer und wir mit M\u00fch und Not in eine geschlossene Abteilung uns absetzen konnten, wohinein die hilfreichen H\u00e4nde nicht so schnell gelangen konnten.<\/p>\n<p>Ein Genosse handelte mit den \u201eMedizinern\u201c freies Geleit aus nach Neue M\u00fchle, und dort sollten wir wie alle anderen in dieser Zeit fernsehen, denn es tagte jetzt live die Volkskammer. Das ertrug ich nicht lange und auch die bereitliegenden \u201eSpiegel\u201c reizten mich nicht. Ich stieg also \u00fcber die verschlossene T\u00fcr und der liebe Gott wollte, dass ein Kranwagen der sowjetischen Streitkr\u00e4fte unmittelbar neben mir anhielt, die Soldaten ausstiegen und nachsahen, ob sie unter der Autobahnbr\u00fccke durchk\u00e4men. Ich fragte, ob sie mich mitnehmen k\u00f6nnten: \u201e\u0414\u0430, \u0440\u0430\u0437\u0443\u043c\u0435\u0435\u0442\u0441\u044f. \u0414\u0430 \u0447\u0442\u043e \u0436\u0435!\u201c<\/p>\n<p>Fortsetzung folgt <\/p>\n<p>C.R. anno 2023<\/p>\n<p>Erratum zur \u00dcberschrift: Doch ein Anlass, der Geburtstag meiner \u00e4ltesten Tochter, die sich eigentlich besser auf Spanisch versteht und der das alles bis hierhin auch recht spanisch vorkommen wird. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch Dir in der Ferne!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Jahrestag, kein Anlass \u2026 \u2026 ist, sich der Tage Anfang November 1989 zu erinnern, was nun fast 34 Jahre her ist. 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