{"id":4191,"date":"2023-03-26T20:06:21","date_gmt":"2023-03-26T18:06:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4191"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"lieber-eberhard-aurich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4191","title":{"rendered":"Lieber Eberhard Aurich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lieber Eberhard Aurich,<\/strong><\/p>\n<p>auf fast konspirative Weise erreichte mich Ihr Buch, \u201eZusammenbruch\u201c, zu dem sich Hans-Dieter Sch\u00fctt nicht in der Lage sah, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Man fragt sich, warum 30 Jahre nach den Geschehnissen vergehen mussten, bevor sie nun in den kleinen Chor der sich Erinnernden einstimmen und so etwas wie eine Lebensbilanz ziehen, die sich in drei Monaten zusammenballten wie Kumuluswolken vor einem Gewitter. Der Regen, in dem wir dann standen, und uns die Ereignisse \u00fcberholten, f\u00fchrt aus der Perspektive der Verantwortlichen in die Ratlosigkeit, die sich offenbar selbst fremdgeblieben waren, man konnte da nicht von einer Aristokratie sprechen, wo sich doch deren Vertreter wenigsten privat ganz wohlgef\u00fchlt h\u00e4tten, sich in B\u00e4llen ergangen, auf denen man sich im small talk h\u00e4tte austauschen k\u00f6nnen. Das waren keine Herrscher nach aristokratischem Zuschnitt, sondern jeder hatte wohl auch immer eine gewisse Angst, den Anforderungen, die ja immens waren, nicht gen\u00fcgen zu k\u00f6nnen und keiner konnte dem anderen so recht trauen. Das zu erfahren, war mir wirklich neu. Es gab wohl keinen rechten Filz. Damit hatte es sicher nicht mal in der Waldsiedlung geklappt, mit den ach so d\u00fcrftigen wie l\u00e4cherlichen \u201ePrivilegien\u201c, die es dort gegeben hatte.<br \/>\nSie wohnten (oder wohnen \u2013 ich auch) in der Platte, joggten regelm\u00e4\u00dfig und fuhren dann nur ungern Citroen, und haben diese dann sogar abgesto\u00dfen. Sie setzten in dieser hei\u00dfen Zeit sehr auf Gespr\u00e4chskultur, ein weiteres Plus. Man kann es nicht anders einsch\u00e4tzen, als dass die Mitglieder, sei es der Partei oder der FDJ, in gewisser Weise zu den Funktion\u00e4ren aufschauten, was diesen doch naturgem\u00e4\u00df auch ein gewisses Wohlbefinden verschafft, solange dieses Aufschauen w\u00e4hrt. Das alles ist gar nichts schlechtes. Gejagt von Parteidirektiven und Vorf\u00e4llen in den eigenen Reihen, H\u00f6hepunkten und internationalen Verpflichtungen, kann ich mir vorstellen, dass das innerliche Gleichgewicht und eine ganz individuelle Bildung auf der Strecke bleiben mussten, wobei ich gerne Bildung nicht verwechseln m\u00f6chte mit Vielwisserei, wie sie die Intellektuellen pflegen. Das wurde mehr an die Spezialisten delegiert und mir fiel auf, dass Sie sehr viel von dem Soziologen Friedrich in Leipzig hielten. Jeder wei\u00df, dass soziologische Erhebungen und Schlussfolgerungen zu Verschlusssachen geh\u00f6rten. Mit der Kultur verfuhr man ebenso ehrf\u00fcrchtig, dabei hatten Sie mit Poetenseminaren und Rockbands zu tun. Ganz unten waren Sie wohl nie angekommen, was ich Ihnen auch nicht w\u00fcnschen mag.<br \/>\nGeheimdienstliche Aspekte streifen sie nur sehr am Rande, dabei geh\u00f6rte das selbst zu meinem Leben als kleines Licht und spielte eben in der DDR, wo man nicht auf die Idee gekommen war, einfach einen Teppich von Meinungen zuzulassen, der jede neue Idee zum Untergang verurteilt h\u00e4tte, wie es heute ist. Dieser Teppich ist allerdings nicht das Allheilmittel und falls Sie sich fragen sollten, welche Aufgaben vor der heutigen Jugend stehen, so w\u00e4re das ohne noch gr\u00f6\u00dfere Hohlheiten nicht zu beantworten. Ihnen wird nicht entgangen sein, dass nach Nachhaltigkeit und Digitalisierung, nun die Dummheit die Vernetzung als neuestes Unwort erfand, was dem einzelnen etwa so viel sagt wie \u201eVorw\u00e4rts zum Xten Parteitag\u201c. Um gesellschaftliche Ziele ist man heute verlegen und selbst die Schamaninnen raten einem, nachdem sie einige Jahre davon sprachen, dass man seine Mitte finden und nicht verlassen sollte, in einem Wir zu denken. Wenn nur dieses Wir wiederkehrte, w\u00e4re doch schon viel gewonnen, man muss da nicht gleich an ein System denken.<br \/>\nSo meine Gedanken bis Seite 144. Ich bin nicht ganz sicher, ob es dar\u00fcber hinaus noch etwas bringt. Sch\u00f6n, dass wir diese Zeit erleben durften, die uns nun die restlichen Tage noch zu denken gibt.<\/p>\n<p>F\u00fcrs erste, das.<br \/>\nMit Fr\u00fchlingsgru\u00df nun erst mal Schluss<\/p>\n<p>Ihr Christian Rempel<br \/>\nGern zur Ver\u00f6ffentlichung auch auf Ihrer Seite.<\/p>\n<p><em>Zeuthen, den 26.3.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Eberhard Aurich, auf fast konspirative Weise erreichte mich Ihr Buch, \u201eZusammenbruch\u201c, zu dem sich Hans-Dieter Sch\u00fctt nicht in der Lage sah, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. 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