{"id":4188,"date":"2023-03-12T15:11:29","date_gmt":"2023-03-12T13:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4188"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"lieber-stefan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4188","title":{"rendered":"Lieber Stefan\u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lieber Stefan,<\/strong><\/p>\n<p>Du \u00fcberlie\u00dft mir ganz im Sinne des in h\u00f6heren Sph\u00e4ren Schwebenden, die geistige Akrobatie des Adorno, ohne ein Wort der Warnung oder Zeichen der eigenen Affirmation, der weiter die Geistesmassen durchwatete, auf der Suche nach immer mehr kritischen Anhalten, die dem Vernehmen nach sogar eine Schule der Westgoten ausgemacht haben soll, die sog. Frankfurter Schule, von wer wei\u00df was ich was.<\/p>\n<p>Ich will nun aus dem Ged\u00e4chtnis schreiben, weil mir doch Adorno nahelegte, dass sich die Stichhaltigkeit von Ansichten, an deren Herbeizitieren von Zitaten messen lie\u00dfe und er das profane Bild herbeiruft, von einer Kammer in die n\u00e4chste zu \u201edringen\u201c, was dadurch erleichtert wird, dass sich bei ihm all diese, doch eigentlich zu respektierenden und zu h\u00fctenden K\u00e4mmerlein, im gleichen Abstand zum Mittelpunkt bef\u00e4nden. Einem anderen war schon eingefallen, den ich bei meiner selbstgew\u00e4hlten Pr\u00e4misse auch nicht zitieren kann, dass sich das ganze organische Leben auf fressen und gefressen werden zur\u00fcckf\u00fchren lie\u00dfe und man es daher am passabelsten als Krankheit beschriebe.<br \/>\nIn dem Buch, das bis auf die letzte der 333 Seiten leider immer schw\u00e4cher wird und wohl gut die Frage Thomas Manns hatte provozieren k\u00f6nnen, was denn nun das Rechte sei, erf\u00e4hrt man fast immer nur das Unrechte, von dem mich nat\u00fcrlich brennend interessierte, warum auch die kommunistische Vision bei ihm durchfiel, wo er doch an dem bestehenden und auch jetzt wieder bestehenden vor allem monierte, dass sie eine normierende Tauschgesellschaft sei, die zu allem Ungl\u00fcck auch noch eine Kulturindustrie hervorgebracht h\u00e4tte. Da fand er den pausb\u00e4ckigen muskelstrotzenden Tatmenschen antizipiert, dem doch vielleicht auch mal einfallen k\u00f6nnte, nicht mehr nach den fernsten Sternen zu st\u00fcrmen, sondern der auch einfach nichts tun k\u00f6nnte, wie ein Tier es vermag. Diese Entdeckung nun hat sich bewahrheitet, da es doch auch inzwischen gen\u00fcgend Menschen gibt, die vom Zwang der Arbeit befreit sind, selbst wenn sie eingefleischte Antikommunisten sind.<br \/>\nNoch ein, zwei Stellen positiver Aussagen sind mir aufgefallen, die irgendwie mit dem Licht zu tun haben, einem R\u00e4tsel, mit dem ich mich ein Leben lang besch\u00e4ftigt habe. Man soll n\u00e4mlich die Dinge in ein solches Licht setzen, dass mehrere andere von selbst anfangen zu funkeln und einen so von einem zum anderen, hoffentlich nicht vom Hundertsten ins Tausendste f\u00fchren, wobei das unter das Verdikt des quantitativen fiele, das doch als Attribut der exakten Wissenschaften Philosophen zu f\u00fcrchten gelernt haben und lieber nicht mehr gelten lassen.<br \/>\nAber das Licht, aus dem die Welt vielleicht mal einzig bestanden hat und dem Adorno sein sch\u00f6nes Bild verdankt, vom Funkeln der jeweils anderen Dinge, die einen so herbeirufen, ist auch in der Schlussbedeutung, dass es einst ein messianisches Licht geben k\u00f6nnte, in dem die Welt bed\u00fcrftig und zerschrunden dal\u00e4ge. So gibt man deren Heilung an eine alte Menschenhoffnung ab, die die Menschheit schon vergessen zu haben scheint und man sich nur noch mit M\u00fche vorstellen kann, dass sie dessen \u00fcberhaupt noch gewahr werden w\u00fcrde, wenn es mal wieder so weit sein sollte.<br \/>\nDer arme Adorno lebte wohl in Zeiten, wo darauf besonders wenig Hoffnung bestand. Er konnte die Verh\u00fcllung des Reichtags nicht erleben, was ein solches Funkeln gewesen war. Er bewegt sich in der d\u00fcnnen Luft der Vielwisserei, die nat\u00fcrlich auch eine viel zu dichte ist, als dass man darin noch w\u00fcrde atmen k\u00f6nnen und die Crux des messianischen Lichtes hatte schon immer darin bestanden, dass sie gegenw\u00e4rtig nicht verstanden wurde und man sich dann im Nachhinein darum abm\u00fchte. Diesmal wird dem aber nicht so sein, und was bei ihm nicht ganz konsequent immer wieder mal anklingt, vom Subjekt und Objekt, halte ich f\u00fcr die zentrale Frage, dass wir es n\u00e4mlich damit zu tun haben, s\u00e4mtlich als Subjekte untereinander zu verkehren, die Natur eben eingeschlossen, was ich f\u00fcr meine bescheidene Erkenntnis halte, aber eben kaum einen finde, der in diese Hypothese fruchtbar einstimmen w\u00fcrde. Auch ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, so ein Subjekt unter vielen zu sein, das man ein bisschen erstnimmt.<\/p>\n<p><em>Mit Gr\u00fc\u00dfen aus dem Gedichtladen<br \/>\nChristian am 12.3.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Stefan, Du \u00fcberlie\u00dft mir ganz im Sinne des in h\u00f6heren Sph\u00e4ren Schwebenden, die geistige Akrobatie des Adorno, ohne ein Wort der Warnung oder Zeichen der eigenen Affirmation, der weiter die Geistesmassen durchwatete, auf der Suche nach immer mehr kritischen&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4188\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-4188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4188"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4189,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4188\/revisions\/4189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}